Manifest des Unzynischen Populismus

von Stefan Hetzel

Durch Moritz Eggerts Blog wurde ich auf ein Manifest Towards a New Classical Music Culture einer gewissen “eidelyn – composer, writer, performer, director: based in London, UK” aufmerksam. Selten habe ich einen Text über die nahezu verzweifelte Lage der Zeitgenössischen Klassischen Musik (ZKM) gelesen, der den Nagel mehr auf den Kopf trifft. Da das Manifest (bitte jetzt nicht an Anders Breivik denken!) mehr als 30 Druckseiten umfasst und evtl. nicht jede(r) die Zeit findet, so einen Riemen durchzuarbeiten, hier ein paar Zitate mitsamt daran anschließender eigener Gedanken:

Meanwhile, in more mainstream classical music institutions, the furious rate at which modern culture has progressed, and the way in which culture is made to constantly represent itself in our media-saturated world, has left the initiates holding onto some very strange and often totally irrelevant values, and attempting to uphold them if only to maintain some sense of self-possession.

Mit den “initiates” (Eingeweihten) sind all die Produzenten, aber auch einige Fans von ZKM gemeint, die still beschlossen haben, ihre Marginalität zu genießen, anstatt daran zu arbeiten, sie abzustreifen. Sie streben stets nach “Zeitlosigkeit”, “Transzendenz”, “Seriosität” und “Tiefe”, um ein vermeintlich “natürliches” Gegengewicht zum verdammenswert Ephemeren der Zeitgenössischen Popmusik (ZPM) zu bilden. Dabei wird gerade oft der “flachste” Popsong zur Signatur eines ganzen Jahrzehnts, während hochambitionierte Werke der ZKM nach einmaliger Aufführung für immer in der Schublade verschwinden.

For young people who want to feel culture-savvy, a knowledge of new independent pop music is of tremendous value, up there with a knowledge of independent cinema and new photography and conceptual art trends. Amongst all this, I’d be surprised if many of these people actually knew that new classical music was still being written.

Modern composers can build their pieces around complex academic structures which require a knowledge of music theory to appreciate, and they can be safe in the knowledge that only people who can appreciate such structures will actually listen to these pieces.

Die zwangsläufige Folge:

Those who aren’t a part of it are untroubled by it, and those who are initiated enjoy their privileged access.

Eidelyn sieht jedoch im Gegensatz dazu keine musikimmanenten Hindernisse, warum ZKM nicht ebenso, oder zumindest ähnlich stark im Zentrum des Interesses kulturell interessierter Menschen unter 40 Jahren stehen sollte wie ZPM, die außerhalb des Mainstreams arbeitet:

I … believe that there isn’t necessarily anything about a standard orchestra, chamber ensemble or choir which renders it unable to represent contemporary culture and society.

Der “historische Materialstand” (Adorno) der ZPM hat sich sowieso längst dem der ZKM angenähert. Spätestens seit den Experimenten des Post-Punk sind Atonalität, Geräusch, Collage oder auch Minimalismus etablierte Ausdrucksmittel der ZPM geworden.

Demzufolge gibt es für die ZKM nur eine Möglichkeit, sich aus ihrer selbst verschuldeten sozialen Bedeutungslosigkeit zu befreien:

New music needs to take one big and uncompromising step into real postmodernism if it is even going to begin to catch up with the rest of art.

Schließlich sei Klassische Musik das einzige kulturelle Segment, in dem die Historie über die Gegenwart triumphiere (mit Ausnahme vielleicht der Lyrik), in der Zeitgenössischen Bildenden Kunst (ZBK) oder der Zeitgenössischen Belletristischen Literatur (ZBL) sei eine derartige Vergangenheitsfixierung nicht zu bemerken. Man stelle sich ein Literaturmagazin vor, welches sich ausschließlich mit der Wiederveröffentlichung von Romanen des 19. Jahrhunderts beschäftigt – wie viele “Mainstream-“Leser hätte es? Oder es gäbe fast nur noch Ausstellungen und Galerien für die Kunst des Barock oder des Klassizismus – würde uns ohne ZBK nicht ein wesentliches Ausdrucksmittel der Gegenwart fehlen?

Die angestrebte reformierte ZKM muss dabei nicht “familienfreundlich” daherkommen, ihre Zielgruppe sieht anders aus:

Composers must be comfortable with the idea of writing for adults, and not for potentially squeamish, nostalgic or conservative elderly people either, but for socially-powerful, culture-making, intelligent, artistically-curious (but non-musical), real-life young adults.

Klar ist das die Klientel, die jeder erreichen will, liebe eidelyn, hehe.

Vorwärts also zur “unzynischen populistischen Bewegung” (eidelyns Formulierung)! Bedeutet dies ästhetisch nicht eine Quadratur des Kreises? Oder habe ich nur zuwenig Fantasie, weil auch ich noch zu sehr im dualistischen Denken der klassischen Moderne (eidelyn nennt das, allerdings in einem etwas anderen Zusammenhang, “all-or-nothing (totally uncommercial or total ‘sell-out’) culture)” verhaftet bin?

Diese Frage ist natürlich nicht rhetorisch gemeint.

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