Sein Kampf

Buchcover

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Der Künstler Jonathan Meese, geboren 1970 als Sohn eines Walisers und einer Deutschen, durfte jetzt seine “Ausgewählten Schriften zur Diktatur der Kunst” als Suhrkamp-Taschenbuch veröffentlichen. Der Wälzer kommt, samt schmalem Nachwort von Herausgeber Robert Eikmeyer, auf über 660 Seiten. Nun, es gibt vermutlich nicht allzu viele knapp über 40-jährige, denen jemals eine solche Ehre zuteil wurde. Was logisch die Frage nach sich zieht, ob Meeses Texte dieser Ehre würdig sind. Bzw. welcher Teufel die edition suhrkamp… Aber der Reihe nach.

Was weiß ich eigentlich über Meese? Nun, dank gelegentlicher Berichte im Fernseh-Feuilleton ist er mir bereits als fluxus-naher Aktionskünstler bzw. Maler aus der Ahnenreihe Beuys / Schlingensief bekannt. Er gibt gern den flammenden Redner vor mehr oder minder amüsiertem Vernissage-Publikum, guckt manchmal irre wie Charles Manson, hat lange Haare wie ein 68er und entbietet mitunter den Hitlergruß: Widersprüchlich genug, um “interessant” zu wirken.

“Wie kann ich den Kunstbetrieb provozieren, ohne ein wirkliches Risiko einzugehen?”, war sicherlich eine Frage, die sich Meese zu Beginn seiner Karriere gestellt hat. Und natürlich: “Wie kann ich Aufmerksamkeit über den Kunstbetrieb hinaus bekommen, ohne ein wirkliches Risiko einzugehen?” Die Antwort auf beide Fragen lautete für ihn offenbar: Adolf Hitler.

Sicher, Meese hat im Grunde viele HeldInnen, im praktischen Glossar gegen Ende des Buches werden außer dem notorischen Österreicher auch noch Andy Warhol, Balthus, Beuys, Charles Bronson, Claudia Schiffer, Echnaton, Edmund Hillary und Sherpa Tenzing, Jonathan Meese, Karl Marx, Kinski, der Marquis de Sade, Megan Fox, Mishima, Nero, Nietzsche, Picasso, Richard Wagner, Scarlett Johansson, St. Just und Tiberius aufgeführt (also Balthus hat mich verblüfft). Aber Adolf Hitler wird immer wieder gern in den Mittelpunkt gestellt. Meese wirft ihm tatsächlich vor, nicht radikal genug gewesen zu sein. Wenn ich ihn richtig verstehe, sieht sich Meese als den Künstler, der Hitler, aus Mangel an Talent, nicht sein durfte. Statt dessen habe sich der Österreicher auf die “Realität” eingelassen, dadurch entscheidend an “Radikalität” eingebüßt und sei dann zwangsläufig gescheitert. Der historische Hitler ist für Meese also nur unter dem schmalen Aspekt der “Radikalität” interessant. Welche Inhalte Hitlers Radikalität transportierte, interessiert ihn nicht. Da hat er seine eigenen (siehe unten).

Frauen tauchen in obiger HeldInnenliste nur als Schauspielerinnen und Models auf. Das Idealbild der Frau ist für Meese die “Lolita”, die komplett instinktsichere Verführerin, die eigentlich keine eigenen Interessen hat, außer eben, zu verführen. Sie ist die perfekte Verkörperung der zu errichtenden neuen Ordnung des “ritualfreien Spiels”. Die Lolita wird angestarrt und rückhaltlos bewundert und verehrt, sie löst beim Betrachter die “Revolution” aus. Von Sexualität ist nicht die Rede.

Meese interessiert sich für andere Künstler, SchauspielerInnen, Models, Herrscher, Abenteurer, Philosophen, Revolutionäre, Schriftsteller und Komponisten (neben Richard Wagner hat er Wolfgang Rihm zumindest ein Werk gewidmet) nur insofern, als er sie seiner (und hier passt der Begriff einmal wirklich) Vision einer neuen Ordnung der Welt dienstbar machen kann. Nimmermüde wird diese mit den immergleichen Worten skizziert: Der “Metabolismus” möge herrschen, wir sollen uns in “Demut” üben in einem “rechtsfreien Raum”. Die “Herrschaft der Sache” zählt, das “Stofftier” kündet vom “liebevoll sein”. Wenn wir nur, wie uns das “Lolitatum” lehrt, alle “von uns absehen” und unserem “Instinkt” folgen, wird sich die erlösende “Neutralität” schon entfalten.

Und gegen welche alte, aber leider noch herrschende Ordnung richtet sich dieser Entwurf? Es ist die verdammenswerte Welt der “Ich-Ästhetik”, der “Selbstverwirklichung”, des “Massenindividualismus”, des “Humanismus”, der “Demokratie”, des “Geschmacks”, des “Nationalsozialismus” (ja, richtig gelesen!), des “Kommunismus”, des “Menschen-Ich-Wahns”, des “Bewusstseins”, des “Kolosseums” (Meeses Metapher für die Gesellschaft des Spektakels), der “Nostalgie”, der “Kultur”, der “Menschenzucht”, der “Innerlichkeit”, des “Märtyrertums”, der “Kreativität”.

Auf seine Weise leidet Meese also offenbar an einem ähnlichen Zuvielisations-Syndrom wie der Kollege Christian Kracht (und zahllose andere vor und ganz sicher auch nach ihm). Er artikuliert das nur, seinem rustikal-überschäumenden Naturell entsprechend, ein wenig anders als der Schweizer Autor. Er ist direkt bis zur Kindlichkeit, macht sich angreif- und verletzbar, riskiert, sich lächerlich zu machen. Er dilettiert, traut sich alles zu, ermächtigt sich. Lässt man sich auf diese Strategie ein, bricht bei fortgesetzter Lektüre seiner stets mit größtmöglicher demagogischer Emphase ausgestatteten Texte dann wirklich allmählich etwas auf, man beginnt, unsere bundesrepublikanische Gegenwart mit anderen, nämlich Meeses, Augen zu sehen. Denn alle Phänomene, die Meese der alten Ordnung zuschreibt, gibt es ja wirklich. Und es gibt sicherlich auch genügend Gründe, diese Ordnung erstickend, mutlos, kleinmütig, proporzfixiert und bürokratisch zu finden. Interessanterweise wurden die bekanntesten Künstler, die mit Meese zusammengearbeitet haben (Daniel Richter, Leander Haußmann, Frank Castorf), in einer anderen Republik geboren: der Deutschen Demokratischen nämlich.

Meeses Texte sind utopisch im Wortsinn: sie haben und finden keinen Ort. Sie heben von einer mitunter ziemlich treffenden Diagnose der Gegenwart ab in ein Nirwana der “Kunst”, die sich von den Niederungen geschmäcklerischer “Kreativität” befreit und von Adolf Hitler die “Radikalität” geborgt hat, ohne die nationalsozialistische Ideologie zu übernehmen. So etwas ist natürlich gar nicht möglich – was Meese weiß und seine Anstrengungen anschließend verdoppeln lässt…

Der Witz dabei ist, dass Meeses Texte zwar pausenlos von der Großen Idee künden, die das ach so unerträgliche Elend des postmodernen Pluralismus’ handstreichartig beenden möge, er uns jedoch an keiner Stelle irgendeine inhaltliche Vorstellung von dieser Idee geben möchte. Logisch eigentlich – schließlich möchte er Adolf Hitlers Fehler, sich auf die “Realität” einzulassen, nicht wiederholen. Dadurch ist dieses Buch, gerade wenn man es inhaltlich ernst nimmt und nicht von vornherein als politisch inkorrekt diskreditiert, – was ja nun mal das Allereinfachste wäre! – eigentlich gar nicht diskutierbar. Und genau das will Meese ja – raus aus der demokratischen “Quasselbude” (Hitler), rein in die “geile” Totalität der “Kunst”. Immerhin das hat Meese geschafft: sein Buch lässt sich quasi nur als Ganzes akzeptieren oder ablehnen, es ist tatsächlich hermetisch. Sobald man irgendeinen Teilaspekt isoliert betrachtet, kommt einfach Unsinn heraus. So gesehen, steht er eher in der Tradition Hegels als Nietzsches, man muss nur “Kunst” durch “Weltgeist” ersetzen.

Am Ende bleibt die ernüchternde Einsicht, dass Meeses schier endlose Abfolge von Manifesten, Reden, Gedichten und Prosa bzw. einem Mischmasch all dessen, nur dem einen Zweck dient: Jonathan Meese bekannter zu machen. Das ist die “Sache”, von der er pausenlos schwadroniert, die er aber pompös als “die Kunst” bezeichnet. Nun, für Meese ist “die Kunst” eben: – Jonathan Meese. Er ist einfach nur in eigener Sache unterwegs, nicht mehr, nicht weniger.

Das muss dann eben reichen.

Meese über Pornografie und Demokratie

Zitat

Jonathan Meese (*1970)

Jonathan Meese (*1970)


Was findet der Mensch in einem Pornoladen vor?
Präzision, süßeste Werkzeuge, Totalität, Zukunft, Spiel und Gute Laune

Was findet der Mensch in der Demokratie vor?
Präzisionslosigkeit, Menschen-ICH-Wahn, Separatismus, Nostalgie, Totritualisiertes und mickrige Wettkampfideologie

Jonathan Meese: Ausgewählte Schriften zur Diktatur der Kunst (2012)

Improvised Science Fiction Piano Music

Matthias Hahns ebenso unterhaltsamen wie tiefgründigen Science-Fiction-Roman Cristos’ Himmelfahrt habe ich ja in diesem Blog bereits recht positiv rezensiert. Jetzt hat sich auch eine künstlerische Zusammenarbeit mit Matthias ergeben! Am Donnerstag, den 26. April werden wir ab 20 Uhr mit Literatur und Improvisierter Musik die Würzburger Blindeninstitutsstiftung rocken! Ergänzt wird die Veranstaltung durch eine Ausstellung grafischer Arbeiten von Maran Alsdorf, von der auch die Illustration der Buchausgabe von “Cristos’ Himmelfahrt” stammt.

Ausführliche Infos zur Veranstaltung gibt’s hier.

Hermetisch populär

Cosima von Bonin (*1962)

Cosima von Bonin (*1962)

Also Cosima von Bonin. Der hinterpommersche Name geistert schon seit Jahren durch meinen Kopf (wie so viele Namen), ohne dass ich eine diskrete ästhetische Position damit verbinde. Das mag an mir liegen. Sicherlich auch an mir liegt, dass ich den “richtigen” Eingang zur Ausstellung im Kölner Museum Ludwig trotz präziser Beschreibung eines freundlichen Museumsangestellten (“Links am Picasso vorbei”) nicht gleich, d. h. eigentlich überhaupt nicht finde und mir reichlich dämlich vorkomme, als ich mich dann doch plötzlich offenbar mitten im Geschehen befinde und erneut eine diesmal weniger freundliche Museumsangestellte fragen muss, wo es denn “losgeht”. Was sie mir auch nicht wirklich beantworten kann. Ich sei ja schon mittendrin. Nun gut. Mittendrin thront eine in Pastellfarben schimmernde stilisierte Riesen-Spielzeugrakete, auf der eine Art, hm, Plüschbär thront. Alles ein bisschen wie im Mädchenzimmer. Der riesige Hauptraum der Ausstellung, wo sonst virile Neuwilde wie A. R. Penck und M. Lüpertz düster dräuten, wurde von von Bonin in ein dysfunktionales Kinderzimmer verwandelt: Alles ist weich, pastellfarben und plüschig bzw. kissenhaft. Alles wirkt freundlich, optimistisch, positiv und (ein wenig) verspielt. Nur leicht abstrahierte, wohlbekannte Disney-Figuren finden häufig Verwendung. Und was soll das jetzt alles? Worauf weist das hin? Womöglich nur auf sich selbst? Bin ich dumm, unsensibel, provinziell und ignorant? Ach ja, die Musik Moritz von Oswalds soll hier auch eine gewichtige Rolle spielen, las ich in der Fachpresse. Tatsächlich zischt, summt und brummt es an allen Ecken und Enden und alle paar Meter hängt eine Art Klangglocke aus einem plexiglas-ähnlichen Material von der Decke herunter, unter der man ganz entspannt von Oswalds elektroakustischen Vierviertel-Minimalismen lauschen kann, ohne den Blick von von Bonins aus Herrentaschen- und Handtüchern bewusst schief zusammengenähten Textilbildern abwenden zu müssen. Nach ca. einer Viertelstunde glaube ich bereits, den Formenkreis der von Bonin’schen Artefakte abgeschritten zu haben – der Rest ist Variation. Das ist jetzt gar nicht mal kritisch gemeint: die Welt ist schließlich unübersichtlich genug, was brauchen wir da auch noch wirre, überladene Artefakte! Doch die Formensprache von Bonins ist ja nicht etwa simpel oder gar primitiv. Eher, hm, hermetisch im Ausdruck, aber populär vom Material her. Von Bonin (visuals) und von Oswald (sound) zusammen vermitteln mir jedenfalls ein in der zeitgenössischen Kunst selten erlebtes Gefühl des Optimismus’, der Zuversicht, des Das-schaffen-wir-schon bzw. Das-kommt-schon-hin. Denn da ist nichts Zynisches, aber auch keine wirkliche Verniedlichung bzw. Verkitschung (dafür blinkt die Ironielampe zu hell), eher scheint mir von Bonins Werk um die Legitimität eines eher privat gefärbten Glücks zu kämpfen, welches dann, indirekt, auch zu einer glücklicheren “Welt” führen soll. Ist das einfach nur naiv? Oder bin ich hier einfach nur gnadenlos spekulativ? – Klar ist jedenfalls, dass die 1962 geborene Künstlerin als Person vollständig hinter ihrem Werk verschwinden möchte (eine Strategie, die sie mit von Oswald teilt) – ein Konterfei der Künstlerin konnte ich in der gesamten Ausstellung nicht finden, das nebenstehende Porträt war im WWW gar nicht so leicht aufzutreiben. Also nochmal (und ein letztes Mal): Warum geht es? Um ein Immer-schon-versunken-sein des priviligierten weißen westlichen Mittelstands-Individuums in einer pastellfarbenen Komfortzone, dessen frau sich zwar schmerzhaft bewusst ist, zu dem sie aber dennoch keine praktikable Alternative sieht? Um eine “subversive” (gähn) “Kritik” an der “vorgemischten Welt” der Waren und des Konsums durch nicht-positive Affirmation derselben? Oder geht es um etwas ganz Anderes, das ich gar nicht verstehen kann, weil mir subtile Insider-Hinweise entgehen, substantielle Kontexte verborgen bleiben, profundes kunsthistorisches Hintergrundwissen fehlt etc.? Gibt es vielleicht gar nichts zu verstehen und ich soll nur die Schönheit des semantischen designs genießen, weist also dieser Text hier nur auf eine “Wut des Verstehens” hin, wie sie typisch ist für den anankastischen Spießer, der sich im mondänen, lässigen, endcoolen Milieu der contemporary art aber so richtig verirrt hat? Oder sollte Cosima von Bonins Arbeit etwa derartig komplex sein (bei, wie gesagt, eher überschaubarer Oberflächenstruktur), dass selbst ich als mehrjähriger eifriger Leser der “Texte zur Kunst” nicht einmal an der Oberfläche des semiologischen Schatzkästleins kratzen kann, welches sich hier meinen vor Anstrengung tränenden Augen darbietet? Wie gesagt – es muss an mir liegen!

P.S. Eventuell liegt von Bonins Trick darin, dass sie solange Kontexte und Anschlüsse wegstreicht, bis nur noch Fragmente von Bedeutungsoptionen zurückbleiben. Diese werden dann aber so effektvoll und eingängig wie möglich präsentiert. So entsteht diese eigentümliche, aber sofort wiedererkennbare und dann eben doch “individuelle” (wenn auch nicht individualistische) Mischung aus (siehe oben) “Pop” und “Hermetik”. Von Oswalds Musik ist eine ziemlich genaue akustische Widerspiegelung dieser Arbeitsweise. Paradox wird es dadurch, dass gerade durch das permanente Wegstreichen von Anschlüssen (Könnte man das “semantische Abstraktion” nennen?) wieder eine andere, neuartige Form von Anschlussfähigkeit entsteht. Vielleicht hat mich ja das so verwirrt.

Katholistischer Realismus

Der Dettelbacher Pfarrer Pater Johannes Messerer (links) und Domkapitular Dr. Jürgen Lenssen diskutieren über Michael Triegels Altarbild.

Der Dettelbacher Pfarrer Pater Johannes Messerer (links) und Domkapitular Dr. Jürgen Lenssen diskutieren über Michael Triegels Altarbild.

Da geh’ ich nichtsahnend und rein zufällig in die Dettelbacher Kirche, in der ich noch nie war und die mitten im durchaus bergigen Ort, besser: Örtchen, steht (verwinkelt bis dorthinaus, Dettelbach, auf den verschiedenen Ebenen, durchaus sehr interessant, “malerisch” sowieso), seh’ ich, dass die Kirche eben frisch herausgeputzt wurde: sehr ausgeräumt, ausgespart, befreit von historischem Ballast – und hinter dem Altar thront auch gleich, so denke ich, eine derart frisch renovierte uralte Retabel, dass mir die Farben nahezu ins Gesicht springen. Das leuchtet – nahezu penetrant. Dann – ein erstes Stutzen: die geometrisierenden Metallarbeiten über dem Triptychon müssen ja wohl eher 1950er Jahre sein – jedenfalls auf keinen Fall mittelalterlich, Renaissance oder Barock, das ist klar. Mein Blick wandert verunsichert über die altmeisterlich gepinselten Heiligendarstellungen, keine Irritation hier, bis er (der Blick jetzt) schließlich oben links an der Darstellung eines scheinbar auf dem Tafelbild liegenden Stücks halbtransparentem Papiers hängen bleibt, auf dem, recht krakelig, ein Dreieck aufgemalt ist.

“Logo – Postmoderne!”, macht es Klick im Kopf – und dann geht der Ärger los. Wie, das hat ein Zeitgenosse gemalt? Absichtlich? Aber ganz offensichtlich absichtlich und mit Fleiß! – Da werde ich doch glatt ein wenig fassungslos. Ich suche im Kirchenschiff nach einer erläuternden Schrift zum Werk und werde auch schnell fündig. Ein zwölfseitiges farbkopiertes Heftchen informiert mich, dass der Maler Michael Triegel heißt und 1968 in: – Erfurt geboren wurde. Jetzt macht es wieder Klick da oben: ein Ossi! Ja logisch ein Ossi – der aus metaphysischer Obdachlosigkeit heraus in den Schoß von Mutter Kirch … jaja, schon gut, grässliches Klischee, ich weiß. Also, was hat der Mann zu sagen, im Heftchen? Kann bzw. möchte er seinen “Katholistischen Realismus” (Tschuldigung, der musste jetzt ‘raus) auch begründen? Er will, er kann, er tut es folgendermaßen:

Im 20. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Moderne, wurde stets die große Freiheit der Kunst propagiert, die gerade von sich progressiv gebenden Strömungen immer wieder eingeschränkt wurde.

Logisch, wenn das 20. schon das Jahrhundert der Moderne war, kann das 21. nicht noch einmal das Jahrhundert der Moderne sein. Es muss also etwas anderes sein. Das Jahrhundert des Katholizismus (also nur zum Beispiel jetzt!)? Nur ca. 0,001 Promille der Menschheit haben während des 20. Jahrhunderts “die große Freiheit der Kunst propagiert” (nämlich die Avantgarden), der Rest war mit In-den-Krieg-ziehen oder schlichtem Überleben beschäftigt. Dass ebenjene Avantgarden die gewesen sein sollen, die die Freiheit der Kunst im 20. Jahrhundert “eingeschränkt” haben, ist nicht nur historischer Unsinn, es ist auch eine komplette, zudem ziemlich plumpe, Verdrehung der Tatsachen. Was Triegel evtl. meinen könnte, ist der mitunter kleingeistige Dogmatismus einiger Avantgarden (z. B. des Surrealismus’ unter André Breton), der immer wieder zur Verfemung einzelner Künstler (hier: Salvador Dalís) führte, die sich dem zur allein seligmachenden Wahrheit ausgerufenen ästhetischen Ideal zu widersetzen wagten. Was diese Künstler jedoch keineswegs “einschränkte”, sondern meist erst so richtig nach vorne brachte (man vergleiche nur die Bekanntheit Dalís mit der Bretons).

Alles sollte möglich sein und doch war es oft genug erklärtes Ziel der unterschiedlichen künstlerischen Strömungen, sich von vorhergehenden oder gleichzeitigen Entwicklungen rigoros abzusetzen.

Eine künstlerische Strömung, bei der “alles möglich sein sollte”, ist mir nicht bekannt. Und eine Bewegung, die sich von keiner “vorhergehenden oder gleichzeitigen Entwicklung” absetzen will, ist keine.

Das könnte auch für die gesamte Gesellschaft gelten.

Wie bitte? Sämtliche “progressive” Bewegungen des 20. Jahrhunderts, also bsp.weise auch die Wissenschaft (der wir Kleinigkeiten wie elektrische Straßenbeleuchtung, Zentralheizung oder moderne Medizin verdanken) stellten also lediglich “einschränkende”, “rigorose” Absetzbewegungen vom Althergebrachten dar, die die Freiheit eher verhinderten als beförderten?

Die Zeit scheint nicht mehr als ein Fluss verstanden zu werden – Vergangenheit nur noch als etwas zu Überwindendes.

Den Europäer möchte ich sehen, der auf sein ruhmreiches kulturelles Erbe (und sei es in der Form unterfränkischer Fachwerkhäuschen) verzichten möchte! Wir tun doch alles andere, als “Vergangenheit nur noch als etwas zu Überwindendes” zu verstehen, wir suhlen uns stattdessen doch geradezu im Musealen, stoppen wegen jedem noch so belanglosen archäologischen Fund wichtigste Bauvorhaben, lieben es, wenn Gebrauchsgegenstände des Alltags im Retro-Look der bsp.weise 1950er Jahre gestaltet werden, leisten uns kostspieligste, detailfanatischste Renovierungen auch noch der belanglosesten historischen Bausubstanz etc. Schlicht gesagt: wir glorifzieren die Vergangenheit, genießen die Gegenwart und fürchten die Zukunft. Aber Michael Triegel diagnostiziert etwas ganz anderes:

Gegenwart wird nicht mehr als gelebter Moment begriffen, sondern nur als Startblock auf dem Weg in eine alles verheißende Zukunft, die vage wie sie ist, uns zum Fetisch geworden ist.

Der “Zukunftsfetischist” scheint mir, zumal in Deutschland, eine eher seltene Spezies zu sein. Ich begegne eigentlich nur Menschen, die Angst vor der Zukunft haben (siehe oben).

‘Zukunft ist heute’ heißt es. Diesen Entwicklungen versucht die Kirche entgegenzusteuern.

Diese Passage wirkt unfreiwillig komisch, aber es ist gar nicht so leicht zu begründen, warum. Sinn macht das Ganze eigentlich nur, wenn man die vergangenheitsgesättigte Haltung der Kirche im Sinne Triegels als positives Gegengewicht zur “Geschichtsvergessenheit” der ach so dominanten Gegenwarts- und Zukunftsbesessenen versteht.

Doch wenn ich etwas für schlecht halte und mache das Gegenteil davon, heißt das, dass diese meine Haltung dann automatisch gut ist?

Der (gewollt?) kindliche Tonfall macht es an dieser Stelle natürlich schwer, dieser Aussage zu widersprechen. Außerdem weiß ich gar nicht genau, worüber Triegel hier eigentlich spricht. Will er einfach nur sagen, dass schlichtes Dagegensein noch keine Haltung ist? Und wenn adressiert er hier eigentlich?

In der Kunst, der Gesellschaft und in der Kirche scheint mir gleichermaßen zu gelten:

Nicht mit einem festgezurrten Dogma gewinne ich die Menschen, sondern nur mit einem brennenden Herzen, das Voraussetzung ist für aus Liebe geborene, menschliche Tat.

Jaja, die lieblosen, entmenschten Dogmatiker der Avantgarde stehen eigentlich auf einer Stufe mit der Heiligen Inquisition, weil sie das brennende Herz des wahrhaft liebenden Menschensohns M. Triegel nicht recht zu würdigen wissen. Nennt mich Torquemada.

Klang Bild Körper 2009 “Mandala”

This uncommercial independent project merges three streams of contemporary creativity that are usually separated: dance, electroacoustic music and computer animation.

Dancers and Choreography:
Christof Ganß, Heike Kernbach, Andrea Kneis

Music and Visualization:
Stefan Hetzel

The visualizations were created using “Milkdrop” by Ryan Geiss, “Advanced Visualization Studio” by Justin Frankel and own photographs. The original animations were programmed by E.os, Flexi, Geiss, Phat, Rovastar, Stahlregen, TobiasWolfBoi, yathosho and paranormality.

Learn more on the project’s homepage (in German).

Video “Eine Begegnung, wie sie kommt und geht”

Mit dem Cottbuser Experimentalfilmer Ralf Schuster arbeite ich bereits seit Kindertagen zusammen. Diese Arbeit entstand im Jahr 2006. Ralfs Animation entstand zunächst a capella, die Musik habe ich nachträglich hinzugefügt. Have fun!