“Ein Makake schrie elendig.”

Christian Kracht (*1966)

Christian Kracht (*1966)

Christian Kracht hat ein schönes Buch geschrieben. Punkt. Alles, was Georg Diez differenziert und ausführlich in seinem SPIEGEL-Artikel über den Autor ausgebreitet hat, den er für einen “Türsteher der rechten Gedanken” hält, der “antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken” in den “Mainstream” tragen wolle, klang für mich plausibel – bis, ja bis ich dann eben Krachts Buch las. “Imperium” ist nicht mehr und nicht weniger als ein zwar etwas arg knapp ausgefallener, aber in sich wohl ausgewogener postmoderner Abenteuerroman. Doch in jedem Kapitel von (beispielsweise) Thomas Pynchons “V” findet sich mehr an antimodernem, demokratiefeindlichem, totalitärem Denken als auf allen 242 Seiten dieses schwungvollen, geistreichen, witzigen, ironischen Textes! Nur, dass meines Wissens bisher niemand auf die Idee kam, Pynchon deshalb als “rechts” zu bezeichnen. Es bleibt also im Dunkeln, was Diez ritt, Autor und Roman derart zu verunglimpfen. Es muss wohl an Krachts E-Mail-Verkehr mit diesem merkwürdigen Freak David Woodard liegen, der bei Diez das Nazometer so heftig ausschlagen ließ…

Aber bleiben wir beim Roman. Seine Sprache ahmt ohne viel Verrenkungen den Tonfall der Literatursprache des frühen 20. Jahrhunderts nach (Hermann Hesse? Franz Kafka? – Die/der GermanistIn mag forschen.). Kracht möbliert seine Sprache mit sorgsam er-lesenen Fundstücken der gewählten Epoche, ohne eine schlichte Retro-Strategie zu fahren: wir bleiben als Leser dann doch immer im 21. Jahrhundert, das mit einem Maximum an Empathie auf den Beginn des 20. zurückschaut. Gelegentlich werden dabei Vokabeln wie “Analepse” oder “somnifer” eingeflochten, vor denen selbst mein Fremdwörter-Duden streikt. Doch was ich in solch einem Fall einem Daniel Kehlmann als snobistisch ankreiden würde, stört mich bei dem Schweizer Autor in keinster Weise, so leicht und vor allem geschmackvoll setzt er seine Akzente.

Der Blick des immer etwas onkelhaften, altmodisch allwissenden Erzählers auf die Zeitläufte ist dabei alles andere als “totalitär”. Hitler, so der Erzähler, wäre “vielleicht lieber bei seiner Staffelei geblieben”, der Antisemitismus wird als irrationale Projektion von Modernisierungsverlierern beschrieben, “in der Existenz der Juden eine probate Ursache für jegliches erlittene Unbill zu sehen.” Soweit alles politically correct, oder? Kracht hätte ja durchaus die Freiheit gehabt, seinen Erzähler “rechts”, sprich: antimodern, demokratiefeindlich, totalitär daherschwadronieren zu lassen, die Konstruktion des Buchs hätte das durchaus hergegeben – aber er verzichtet darauf, präsentiert stattdessen einen illusionslosen Konservativen, der uns Leser durchaus verantwortungsvoll, wenn auch ironisch, an die Hand nimmt.

Das eigentliche Thema von “Imperium” scheint mir aber die “Freiheit” zu sein – und das durchaus im emphatischen, Gauckschen Sinn. Der neurasthenische Protagonist Engelhardt sucht, nach einer mystisch-intellektuellen Phase (Swedenborg wird gelesen, der unvermeidliche deutsche Philosoph, der mit “N” beginnt, natürlich sowieso, aber auch der Jude Henri Bergson), sein Seelenheil in Askese und einem “einfachen Leben” inmitten möglichst europaferner Natur. Sein eher unfreiwillig komischer als antimoderner “Kokovorismus” scheitert aber am introvertierten und unentschiedenen Wesen Engelhardts: einerseits langweilt er sich unsäglich in seiner selbstgewählten splendid isolation, andererseits weist er fast alle JüngerInnen ab, die sich ihm sinnsuchend aufdrängen wollen. Er taugt einfach nicht zum Bhagwan, ist wohl eher der Typus einzelgängerischer Schwarmgeist ohne großes Charisma. Nur der ebenfalls zivilisationsüberdrüssige Musiker Lützow hält es eine Weile mit dem Exzentriker aus, kehrt aber nach einer Weile dem schrägen Ritter der Kokosnuss wieder den Rücken, “ihm hat, so bemerkt er, ganz klar und offensichtlich das Mondäne gefehlt, das Zivilisationsritual, die Kristallgläser, die weißen Hosen mit der Bügelfalte, … es war ein Experiment, ja, ein Geglücktes, er kann es fast ein Jahr aushalten in der Askese, seine diversen Krankheiten sind geheilt, nun aber zurück nach Europa, … dessen komplexe Befindlichkeiten ja durchaus dienlich sind, sich selbst innerhalb einer Struktur zu verorten, in die man hineingeboren wurde – was nützt einem der Ausbruch, wenn man nicht zurückkehrt, um das Erlernte, das Erlebte anzuwenden?” Lützow bleibt, solange ihn der Autor leben lässt, die einzige glückliche Figur in “Imperium”.

Vielleicht überspanne ich hier der interpretatorischen Bogen, aber obigem Zitat zufolge hat das Buch ja sogar eine Botschaft (und das ist dann plötzlich angenehm post-postmodern): Wir haben selbstverständlich die Freiheit, uns beliebig weit von jeglichen weißen Hosen mit Bügelfalte zu entfernen, wir können natürlich Nudisten und Sonnenanbeter werden, können ohne Frage nach Belieben von rassistischen Arierkulten träumen, ja, wir können uns sogar zum, horribile dictu, Vegetarismus oder, alternativ, zur Anthropophagie als einzig authentischer Existenzform des Humanen bekennen – anything goes – aber irgendwann macht es dann doch wieder Spaß, “sich selbst innerhalb einer Struktur zu verorten, in die man hineingeboren wurde”.

Die Freiheit haben wir. In der Kunst. Im Leben wird es immer einen Diez geben, der übelnimmt. Aber das ist dann ja vielleicht gar nicht so verkehrt.

Improvised Science Fiction Piano Music

Matthias Hahns ebenso unterhaltsamen wie tiefgründigen Science-Fiction-Roman Cristos’ Himmelfahrt habe ich ja in diesem Blog bereits recht positiv rezensiert. Jetzt hat sich auch eine künstlerische Zusammenarbeit mit Matthias ergeben! Am Donnerstag, den 26. April werden wir ab 20 Uhr mit Literatur und Improvisierter Musik die Würzburger Blindeninstitutsstiftung rocken! Ergänzt wird die Veranstaltung durch eine Ausstellung grafischer Arbeiten von Maran Alsdorf, von der auch die Illustration der Buchausgabe von “Cristos’ Himmelfahrt” stammt.

Ausführliche Infos zur Veranstaltung gibt’s hier.

Bolaños “Das Dritte Reich”

Roberto Bolaño (1953 - 2003): Chile 1970

Roberto Bolaño (1953 - 2003): Chile 1970

Der Titel meint nicht Hitlers Schurkenstaat, sondern ein Brettspiel aus den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, dessen exakter Titel laut Anmerkung des Übersetzers Rise and Decline of the Third Reich lautete. Der Protagonist dieses Romans, dem der Chilene Roberto Bolaño (1953 – 2003) den lakonischen Namen “Udo Berger” gibt, ist deutscher Landesmeister in diesem Brettspiel und kann selbst während seines Jahresurlaubs an der spanischen Costa Brava nicht von ihm lassen. Dort logiert er mit seiner hübschen Freundin im schon etwas renovierungsbedürftigen Strandhotel “Del Mar”, in dem er schon als Kind mit seinen Eltern zu Gast war. Man trifft ein sozial ähnlich mittelschichtiges deutsches Pärchen, freundet sich ein bisschen an. Eifersüchteleien, Beziehungsknatsch und mehr oder minder öde Discobesuche sowie mehr oder minder ausartende Besäufnisse folgen. Berger lernt zwei dubiose einheimische Proletarier kennen und verliebt sich in die wesentlich ältere Hotelbesitzerin. Irgendwann surft Bergers Urlaubsbekanntschaft auf’s Meer hinaus und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Nach einigem Hin und Her bleibt Berger allein im Hotel zurück und führt, warum bleibt unklar, einen irgendwie dahergelaufenen Tretbootverleiher in die Mysterien seines Brettspiels ein. Dieser entpuppt sich als Supertalent und schlägt den Landesmeister schlussendlich sogar. Was jenen über die Maßen verdrießt und fast aus der Bahn wirft. – Soweit der plot dieses von Christian Hansen sehr ordentlich ins Deutsche übersetzten 300-Seiters, der komplett ausgearbeitet in Bolaños Nachlass gefunden, höchstwahrscheinlich in den 1980er Jahren verfasst und erst 2010 im spanischen Original publiziert wurde. – Stinklangweilig klingt dieser plot erstmal und das soll er wohl auch sein. Alle auftretenden Personen strotzen geradezu vor Durchschnittlichkeit, sind flach, teilweise gar hohl. Die Sprache steht dem zunächst in nichts nach, gewinnt aber im Verlauf des Geschehens an Prägnanz: sie wird dunkler, metaphorischer, anspielungsreicher. Da der gesamte Text als Tagebucheintrag Bergers konzipiert ist, bekommt der Leser so die innere Entwicklung der ebenso prosaischen wie sensiblen Hauptfigur gleich mitgeliefert. Schließlich wird alles so düster, anspielungsreich und traumsequenzenhaft, dass ich mich streckenweise an eine Gothic Novel erinnert fühle:

Das Gewitter hat nicht lange auf sich warten lassen, und jetzt peitscht der Regen die offene Balkontür wie eine sehr lange, knochige, dunkel mütterliche Hand, die mir die Gefahren des Hochmuts näherbringen will.

Doch im realen Geschehen bleiben die Katastrophen aus, vom Tod des Surfers einmal abgesehen.

Ich kenne (noch) keinen anderen Text vom vor allem für seinen Roman “2666″ hochgelobten Bolaño, doch würde ich nur “Das Dritte Reich” kennen, käme ich nicht wirklich auf die Idee, es hier mit einem Autor von Weltrang zu tun zu haben. Was ja noch nicht viel heißt, handelt es sich doch um ein “Frühwerk” (das der Autor immerhin schon in seinen 30ern schrieb, also so früh nun auch wieder nicht), welches zu Lebzeiten Bolaños unveröffentlicht blieb (was 1000 Gründe haben kann, aber ganz besonders am Herzen mag der Text dem Autor dann auch wieder nicht gelegen haben, spekuliere ich mal).

Natürlich ist “Das Dritte Reich” eigenwillig, auf seine Weise elegant, von gekonnter Dramaturgie, ökonomisch erzählt und präzise beobachtet – aber es fehlt ein wenig das Zentrum, der Dreh- und Angelpunkt des Ganzen: Worum geht es hier eigentlich?, frage ich mich einmal mehr, einmal wieder. Spielsucht? Die Unfähigkeit von Mann und Frau, eine gemeinsame Sprache zu finden? Entfremdung? Einsamkeit? Langeweile, die in Gewalt- und Allmachtsfantasien umschlägt? – Jaja, alles richtig. Doch gelingt es Bolaño nicht, dieses Bündel ergiebiger und im Ansatz auch stets überzeugend ausgearbeiteter Themen in ein zwingendes literarisches Ganzes zu verwandeln.

“Das Dritte Reich” dümpelt so mal mehr, mal weniger unheildräuend vor sich hin, der Leser sehnt sich fast schon verzweifelt nach Handlung, wenn wieder einmal nur die touristische Ödnis des Paseo Marítimo beschrieben wird oder Udo Berger, wie er mal mehr, mal weniger obsessiv strategische Varianten des Zweiten Weltkrieges brettspielmäßig simuliert.

Wallace on Dostoevsky

Zitat

… Dostoevsky wrote fiction about the stuff that’s really important. He wrote fiction about identity, moral value, death, will, sexual vs. spiritual love, greed, freedom, obsession, reason, faith, suicide.

David Foster Wallace: “Joseph Frank’s Dostoevsky” (1996)

Unschuldig wie ein Engel

Matthias Hahn in theatraler Pose

Matthias Hahn in theatraler Pose

Man sollte sich vom leicht lieblichen, zwischen Rene Magritte und Wenders’ “Himmel über Berlin” changierenden Cover dieses Taschenbuchs nicht irritieren lassen: “Cristos’ (!) Himmelfahrt”, meines Wissen der erste publizierte Roman des 51-jährigen Würzburger Schriftstellers Matthias Hahn ist weder esoterisch noch kryptoreligiös, die “Generation Benedikt” wird hier keine rechte Erbauung finden, auch Fans von als Krimi getarnten populistischen Heimatschmonzetten (vulgo “Würzburg-Krimis”) werden nicht so recht auf ihre Kosten kommen. Wer allerdings Freude an einer gut gebauten, solide geschriebenen Science-Fiction-Satire zwischen Gary Shteyngart und Frank Schätzing hat, wird ordentlich bedient. Ok, Hahn erreicht nicht ganz die ätzende Schärfe von Shteyngarts Super Sad True Love Story (außerdem fehlt die Love Story und Würzburg ist nicht New York) und im Gegensatz zu Schätzing langweilt er den Leser nicht mit seitenlangen Wikipedia-Exzerpten und “lehrreichen” populärwissenschaftlichen Vorträgen. Dafür bekommt sie aber jede Menge gelungener Religions-Satire mit kräftigen Seitenhieben auf die Würzburger Glaubensbewegung “Universelles Leben”, a.k.a. “Heimholungswerk Jesu Christi” (ja, eine “Prophetin” taucht auf und illuminiert die Massen) – laut Eigenaussage des Autors ging es ihm aber gar nicht um eine Kritik an dieser speziellen Gruppierung, sondern eher um das Thema “Wirkmächtigkeit von Religion in Krisenzeiten” schlechthin. Nun, sei dem wie es sei: Es gibt Szenen in “Cristos’ Himmelfahrt”, die in ihrem entlarvenden Witz und ihrer das Zynische streifenden Schärfe an “Monty Python’s Life of Brian” heranreichen. Leider kommen dann auch schwächere Passagen, wo ich mich plötzlich in eines dieser bemühten Jugendbücher aus dem ebenfalls würzburgerischen “Arena”-Verlag versetzt fühle – zu simpel die Sätze, zu durchschaubar die Machart, zu absehbar das Geschehen. Aber immer wieder nimmt die Story erneut Fahrt auf, platzt, ganz familien-unfreundlich, ein Schädel und besudelt die Protagonistin mit Knochensplittern, segeln, politisch inkorrekt, dehydrierte Leichen entsorgter Rentner durch den Weltraum und verfangen sich in Raumschiffturbinen. Es ist diese Mischung aus Brav- und Bosheit, die den Eigen-Sinn dieses Textes ausmacht und ihn von der Masse thematisch ähnlicher Bücher abhebt.

Übrigens: Die Stadt Würzburg hat die Klimakriege als neues Las Vegas inmitten der zur Wüste gewordenen unterfränkischen Kulturlandschaft überlebt, ebenso die allseits bekannten lokalen Architekturwunder – letztere allerdings nur als plastinierte Repliken ihrer selbst, angestrahlt in gnadenlosen Bonbonfarben. Wer in diesen vorweihnachtlichen Tagen am frühen Abend durch die Domstraße streift, wird bemerken, dass die Zukunft bereits begonnen hat.

Lieblingszitat: “Die Welt ist voller schlechter Menschen, die auf ihre Entsorgung warten.”

John Cheever: “Falconer”, Roman (1977)

John Cheever (1912 - 1982)

John Cheever (1912 - 1982)

Meine erste Begegnung mit dem US-Amerikaner John Cheever, der mir bisher nur ganz vage als einer der wichtigen Verfasser von short stories der Nachkriegszeit bekannt war, gelesen hatte ich noch nichts. Jetzt bin ich halt zufällig an “Falconer” geraten, einen recht kurzen Roman aus dem Jahr 1977.

Nun ja, ich habe mich gequält, die Lektüre immer wieder unterbrochen, was anderes gelesen, neu angesetzt, wieder unterbrochen. Dabei konnte ich nie genau sagen, was mir das Lesen so anstrengend machte. Die Sprache war es nicht, die ist klar, manchmal lyrisch, manchmal vulgär, aber ganz sicher nicht “schwierig”. Das Sujet vielleicht? Schon eher – es ist ein Gefängnisroman, erzählt aus der Perspektive eines wegen Brudermordes verurteilten Intellektuellen, der zudem auch noch heroinsüchtig ist – und bisexuell. Bisschen viel auf einmal vielleicht. Schwer lastet von Anfang an eine Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit auf den Sätzen dieses Buches. Irgendwie wird mir auch sofort klar, dass sich das im Verlauf des Geschehens wohl nicht zum Besseren wandeln wird.

“Falconer” ist ein Tunnel ohne Ausgang, eine Sammlung deprimierender Einsichten. Wer sich einmal durch George Orwells “Auftauchen, um Luft zu holen” gekämpft hat, wird verstehen, was ich meine: es geht nicht um Resignation, gar Depression oder Defätismus – geschildert werden “einfach” die pausenlosen Nackenschläge, die einem das Leben so bieten kann, und denen es immer wieder illusionslos Paroli zu bieten gilt – bis zur nächsten kleineren oder größeren Katastrophe eben.

Der Protagonist erweckt zunächst keine Sympathie – das ist wohl das Hauptproblem: Wer möchte sich schon mit einem heroinsüchtigen Totschläger identifizieren, der zudem nur wenig Schmeichelhaftes über die Menschen in seinem Leben zu berichten weiß?

In jedem Fall machte mich “Falconer” aber neugierig auf Cheevers “Hauptwerk”, die oben erwähnten short stories, denn bei aller drückenden Statik und Ereignislosigkeit ist das Buch doch durch und durch das Werk eines Dichters, dessen Sprache (die Übersetzung von Dieter Dörr ist gut) und Weltsicht (besser: Welt-Erfindung) ganz lässig ihre vollkommene Eigenständigkeit und Prägnanz behaupten können. Darüber vergaß ich dann manchmal sogar komplett die Schäbigkeit der geschilderten Ereignisse.

Shteyngarts überaus traurige Wahrheiten

Gary Shteyngart read from his new novel "Super Sad True Love Story" on August 18, 2010 at Tenement Talks

Gary Shteyngart read from his new novel "Super Sad True Love Story" on August 18, 2010 at Tenement Talks

Der dritte Roman des 39-jährigen, in Leningrad (heute St. Petersburg) geborenen jüdischen US-Amerikaners Gary Shteyngart handelt vom Untergang der Vereinigten Staaten von Amerika. Dem “Bruch”, wie er im Buch genannt wird. Die Volksrepublik China, Norwegen und Saudi-Arabien übernehmen, eher widerwillig, die Verwaltung der schäbig und drittwelthaft gewordenen Reste des einstigen “Landes der Freien, Heimat der Tapferen”. Tapfer muss man auch sein, um sich bis zum Ende von Shteyngarts überaus bitterer Satire durchzuschlagen: Es gibt Durststrecken zu überwinden von schwer erträglicher jiddischer Sentimentalität, abgrundtiefem Selbstmitleid der Hauptfigur Lenny Abramov und in bewusster Minimalsprache gehaltenen Web-2.0-Posts der weiblichen Hauptfigur Eunice Park. Doch wiegen all diese Entbehrungen wenig im Vergleich zum Genuss an boshaftester Gegenwartssatire, die “Super Sad True Love Story” auch bietet, von der Allgegenwart des hier als “Äppärät” (Sic! Wie mag das Ding nur im amerikanischen Original heißen?) firmierenden Smartphones über die ätzende Geißelung des Jugendlichkeitswahns der globalen Mittel- und Oberschicht (unter Unsterblichkeit geht jetzt gar nichts mehr) bis hin zur orwellhaft finsteren, aber nüchternen Beschreibung eines New York nach dem “Bruch”, das mehr Ähnlichkeit mit Mogadischu hat als mit dem “Big Apple” des 20. Jahrhunderts: Privatarmeen kontrollieren die unsicher gewordenen Straßen, die zum Quasi-Genozid ausgeuferte Gentrifizierung macht auch vor jüdischen Altersheimen keinen Halt mehr, während die neuen Herren (und Herrinnen) der nun nicht mehr vereinigten Staaten in Palästen mit einer Deckenhöhe von 30 Metern am Hudson River indoor-Feuerwerk abzubrennen pflegen. – Die eigentliche “überaus traurige wahre Liebesgeschichte” zwischen Lenny (39, intellektuell, buchfixiert, depressiv, ungepflegt, unattraktiv) und der koreanisch-stämmigen Eunice (24, verwöhnt, konsumfixiert, verstört, gepflegt, von blendendem Äußeren) ließ mich eher kalt – zu absehbar, was hier abgeht (von zwanghafter Todesfurcht geplagter jüdischer Großstadt-Intellektueller verliebt sich unsterblich in vaterfixierte, desorientierte Kind-Frau mit ostasiatischem Migrationshintergrund, die ihn schlussendlich verlässt, um sich einem noch älteren, noch stärker von Todesfurcht geplagteren, aber wesentlich mächtigeren Mann zuzuwenden – Lennys Chef). Entschuldigung, aber es gelang mir hier nicht, nicht an Woody Allens Beziehung zu Soon-Yi Previn zu denken. – Shteyngarts Stärke liegt weniger im Lyrischen, Epischen und Poetischen als in der (über-)pointierten Schilderung zivilisatorischer Deformationen der Gegenwart, die er, gängige literarische Technik, in eine nahe Zukunft (10 – 20 Jahre) hin extrapoliert, wo sie zu übelsten sozialen, politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen führen. Insoweit ist “S.S.T.L.S” vergleichbar mit dem ungleich umfangreicheren Roman “Unendlicher Spaß” des kürzlich von eigener Hand getöteten David Foster Wallace. Doch wo Wallaces Text sich dehnt, streckt, implodiert und schließlich selbst verschluckt, kommt Shteyngart weit weniger ambitioniert daher: seine Erzählweise ist chronologisch, der Text ist nahezu ausschließlich aus Tagebuchausrissen Lennys und Eunices posts auf einem social network namens GlobalTeens zusammengesetzt. So liest sich das Werk recht flüssig und eingängig, ohne dabei jedoch an inhaltlicher Schärfe einzubüssen. Das Schlusskapitel zeigt einen mittlerweile zum (Post-)Literatur-Star wider Willen avancierten Lenny Abramov, der sich jetzt “Larry Abraham” nennt, wie er im komfortablen toskanischen Landsitz italienischer Freunde von der bevorstehenden Verwandlung seiner Tagebücher in ein “Cinecittà-Videospray” erfährt (was zum Teufel ist ein “Videospray” – ein aufsprühbarer Video-Clip?). – Konnte ich angesichts der dezidierten nerd-Haftigkeit von Shteyngarts Humor zu Beginn der Lektüre noch (scheinbar) wissend schmunzeln oder gar manchmal laut auflachen, so durchlebte ich im Fortgang eine Phase deutlichen Angewidertseins, weil die Kritik des Autors an der Oberflächlichkeit der von ihm beschriebenen Konsumwelt ebenfalls ziemlich an der Oberfläche bleibt (im stoßseufzenden Stil von “Wenn die Menschen doch nur mehr Tschechov lesen würden, statt ständig Online-Shopping zu machen!”), schließlich aber wurde mir klar, dass dies nicht die Oberflächlichkeit des Autors, sondern die der larmoyanten Figur Lenny/Larry Abramov/Abraham ist. Ich hatte einen literaturkritischen Anfängerfehler begangen und Züge des Protagonisten auf den Autor projiziert! Mit etwas Abstand betrachtet, stellt “S.S.T.L.S” demzufolge eine endharte Gesellschaftssatire auf der Höhe der Zeit dar, die sich jedoch nur selten unangenehm moralinsauer über selbige (die Zeit jetzt) erhebt.

Postskript: Das Buch enthält den Kommentar eines fiktiven Literaturkritikers über Eunice Parks GlobalTeen-Posts, in dem ich, natürlich völlig mutwillig, strukturelle Parallelen zu Kommentaren namhafter deutscher Literaturkritiker zu Charlotte Roches “Schoßgebeten” lesen möchte: “Sie ist keine geborene Schriftstellerin, was man von jemandem aus einer mit Images und Konsum groß gewordenen Generation auch kaum erwarten kann, doch ihre Schreibe ist interessanter und lebendiger als alles andere, was ich aus dieser analphabetischen Epoche gelesen habe. Natürlich kann sie zickig sein, und natürlich spürt man auch die Patina einer Mittelschichts-Anspruchhaltung, doch vor allem tritt ein echtes Interesse an der Welt um sie herum zutage – der Versuch, mit dem heiklen Erbe ihrer Familie zurande zu kommen und ihre eigenen Ansichten zu Liebe, körperlicher Zuneigung, Kommerz und Freundschaft zu entwickeln, und das alles in einer Welt, deren Grausamkeiten mehr und mehr die ihrer eigenen Kindheit wiederspiegeln.”

Urteilt!

“Ich verstehe nichts von Musik.” Wie oft habe ich diesen Satz schon gehört! Nicht als legitimer Hinweis im Sinne von “Ich bin unmusikalisch.”, nein, sondern als veritable Ausflucht, wo ich ein Geschmacksurteil erwarte. Begründete Geschmacksurteile sind die Basis für ästhetische Diskussionen, die wichtig sind, nicht nur, weil sich mit ihrer Hilfe die Gesellschaft über sich selbst verständigt (so Luhmann), sondern weil ich mich damit meiner selbst vergewissere. – In jeder kulturpolitischen Sonntagsrede taucht irgendwo immer noch der Satz auf “Kultur schafft Identität, Kultur überwindet Grenzen.” Aber triftt das für die Rolle der Kultur im Jahre 2011 wirklich zu? Dient nicht Kultur eher der Abgrenzung, dem Anders-als-die-anderen-sein, dem, so Bourdieu, “Distinktionsgewinn”? Wohlgemerkt, ich spreche hier nicht von Kultur im Sinne von Tradition, Kleiderordnung, religiöser Zugehörigkeit oder Brauchtum. Warum gilt man heute als “peinlich”, wenn man über ein kulturelles Artefakt spontan ein dezidiertes Geschmacksurteil äußert? Bestenfalls erntet man ein joviales “Also da müssen wir uns aber bei Gelegenheit mal drüber unterhalten, wie du zu so einer Einstellung kommst.” Wieso Einstellung? “Einstellung” impliziert “Ideologie” impliziert “Verblendung” impliziert “Das muss man nicht ernst nehmen”. Oder was jetzt? Ein begründetes ästhetisches Urteil, egal über was, ist wohl so ziemlich das Dreisteste, dessen man sich heute unter gebildeten Menschen schuldig machen kann. Es signalisiert nicht Kompetenz, evtl. sogar Mut, sondern das glatte Gegenteil: Naivität, Uninformiertheit, Dummheit, Ignoranz. Mein Gott, er urteilt noch, wie altmodisch! Man hat längst andere Wege gefunden, um sich im Kulturbetrieb über den Wert von Artefakten zu verständigen (denn ohne diese Verständigung wären alle Artefakte gleich viel wert und der Betrieb würde zusammenbrechen): Gut und wertvoll ist, was “gut gemacht” ist, was “teuer” ist oder was von Schlüsselfiguren eines bestimmten kulturellen Betriebssegments, also sozusagen den AbteilungsleiterInnen, als “relevant” deklariert wird. Aber ist wirklich alles ästhetisch gelungen, was lediglich “gut gemacht” ist? “Gut gemacht” impliziert handwerkliche Gediegenheit, solide Machart, durchdachte Konzeption, auch Funktionalität, Effektsicherheit. Alles Kriterien, die auf jedes halbwegs vernünftige Essbesteck auch zutreffen. “Teuer” ist auch Totilas, das Rennpferd. Und das Relevanzurteil der AbteilungsleiterInnen muss ästhetisch so gut begründet sein, dass ich es ernst nehmen kann. Die Verpöntheit des qualifizierten Geschmacksurteils lässt also lauter mehr oder minder dubiose Teilwahrheiten ins spirituelle Vakuum strömen. Teilwahrheiten, die mittlerweile scheinbar viele, auch durchaus reflektierte Menschen, für “die Wahrheit über den Kunstbetrieb” halten. Das mag sogar richtig sein. Aber diese Menschen gehen dann oft gleich gedanklich noch einen Schritt weiter und setzen dies mit der Wahrheit über die Natur von Kunst an sich gleich, was jedoch eher selten offen ausgesprochen wird. Ist aber ästhetische Qualität durch die Trias “gut gemacht”, “teuer” und “relevant” wirklich zureichend definiert? Wo bleibt das “naive” “Gefällt mir” (jetzt mal nicht im Sinne von Facebook), das spontane Angezogensein von beispielsweise einem Text, einer Schreibweise? Etwas komplett Vor-Intellektuelles, meinetwegen Kindliches? Wer glaubt, ganz ohne dieses unreflektierte Gefallen ästhetisch urteilen zu können, heuchelt. (Nebenbei: Wer sich auf der anderen Seite als Künstler aus purer Verunsicherung heraus anti-intellektuell ausschließlich auf sein subjektives Empfinden zurückzieht, heuchelt genauso. Diese “Naivität zweiter Ordnung” ist zu einer wohlfeilen Option im Kulturbetrieb geworden, v. a. in der sog. “Gegenkultur”, die sich so ganz unverkrampft verkitschte Idyllen schaffen und dabei auch noch “subversiv” wirken kann.) – Wenn mich jemand nach meiner Meinung über den Sinn des Großen Hadronen-Speicherrings im Genfer CERN fragt, dann kann ich sagen “Ich verstehe nichts von Physik.” Aber Kunst ist keine Wissenschaft. Es ist deshalb auch nicht legitim, irgendjemandem grundsätzlich die Kompetenz abzusprechen, über sie urteilen zu dürfen. Anders herum formuliert: Kunst, die sich, mit welchen Mitteln auch immer, jeglicher Form von Beurteilbarkeit entzieht und dennoch die Kriterien “gut gemacht”/”teuer”/”relevant” auf sich bezogen wissen will, zerstört den Diskurs.

Klassisch?

Derrick May

Derrick May

Darf man klassische Kultur schwach finden? Dürftig? Schlecht gemacht? Und sowieso: verbraucht, abgelutscht, ausgeweidet, entleert, überholt, tot etc.? Etwa im Stile von “Der Faust I ist eine pseudo-intellektuelle, schwiemelige Altherrenfantasie ohne Moral.” Oder so: “Die Musik Wagners ist formlos, schwülstig und lebt allein von der rücksichtslosen Ausbeutung psychoakustischer Überwältigungseffekte.” Oder auch so (Zitat Maxim Biller): “Thomas Mann ist der Fritzl der deutschen Literatur.” Ich habe das Privileg, nicht in einem bildungsbürgerlichen Haushalt aufgewachsen zu sein, mich aber trotzdem immer für etwas komplexere Artefakte interessiert zu haben. Da mich niemand “an die Hand nahm” und in die Materie “einführte” (klingen diese Formulierungen nicht irgendwie nach Odenwaldschule?) bzw. ich alle zaghaften Versuche einiger Lehrer, mich zu “prägen”, brüsk ablehnte, war ich frei, ja verurteilt, mir selber ein Urteil zu bilden – über alles: Literatur, Musik, Kunst, Philosophie. Dann kamen das Feuilleton und die höhere Bildungsinstitution und forderten rückhaltlose Devotion. Ich erkannte, dass ich mit Rilke nichts anfangen konnte, nicht weil ich ihn “doof” fand, sondern weil ich seinen Stil als nebulös, gewollt unverständlich, weinerlich und selbstmitleidig empfand. Ich hörte “Die Kunst der Fuge” von Bach als leer klappernde “Schreibmaschinenmusik” eines um die eigene Motorik kreisenden workaholics. Und warum die Pferdebilder des Kitschiers Franz Marc in jedem zweiten Wartezimmer hängen, wollte mir auch nicht einleuchten. Auf der anderen Seite brannte ich für die futuristische Lyrik August Stramms, berauschte mich an Bachs “Toccata und Fuge d-Moll” BWV 565 und konnte mich für August Mackes leuchtende Farbpalette durchaus sehr erwärmen. – “Die normalste Sache der Welt”, werden jetzt viele sagen, “man kann ja nicht alles ‘gut’ finden. Dies ist schließlich ein freies Land, auch und vor allem in der Äußerung über Kunst.” Aber haben Sie es einmal gewagt, in Gesellschaft auch nur halb gebildeter Menschen “Goethe wird überschätzt” zu sagen, oder “Thomas Manns literarische Errungenschaften wurden vor allem auf dem Hosenboden ersessen.”? Man wird Sie anblicken, als hätten Sie sich eben als Anhänger einer satanistischen Sekte geoutet. – Nun, es ist keine neue Erkenntnis, das alles, was einmal zur “Klassik” erklärt wird, keiner inhaltlichen Auseinandersetzung mehr für würdig erachtet wird: es steht im Schrank, in der Vitrine, es ist “fertig”, sanktioniert, abgehakt, alles wurde bereits gesagt, alle Argumente ausgetauscht. Das “klassifizierte” Artefakt hat die Stürme der Zeiten überlebt, zum Dank dafür wird es mumifiziert bzw. nach altägyptischer Sitte für die kommenden 2000 Jahre einbalsamiert. An Sonn- und Feiertagen wird das gute Stück dann aus dem Schrein herausgenommen, etwas gelangweilt begutachtet, ein wenig poliert, in der Hand gewogen und schließlich wieder an genau den Platz zurückgestellt, wo es stand. Brauchte es in der frühen Nachkriegszeit noch Jahre oder gar Jahrzehnte, bis man, vorsichtig abwägend, einem Artefakt das Attribut “klassisch” zusprach, so scheint sich seit 20 – 30 Jahren die Anzahl klassifizierungsfähiger Artefakte galoppierend erweitert zu haben. Es gibt nichts oder fast nichts, was nicht “klassisch” werden kann, von Fluxus bis zur Tütensuppe. Das Attribut “klassisch” hat dadurch natürlich, vorsichtig ausgedrückt, an Signifikanz verloren, man könnte auch sagen, es sagt gar nichts mehr, es ist ein Passepartout-Begriff wie “Struktur” oder “Welthaltigkeit” geworden. Auch gibt es seit dem Zerfall der Meinungshoheit des (upps, fast hätte ich gesagt, “klassischen”) Bildungsbürgertums prinzipiell für jeden kulturellen Schrebergarten eine fanatisch verteidigte “Sonderklassik” (was ein Widerspruch in sich ist): die “Klassiker der Gegenkultur”, die “Klassiker der Science-Fiction-Literatur”, die “Klassiker der Graphic Novel“, die “Klassiker des Detroit Techno” etc. Das ist, mit Verlaub, bullshit. Ein Artefakt hat entweder das Zeug zum Klassiker – oder eben nicht. Die mehr oder minder zufällige Zugehörigkeit zu einem Genre hat mit dieser Art von herausragender, eben zeitloser Qualität nichts zu tun. Man muss nur das (Sub-)Genre mikroskopisch genug konzipieren, schon werden selbst mittelmäßige Artefakte zu Klassikern, ganz einfach, weil sie als Einäugige im Land der Blinden dann eben doch irgendwie Könige sind. “Aber man kann doch Derrick May (Klassiker des Detroit Techno) nicht mit Johannes Ockeghem (Klassiker der franko-flämischen Vokalpolyphonie) vergleichen!” – Doch, man muss sogar! Denn, und jetzt werde ich mal ganz apodiktisch, es kann keine zwei logisch unabhängigen Bedeutungen von “Qualität” geben. Natürlich meint jeder etwas anderes, wenn er ein Artefakt als “qualitätvoll” bezeichnet, doch gebrauchen alle diese Bezeichung sehr wohl im selben Sinn von “Dieses Werk ist herausragend” / “von zeitloser Gültigkeit” / “ästhetisch schlüssig” etc. Wäre dies nicht der Fall und wäre “Qualität” semantisch un-eindeutig, wäre die Bezeichnung nicht mehr zu verwenden, man könnte mit ihr nichts mehr sagen (für Interessierte: Ich paraphrasiere hier Wittgensteinsche Denkfiguren). Es ist also nicht nur nicht verboten, sondern geradezu überlebenswichtig für eine Zivilisation, ihre “klassischen” Artefakte manchmal “schwach”, gar “misslungen” finden zu dürfen. Allerdings nur mit guten Argumenten. Ansonsten werden wir eines Tages selbst noch als Mumien aufwachen – ausgestellt im Museum für alteuropäische Kulturgeschichte.

“Kosmas”: Wolfgang Müller auf dem Weg

Neidkopf

Neidkopf am Rathaus zu Eibelstadt

“Wenn alle künstlerischen Positionen ihre Daseinsberechtigung haben, dazu kein Außen mehr existiert und der Markt letztlich den Wert bestimmt, dann wird Kritik zwangsläufig zur persönlichen, individuellen Angelegenheit.” – Eine der vielen klugen Beobachtungen zur gegenwärtigen Situation gegenwärtiger Kunst, die Wolfgang Müllers Prosa “Kosmas” enthält. Ich sage bewusst Prosa, denn der Begriff “Roman” taucht nur auf dem Klappentext auf, und um einen klassischen Roman handelt es sich hier auch sicherlich nicht. Eher um das wütende, trotzige, traurige, teils fassungslose Pamphlet eines enttäuschten Liebhabers. Seine Angebetete war (ist?) die “zeitgenössische Kunst” in ihrer sog. “radikalen” Ausprägung, also alles, was sich möglichst weit jenseits des traditionellen Kunstverständnisses bewegt. Jedoch stößt Müller nicht ins gleiche kulturpessimistische Horn wie Vittorio Sgarbi, Kurator des italienischen Pavillons bei der diesjährigen Kunstbiennale in Paris, dessen, so Monopol-Chefredakteur Holger Liebs “bodenloser Zynismus” allerdings “Meilen vom heutigen Kunstsystem entfernt” sei. Nein, Wolfgang Müller ist ja selber “avancierter” Künstler, Begründer und bekanntestes Mitglied des “Post-Punkgetriebes” “Die Tödliche Doris”. Da wird er doch nicht an dem Ast sägen … Tut er doch. Ein wenig zumindest. “Kosmas” will eine bittere, hellsichtige Satire über die Verkommenheit des Kunstbetriebs und die ästhetische Verbrauchtheit der auf ihm gehandelten Produkte sein. Dieser Anspruch wird nicht immer eingelöst: Manchmal schweift der Autor ab (z. B. wenn es um seinen Rausschmiss als Kolumnist bei der taz geht – da ist sie wieder, diese Bitterkeit!), ein anderes Mal bleibt er in nur halb witzigen Kalauern stecken, so dass ich mich nach der Lektüre frage, was denn das Ganze jetzt eigentlich sollte und worin der Erkenntnisgewinn dieses Buches liegt. Zeitgenössische Kunst ist zum Spekulationsobjekt teils banausischer Finanzeliten geworden. Ok, das wussten wir. Die ästhetische Sprengkraft der Nachkriegsmoderne hat sich abgenutzt und kann auch durch Strategien der Übertreibung, Parodie oder Rekonstruktion nicht mehr wiederbelebt werden. Ok, wussten wir auch. Der große Oswald Wiener hat das schon 1990 so formuliert: “Die Moderne mit ihrer Metaphysik, inklusive der ‘Postmoderne’, ist heute geistiger Besitz der Mittelklasse, und sie wird morgen den Massen angehören. Das geht so wie bei Kinderreimen, die ein Kind von anderen Kindern lernt. Das mag sich jenseits der Aufklärung durch die Zeiten fortpflanzen und ‘archetypische’ Erinnerung werden.” Genau diesen Fall spielt Müller am Ende des Buches durch, als er im Jahre 2576 einen Archäologen Comicfigur-Skulpturen von Jeff Koons ausgraben lässt. Die Menschen der Zukunft rätseln vergeblich über die kulturelle Signifikanz dieser Artefakte, sie erscheinen ihnen ebenso fremdartig wie uns heute die Moais auf der pazifischen Osterinsel. Wen wundert’s? “Verstehen” wir denn wirklich, was uns etwa die “Neidköpfe” auf mainfränkischen Renaissance-Rathäusern sagen wollen? – “Kosmas” beginnt sprachlich recht schleppend und stockend in einem etwas nervigen parataktischen Stil ohne rechten Fluss. Später wird es deutlich besser, doch nun nehmen die Tippfehler massiv zu, was das Lesevergnügen dämpft. Gegen Ende wird es auch inhaltlich ein wenig schludrig, als wären dem Autor die Ideen ausgegangen, als er das Buch unbedingt zu einem Ende bringen wollte. Mehrfach werden Handlungsentwicklungen einfach mit der, wohl ironisch gemeinten, Bemerkung abgebrochen, dass diese “den Rahmen dieses Buches sprengen würden”. Auch dies überzeugt nur halb: ich habe eher den Eindruck, dem Autor fehlte hier die schriftstellerische Kraft, das Erforderliche bündig auszudrücken. – Wer ist nun eigentich der Adressat dieses Buches? Für einen an zeitgenössischer Kunst nur durchschnittlich Interessierten enthält es zu viele Insider-Anspielungen, für einen etablierten Kunstbetriebler ist es eventuell zu respektlos und für den ausschließlich “literarisch” lesenden Leser (sic!) ist es sprachlich einfach zu dürftig. So wird “Kosmas”, trotz aller mitunter pointierter Gesellschaftsbeobachtungen und jeder Menge skurrilen Humors, vermutlich nicht auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis landen. Und auch nicht auf der Longlist. – Den Titel des Buches konnte ich nicht wirklich dekodieren, ich fand lediglich den Hinweis, das “Cosmas und Damian” zwei frühchristliche Märtyrer sind, die, sagt Wikipedia, “wegen ihres umfangreichen und selbstlosen Wirkens … noch heute verehrt” werden. Sollte das Buch vielleicht ursprünglich “Damien” (Hirst) heißen (immerhin gibt es ein Theaterstück von Rainald Goetz namens “Jeff Koons” aus dem Jahre 1998)?

Polemisches Postskript: Handelt es sich bei Wolfgang Müller gar um einen Wiedergänger des Dadaisten Hugo Ball, der in späteren Lebensjahren zum mystischen Katholizismus shiftete? Denn dieser erlöst ja ganz sicher vom “Neo-Individualliberalismus” (=Müllers Kampfbegriff für das Böse in dieser Welt) und erschafft eine Kultur, in der nur noch eine Kunstrichtung möglich, dann aber auch verbindlich und für jedermensch verständlich ist : es ist die religiöse.