
Günter Baby Sommer (1979)

Günter Baby Sommer (1979)
Klar ist: eine Figur wie Pelzig kann nur in einem Klima gedeihen, wie wir es in Würzburg vorfinden.
Frank-Markus Barwasser: Dankesrede zur Verleihung des Kulturpreises der Stadt Würzburg (zitiert nach Wolfgang Jung)
2004 schrieb der Würzburger Journalist Wolfgang Jung ein Porträt des Würzburger Volkskomikers (ja, das ist ein “antiquiertes” Wort, deswegen verwende ich es hier) Frank-Markus Barwasser aka “Erwin Pelzig”, das vor allem dessen vielleicht dann doch nicht so bekannte Würzburger Anfänge kenntnisreich ausleuchtet.
Apropos Pelzig – diese Figur hat sogar Einfluss auf meine Selbstdarstellung ausgeübt: Ich traue mich seit einigen Jahren eher mal, Dialektales in meine Rede einfließen zu lassen. Oft nur Phrasen wie “Des glebbst!” oder “Wessd scho!”, aber immherhin … früher hatte ich dergleichen “Ausrutscher” peinlich vermieden, bemühte mich um “korrektes” Hochdeutsch. Doch seitdem Barwasser den kleinstbürgerlichen Anarchisten (und eben nicht Querulanten!) “Erwin Pelzig” erfand und, vor allem, deutschlandweit durchgesetzt hat, bin ich ein wenig unverkrampfter, was meine mainfränkische Herkunft betrifft.
Vor Barwasser gab es zwar auch schon dialektpflegende Künstler aus Bayern, für die man sich nicht schämen musste, doch kamen diese allesamt aus Altbayern: Herbert Achternbusch, Gerhard Polt – solche Kaliber. Barwasser ist nun, wenigstens in meiner Wahrnehmung, der erste, der eine genuin (main)fränkische Variante dieser anarchistischen Volkskomik (ein Begriff, den er eventuell weit von sich weisen würde – oder auch nicht) erfunden hat: den Pelzig Erwin eben.
Der prägnanteste Gedanke ist der, dass ich keinen habe – und dass ich mich, auf allerdings diffuse Art, für diese Leere schäme. Ich müsste ja … was eigentlich? “Glücklich” sein. Aber worüber genau? Über die “Wiedervereinigung Deutschlands”. Nun ja, ich druckse herum, suche nach Gründen der Freude, finde keine. Erwische mich dabei, wie ich bei der Rede von Herrn Voßkuhle, immerhin ein Mann meiner Generation, die Augen rolle: “Ihnen, den Bürgerinnen und Bürgern der damaligen DDR, steht das kaum zu überschätzende und alleinige Verdienst zu, uns Deutschen das einzigartige und berauschende Gefühl selbsterkämpfter Freiheit geschenkt zu haben.” Suche schließlich nach Gründen, warum mich die deutsche Wiedervereinigung “genervt” hat. Aber mir fallen nur die ästhetisch indiskutablen stonewashed jeans ein, die viele DDR-Bürger 1989 trugen, ihr Fokuhila-mit-Oliba-Styling, ihr leicht abgezehrtes, irgendwie verzwergtes Äußeres. Degenerierte Bitterfeld-Mutanten. Ok, schreitet da mein politisch korrektes Gewissen ein, das sind jetzt fiese, arrogante, ungerechte, spöttische, hochnäsige, unsensible und vor allem komplett oberflächliche Gedanken eines saturierten BRD-Bürgers. Aber so habe ich damals nun mal gefühlt. Ok, ich war 23. Die “Wir sind das Volk!”-Rufe erinnerten mich an das Dritte Reich. Und der Aufschrei, mit dem die Massen Genschers Diplomatensatz “Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen …” ungeduldig überbrüllten: klang da nicht vor allem die ehrliche Vorfreude auf bevorstehende shopping-Optionen mit, die widrige Umstände bisher unmöglich gemacht hatten? Waren das die “Bürgerinnen und Bürger der damaligen DDR”, deren “alleiniges Verdienst” es war, uns das “berauschende Gefühl selbsterkämpfter Freiheit geschenkt zu haben”? Auch dies natürlich wieder so ein hoch unsympathischer, arroganter Wessi-Gedanke. Die, die wirklich couragiert gekämpft haben, die DDR-Friedensbewegung, die DDR-Bürgerrechtsbewegung, die DDR-Montagsdemonstranten, verdienen allen Respekt! Aber von denen wollte ja ein paar Jahre später kaum einer mehr was wissen. Allein Matthias Platzek (der zwei Hörstürze bekam, nachdem er erfahren hatte, dass er SPD-Vorsitzender werden sollte) dürfte bis heute bundesweit ein Begriff sein. Weiterhin: Ohne den dramatischen Niedergang der Sowjetunion unter Gorbatschow wäre das dissidente Engagement der oben Genannten wohl kaum so folgenreich gewesen. Schlimmstenfalls hätte sich der Alexanderplatz in einen “Platz des Himmlischen Friedens” verwandelt.
So möchte ich denn den Schwestern und Brüdern in den nicht-mehr-ganz-so-neuen Bundesländern ganz unberauscht zurufen: Lasst uns weiter zusammen raufen!
Seit heute am frühen Morgen steht ein recht kluger und auch erschreckender Meta-Kommentar Henryk M. Broders zu Interpretationen von NineEleven durch deutsche Publizisten auf WeltOnline. Darin heißt es: “Angesichts von 3000 Toten, die in dem Gespräch [zwischen Roger Willemsen und der Moderatorin der 3sat-"Kulturzeit", SH] nicht einmal erwähnt wurden, von einem ‘Schmerzenskult’ [diese Formulierung scheint von der Moderatorin zu stammen, ich habe die Sendung nicht gesehen, SH] zu fabulieren, zeugt von einer Gefühlskälte, wie sie spätestens seit der Posener Rede von Heinrich Himmler zur Grundausstattung vieler deutscher Intellektueller gehört.” Natürlich übertreibt Broder hier einmal mehr in der ihm eigentümlichen Weise, doch steckt, näher betrachtet, mehr als ein Fünkchen Wahrheit hinter seiner Polemik. Obwohl ich ja selbst Augenzeuge war, fällt mir auf, dass mich die menschliche Tragödie, die der 11. September 2001 bedeutete, ziemlich kalt gelassen zu haben scheint, was, im Nachhinein betrachtet, einen Skandal darstellt. Das lässt sich dann auch nicht mehr mit “Selbstschutz” oder Ähnlichem erklären – es scheint einfach auf eine menschliche Unzulänglichkeit hinzuweisen: einen Mangel an Empathie. So weit weg vom geschmähten, nun längst seligen, Stockhausen bin ich da nun wahrlich nicht.
Im November 2001 veröffentlichte der französische Philosoph Jean Baudrillard (1929 – 2007) den Text “Die Gewalt der Bilder. Hypothesen über den Terrorismus und das Attentat vom 11. September”, mit dem ich mich in der Folge ein wenig auseinandersetzen möchte:
“… das Ereignis – und seine Singularität – …besteht [darin], dass es innerhalb eines …. generalisierten Tauschsystems plötzlich eine Zone schafft, in der ein Tausch unmöglich ist [...].”
“Wenn man diesen Moment der Bestürzung, der … Bewunderung … ablehnt, vermisst man jede Chance des Verstehens.”
“Was ist denn in der Lage, wieder eine Zone zu erschaffen, in der der Tausch unmöglich ist, die potentielle Leere, aus der eine … fremdartige Situation erwachsen könnte?” Sehnt der Philosoph hier ein Wiedererscheinen von “Fremdartigkeit” herbei für seine (nicht meine) entzauberte, metaphysisch langweilig gewordene Welt? Kommt ihm da NineEleven als “singuläres” Ereignis gerade recht? Das wäre dann exakt die Stockhausen-Position: NineEleven würde zum “größten Kunstwerk aller Zeiten”, ohne moralische Wertung, einfach, weil diese Tat so maßlos pathetisch ist. Genau besehen, ist sie ja nicht einmal irrational, denn sie war strategisch brillant konzipiert: Yamasakis Twin Towers sind bzw. waren das bekannteste architektonische Symbol des globalen Kapitalismus. Wenn wir, die Terroristen, dieses Symbol jetzt physisch zerstören, zerstören wir damit symbolisch den globalen Kapitalismus, oder? NineEleven kann so mit etwas Chuzpe als “Soziale Plastik” im Sinne Beuys’ und seiner Wiedergänger (z. B. Schlingensief) interpretiert werden. Ob Atta und seine Spießgesellen dabei tatsächlich glaubten, den realen Kapitalismus durch einen symbolischen Akt zerstören zu können, spielt keine Rolle. Ihnen reichte wohl die Tatsache aus, dass Luftangriffe auf so riesige Gebäude an so einem prominenten Ort in jedem Fall gewaltige unmittelbare und mittelbare Schäden anrichten würden. Ihr Kalkül ist aufgegangen.
“… es ist … keine Repräsentation dieses Ereignisses möglich, es ist in allen Diskursen … undarstellbar.” Das “in allen Diskursen Undarstellbare” kann eigentlich nur “Gott” oder wahlweise “jenes höhere Wesen, das wir verehren” (Böll) heißen. Aber wer legitimiert eigentlich Baudrillard, ausgerechnet NineEleven zum “absoluten Ereignis” zu machen? Doch wohl nur Baudrillard selber, der damit vom Philosophen zum Priester wird: er erklärt ein reales Vorkommnis zu einer Gotteserscheinung, ohne sich dabei auch nur den Anschein rationalen Argumentierens zu geben.
“Im Grunde ist das Ereignis als … einzigartiges … schon verschwunden … in einer ungeheuren … ideologischen Täuschungsarbeit, die eigentlich eine Trauerarbeit ist. Das Ereignis muss gelöscht werden, und der Diskurs soll seine Konsequenzen tilgen.” Also gibt es nun doch einen Diskurs, der das undarstellbare Ereignis darstellen kann? Oder was jetzt?
“Von all diesen Vorgängen behalten wir vor allem das Erlebnis der Bilder, sie sind jetzt … unsere Urszene.” Ausgerechnet Baudrillard, der Hohepriester des Virtuellen, der Totengräber des Authentischen, spricht hier von “Urszene”, also einer, nach Freud, traumatisierenden Erfahrung, die jedoch verdrängt werden muss und irgendwann und irgendwo an unerwarteter Stelle Neurosen verursacht?
“Was ist aber nun mit dem ‘wirklichen’ Ereignis, wenn das Bild, die Fiktion, das Virtuelle allenthalben in die Realität eindringen?” – Nun: “Dass die Türme des World Trade Centers einstürzten, war unvorstellbar, aber nicht genug, um daraus ein reales Ereignis zu machen.” Diese Art von Humor habe ich bisher noch bei keinem anderen Autor gefunden. “Es ist nicht bloß erschreckend, sondern auch wirklich geschehen.”
“Das Spektakel des Terrorismus zwingt uns den Terrorismus des Spektakels auf.” Will sagen, NineEleven schafft es gerade nicht, “Wirklichkeit” und “Geschichte” wieder ihre verlorene Unschuld wiederzugeben. Wann und wodurch haben sie diese Unschuld eigentlich verloren? Muss schon sehr lange her sein, ich erinnere mich nicht, dass “Wirklichkeit” und “Geschichte” jemals unschuldige Begriffe gewesen wären. Selbst die pathetischste Kunstaktion aller Zeiten (meine Formulierung) entkommt, so Baudrillard, nicht der Tatsache, das sie nur als ein lediglich auf andere Zeichen verweisender Signifikant kommuniziert werden kann, sie kann, negativtheologisch gesprochen, keine Eucharistie ersetzen (Wen wundert’s?). Sie unterliegt, wie alles auf der “Ebene der Bilder und der Information”, der “unumschränkten Reversibilität”, d. h. der Umkehrbarkeit, der Möglichkeit des (Aus-)Tausches.
Baudrillard lässt mit dieser Argumentation allem wohlfeilen und gerade zum zehnten Jahrestag wieder allgegenwärtigen Pathos über NineEleven in allerdings nicht minder pathetischer, für mich, ich gebe zu, nicht ganz verstehbarer Weise, die Luft raus. Atta und Konsorten, so möchte ich Baudrillard interpretieren, haben es trotz der Monstrosität ihres Tuns nicht geschafft, ein Ereignis zu generieren, dass die Macht der “magischen Kanäle” (McLuhan) bricht, dass durch seine schiere “Unvorstellbarkeit” bzw. eine bisher unbekannte Form von Obszönität ein Loch in die ach so virtuelle Welt brennt und so der “Wahrheit”, dem “Realen” (welchen Inhalts eigentlich?) zum Sieg verhilft. Aber wer, außer Baudrillard selber, hätte sich denn ein so obszönes Super-Ereignis überhaupt gewünscht? Es tut mir leid, ich kann mir dieses Super-Ereignis nur als eschatologisches (Tod, Jüngstes Gericht, Himmel, Hölle) vorstellen, und als Agnostiker kann ich nun mal nicht davon ausgehen, dass die Apokalypse wirklich kommt. Und NineEleven hatte vielleicht höllische Züge, aber es war nicht die Hölle. Also war NineEleven auch nicht singulär, es war und ist kontextualisierbar, es war und ist, auf die eine oder andere Weise, darstellbar, es generierte und generiert weiterhin politische, journalistische, ästhetische und, nicht zu vergessen, ökonomische Diskurse. Zu postulieren, all diese Bestrebungen würden den dunklen Kern des Geschehens (“das schwarze Licht des Terrorismus”, so Baudrillard) nicht erreichen, ist ebenso arrogant wie banal. Arrogant, weil Baudrillard dadurch für sich, und nur für sich, beansprucht, zu wissen, “was der Fall ist”, banal, weil kein Ereignis auf der “Ebene der Bilder und der Information” vollständig und ohne Reibungsverlust, d. h. irreversibel, kommuniziert werden kann.
Eine der Stimmen aus dem Off ist übrigens meine (da ich damals Ralf Schusters Reisegefährte war).
Weitere Arbeiten zum 11. September 2011 auf meiner Homepage.