
Dennis Schütze (*1972) – Foto: Tilman Hampl
Für einen tragischen, aber dennoch letztlich optimistisch stimmenden Song des Würzburger SingerSongwriters Dennis Schütze habe ich ein Streichquartett-Arrangement erstellt.
Kommentare erwünscht!

Dennis Schütze (*1972) – Foto: Tilman Hampl
Für einen tragischen, aber dennoch letztlich optimistisch stimmenden Song des Würzburger SingerSongwriters Dennis Schütze habe ich ein Streichquartett-Arrangement erstellt.
Kommentare erwünscht!
What are PianoLogs?
Well, you all know what WebLogs are: personal comments on more or less
important topics, published on the web for immediate consumation.
The Blog concept enables the (technically skilled) Web user to «shoot back».
S/He is now able to comment on the flood of information that s/he is
exposed to all day.
By doing so, the Web user becomes a more active part of the information process,
his/her EGO comes into play.
PianoLogs are pieces of piano music that were created on a specific day.
The basic material is improvised. The resulting MIDI data is
recorded on a sequencer, where I do some post-production work (mainly
cutting out redundancies and trying to “sharpen the image”).
I invite you to hear these compositions as a musical WebLog, as a poetic
comment on information.
Meta-information, if you like.
S. H.
Unterhaltsames und lehrreiches Promo-Video der empfehlenswerten Formation, die im deutschen Chóśebuz zuhause ist.

Buchcover
Was weiß ich eigentlich über Meese? Nun, dank gelegentlicher Berichte im Fernseh-Feuilleton ist er mir bereits als fluxus-naher Aktionskünstler bzw. Maler aus der Ahnenreihe Beuys / Schlingensief bekannt. Er gibt gern den flammenden Redner vor mehr oder minder amüsiertem Vernissage-Publikum, guckt manchmal irre wie Charles Manson, hat lange Haare wie ein 68er und entbietet mitunter den Hitlergruß: Widersprüchlich genug, um “interessant” zu wirken.
“Wie kann ich den Kunstbetrieb provozieren, ohne ein wirkliches Risiko einzugehen?”, war sicherlich eine Frage, die sich Meese zu Beginn seiner Karriere gestellt hat. Und natürlich: “Wie kann ich Aufmerksamkeit über den Kunstbetrieb hinaus bekommen, ohne ein wirkliches Risiko einzugehen?” Die Antwort auf beide Fragen lautete für ihn offenbar: Adolf Hitler.
Sicher, Meese hat im Grunde viele HeldInnen, im praktischen Glossar gegen Ende des Buches werden außer dem notorischen Österreicher auch noch Andy Warhol, Balthus, Beuys, Charles Bronson, Claudia Schiffer, Echnaton, Edmund Hillary und Sherpa Tenzing, Jonathan Meese, Karl Marx, Kinski, der Marquis de Sade, Megan Fox, Mishima, Nero, Nietzsche, Picasso, Richard Wagner, Scarlett Johansson, St. Just und Tiberius aufgeführt (also Balthus hat mich verblüfft). Aber Adolf Hitler wird immer wieder gern in den Mittelpunkt gestellt. Meese wirft ihm tatsächlich vor, nicht radikal genug gewesen zu sein. Wenn ich ihn richtig verstehe, sieht sich Meese als den Künstler, der Hitler, aus Mangel an Talent, nicht sein durfte. Statt dessen habe sich der Österreicher auf die “Realität” eingelassen, dadurch entscheidend an “Radikalität” eingebüßt und sei dann zwangsläufig gescheitert. Der historische Hitler ist für Meese also nur unter dem schmalen Aspekt der “Radikalität” interessant. Welche Inhalte Hitlers Radikalität transportierte, interessiert ihn nicht. Da hat er seine eigenen (siehe unten).
Frauen tauchen in obiger HeldInnenliste nur als Schauspielerinnen und Models auf. Das Idealbild der Frau ist für Meese die “Lolita”, die komplett instinktsichere Verführerin, die eigentlich keine eigenen Interessen hat, außer eben, zu verführen. Sie ist die perfekte Verkörperung der zu errichtenden neuen Ordnung des “ritualfreien Spiels”. Die Lolita wird angestarrt und rückhaltlos bewundert und verehrt, sie löst beim Betrachter die “Revolution” aus. Von Sexualität ist nicht die Rede.
Meese interessiert sich für andere Künstler, SchauspielerInnen, Models, Herrscher, Abenteurer, Philosophen, Revolutionäre, Schriftsteller und Komponisten (neben Richard Wagner hat er Wolfgang Rihm zumindest ein Werk gewidmet) nur insofern, als er sie seiner (und hier passt der Begriff einmal wirklich) Vision einer neuen Ordnung der Welt dienstbar machen kann. Nimmermüde wird diese mit den immergleichen Worten skizziert: Der “Metabolismus” möge herrschen, wir sollen uns in “Demut” üben in einem “rechtsfreien Raum”. Die “Herrschaft der Sache” zählt, das “Stofftier” kündet vom “liebevoll sein”. Wenn wir nur, wie uns das “Lolitatum” lehrt, alle “von uns absehen” und unserem “Instinkt” folgen, wird sich die erlösende “Neutralität” schon entfalten.
Und gegen welche alte, aber leider noch herrschende Ordnung richtet sich dieser Entwurf? Es ist die verdammenswerte Welt der “Ich-Ästhetik”, der “Selbstverwirklichung”, des “Massenindividualismus”, des “Humanismus”, der “Demokratie”, des “Geschmacks”, des “Nationalsozialismus” (ja, richtig gelesen!), des “Kommunismus”, des “Menschen-Ich-Wahns”, des “Bewusstseins”, des “Kolosseums” (Meeses Metapher für die Gesellschaft des Spektakels), der “Nostalgie”, der “Kultur”, der “Menschenzucht”, der “Innerlichkeit”, des “Märtyrertums”, der “Kreativität”.
Auf seine Weise leidet Meese also offenbar an einem ähnlichen Zuvielisations-Syndrom wie der Kollege Christian Kracht (und zahllose andere vor und ganz sicher auch nach ihm). Er artikuliert das nur, seinem rustikal-überschäumenden Naturell entsprechend, ein wenig anders als der Schweizer Autor. Er ist direkt bis zur Kindlichkeit, macht sich angreif- und verletzbar, riskiert, sich lächerlich zu machen. Er dilettiert, traut sich alles zu, ermächtigt sich. Lässt man sich auf diese Strategie ein, bricht bei fortgesetzter Lektüre seiner stets mit größtmöglicher demagogischer Emphase ausgestatteten Texte dann wirklich allmählich etwas auf, man beginnt, unsere bundesrepublikanische Gegenwart mit anderen, nämlich Meeses, Augen zu sehen. Denn alle Phänomene, die Meese der alten Ordnung zuschreibt, gibt es ja wirklich. Und es gibt sicherlich auch genügend Gründe, diese Ordnung erstickend, mutlos, kleinmütig, proporzfixiert und bürokratisch zu finden. Interessanterweise wurden die bekanntesten Künstler, die mit Meese zusammengearbeitet haben (Daniel Richter, Leander Haußmann, Frank Castorf), in einer anderen Republik geboren: der Deutschen Demokratischen nämlich.
Meeses Texte sind utopisch im Wortsinn: sie haben und finden keinen Ort. Sie heben von einer mitunter ziemlich treffenden Diagnose der Gegenwart ab in ein Nirwana der “Kunst”, die sich von den Niederungen geschmäcklerischer “Kreativität” befreit und von Adolf Hitler die “Radikalität” geborgt hat, ohne die nationalsozialistische Ideologie zu übernehmen. So etwas ist natürlich gar nicht möglich – was Meese weiß und seine Anstrengungen anschließend verdoppeln lässt…
Der Witz dabei ist, dass Meeses Texte zwar pausenlos von der Großen Idee künden, die das ach so unerträgliche Elend des postmodernen Pluralismus’ handstreichartig beenden möge, er uns jedoch an keiner Stelle irgendeine inhaltliche Vorstellung von dieser Idee geben möchte. Logisch eigentlich – schließlich möchte er Adolf Hitlers Fehler, sich auf die “Realität” einzulassen, nicht wiederholen. Dadurch ist dieses Buch, gerade wenn man es inhaltlich ernst nimmt und nicht von vornherein als politisch inkorrekt diskreditiert, – was ja nun mal das Allereinfachste wäre! – eigentlich gar nicht diskutierbar. Und genau das will Meese ja – raus aus der demokratischen “Quasselbude” (Hitler), rein in die “geile” Totalität der “Kunst”. Immerhin das hat Meese geschafft: sein Buch lässt sich quasi nur als Ganzes akzeptieren oder ablehnen, es ist tatsächlich hermetisch. Sobald man irgendeinen Teilaspekt isoliert betrachtet, kommt einfach Unsinn heraus. So gesehen, steht er eher in der Tradition Hegels als Nietzsches, man muss nur “Kunst” durch “Weltgeist” ersetzen.
Am Ende bleibt die ernüchternde Einsicht, dass Meeses schier endlose Abfolge von Manifesten, Reden, Gedichten und Prosa bzw. einem Mischmasch all dessen, nur dem einen Zweck dient: Jonathan Meese bekannter zu machen. Das ist die “Sache”, von der er pausenlos schwadroniert, die er aber pompös als “die Kunst” bezeichnet. Nun, für Meese ist “die Kunst” eben: – Jonathan Meese. Er ist einfach nur in eigener Sache unterwegs, nicht mehr, nicht weniger.
Das muss dann eben reichen.
“Work Hard – Play Hard” hieß der abendfüllende Dokumentarfilm der 34jährigen Crailsheimerin Carmen Losmann, den ich mir am Samstag, dem 24. März 2012 im Rahmen des 38. Internationalen Filmwochenendes Würzburg ansehen durfte. Mir geht der Streifen nicht mehr aus dem Kopf. Aber warum nur? Es wird doch gar nichts Außergewöhnliches gezeigt: Architekten planen eine neue Konzernzentrale und plaudern über ihre Konzepte. Change Manager predigen vor mehr oder weniger gelangweilten Angestellten über Veränderungen in der Firmenkultur, die ins Werk zu setzen sind. Ein sehr junger, sehr norddeutscher Nachwuchs-Manager sitzt mit starrem Blick vor einem assessment center, das ihm im Bereich der Durchsetzungsfähigkeit durchaus noch Entwicklungspotenzial attestiert.
Leidenschafts- und kommentarlos abgefilmter deutscher Konzernalltag also anscheinend. Kennwer. Hammwerschongesehn. Müssnwernichnochmalsehn. Oder doch?
Es ist die Sprache aller am Film Beteiligten, die mich nachhaltig beunruhigt hat. An einem bestimmten Ort im Gebäude will ein Architekt beispielsweise “Leben generieren”. Unwillkürlich stellt sich bei mir das Bild eines die Phiole schwenkenden Dr. Frankenstein ein. Ok, das ist jetzt hysterisch. Aber was genau hat mich an dieser Sprache so verstört? Nun, es ist wohl das dahinter stehende “Menschenbild”. Sicher, alles, was der Film zeigt, ist “Menschenwerk” und soll, letztlich, dem Menschen dienen. Aber warum wirkt dann die gesamte Szenerie, von der Architektur über die Inneneinrichtungen bis zu den Frisuren und Brillengestellen der Konzernmenschen so so komplett kalt, mechanisch, lustlos und entfremdet, dabei aber gleichzeitig auch subtil, elaboriert, raffiniert, maximal abgeklärt, nicht überraschbar, mit allem rechnend, cool?
Der Film zeigt überzeugend, wie Menschen in heutigen Großkonzernen “geführt” werden sollen. Dabei kommen fast ausschließlich die “Führer” zu Wort – nicht die großen Theoretiker und Strippenzieher des Human Resource Managements (=Menschenbetriebsmittelverwaltung) jedoch, sondern eher die mittlere Etage, die sich mit der konkreten Umsetzung der steilen Konzepte zu plagen hat. Hier wäre eigentlich Raum für unfreiwillige Komik auf der Basis einer zwangsläufig auftretenden Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die, also die Komik jetzt, kommt in Carmen Losmanns Film allerdings fast nicht vor. Sie hat wohl einfach keine finden können.
Der zu führende Mensch erscheint, kurz gesagt, als zu disziplinierendes Bündel teilweise hartnäckiger Widerstände. Diese dürfen natürlich nicht benannt werden (unter uns: sie heißen “Individualismus” und “Eigensinn”). Um diese Widerstände zu brechen, predigen die Menschenbetriebsmittelverwalter pausenlos “Teamgeist” und “Kommunikation”, gerne auch “Offenheit”, “Direktheit” und “möglichst flache Hierarchien”. Auch “informelle Gespräche” stehen hoch im Kurs, in denen ja ein Großteil innovativer Ideen entstehe.
In Wirklichkeit geht es ihnen aber um einen möglichst kompletten Zugriff auf die Psyche der durch sie Geführten. Traditionelle Eigenschaften wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Disziplin sind natürlich weiterhin wichtig, viel stärker interessieren sich die postmodernen Menschenverwalter aber für die “höheren” kognitiven Eigenschaften ihrer Geführten, für deren “Ideen”, deren, würg, “Kreativität”, deren, schluck, “Persönlichkeit”. Und jetzt wird’s schwierig. Denn wie geht das sakrosankte Management-Ideal der Kontrolle mit der traditionell eher mit dem Nimbus des Chaotischen versehenen Kreativität zusammen? Die Lösung heißt: “Leben generieren” (siehe oben), will sagen, Kreativität kann und darf nur als kontrollierte zugelassen werden – unter Laborbedingungen sozusagen. Und hier kommt wieder Dr. Frankensteins Phiole ins Spiel – diesmal aber zurecht. Kreativität sollte nach Bedarf “abrufbar” sein – unter Bedingungen, die von oben nach unten beliebig diktiert werden können, je nach den gerade aktuellen Erfordernissen, des, gepriesen sei sein Name, “Marktes”.
Carmen Losmann, mit der das Publikum nach der Vorführung diskutieren konnte, betonte, das neue Manager-Ideal sei nicht mehr der Ökonom (randlose Brille à la Thomas Middelhoff bzw. Christian Wulff), sondern der Künstler (randbetonte Brille à la Joko Winterscheidt bzw. Alexander Dobrindt). Dies bedeute jedoch nicht eine Abwendung von den Idealen der Effizienz zugunsten lässiger Bohème. Am Künstler sei vielmehr interessant, dass er sich noch rückhaltloser selbst ausbeute als der Ökonom. So gesehen, liege es durchaus im Interesse des Kapitals, aus Angestellten “Künstler” zu machen.
Der Geist der so geführten menschlichen Betriebsmittel soll also offen, kommunikativ und neugierig sein, dabei aber loyal, zielgerichtet und opferbereit. Die Geführte soll im Bedarfsfall jederzeit selbst zur Führerin werden können, ohne dies jedoch eigensüchtig anzustreben, denn das würde ja die Harmonie im Team stören. Es geht also letztlich um die Schaffung einer push button personality. Diesen Begriff habe ich erstmalig bei Heidi Klums Show “Germany’s next Topmodel” gehört. Bei einer Web-Recherche erfahre ich, dass er ursprünglich aus der Pferdedressur stammt.

Jonathan Meese (*1970)
Was findet der Mensch in einem Pornoladen vor?
Präzision, süßeste Werkzeuge, Totalität, Zukunft, Spiel und Gute LauneWas findet der Mensch in der Demokratie vor?
Präzisionslosigkeit, Menschen-ICH-Wahn, Separatismus, Nostalgie, Totritualisiertes und mickrige Wettkampfideologie
Jonathan Meese: Ausgewählte Schriften zur Diktatur der Kunst (2012)

Christian Kracht (*1966)
Christian Kracht hat ein schönes Buch geschrieben. Punkt. Alles, was Georg Diez differenziert und ausführlich in seinem SPIEGEL-Artikel über den Autor ausgebreitet hat, den er für einen “Türsteher der rechten Gedanken” hält, der “antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken” in den “Mainstream” tragen wolle, klang für mich plausibel – bis, ja bis ich dann eben Krachts Buch las. “Imperium” ist nicht mehr und nicht weniger als ein zwar etwas arg knapp ausgefallener, aber in sich wohl ausgewogener postmoderner Abenteuerroman. Doch in jedem Kapitel von (beispielsweise) Thomas Pynchons “V” findet sich mehr an antimodernem, demokratiefeindlichem, totalitärem Denken als auf allen 242 Seiten dieses schwungvollen, geistreichen, witzigen, ironischen Textes! Nur, dass meines Wissens bisher niemand auf die Idee kam, Pynchon deshalb als “rechts” zu bezeichnen. Es bleibt also im Dunkeln, was Diez ritt, Autor und Roman derart zu verunglimpfen. Es muss wohl an Krachts E-Mail-Verkehr mit diesem merkwürdigen Freak David Woodard liegen, der bei Diez das Nazometer so heftig ausschlagen ließ…
Aber bleiben wir beim Roman. Seine Sprache ahmt ohne viel Verrenkungen den Tonfall der Literatursprache des frühen 20. Jahrhunderts nach (Hermann Hesse? Franz Kafka? – Die/der GermanistIn mag forschen.). Kracht möbliert seine Sprache mit sorgsam er-lesenen Fundstücken der gewählten Epoche, ohne eine schlichte Retro-Strategie zu fahren: wir bleiben als Leser dann doch immer im 21. Jahrhundert, das mit einem Maximum an Empathie auf den Beginn des 20. zurückschaut. Gelegentlich werden dabei Vokabeln wie “Analepse” oder “somnifer” eingeflochten, vor denen selbst mein Fremdwörter-Duden streikt. Doch was ich in solch einem Fall einem Daniel Kehlmann als snobistisch ankreiden würde, stört mich bei dem Schweizer Autor in keinster Weise, so leicht und vor allem geschmackvoll setzt er seine Akzente.
Der Blick des immer etwas onkelhaften, altmodisch allwissenden Erzählers auf die Zeitläufte ist dabei alles andere als “totalitär”. Hitler, so der Erzähler, wäre “vielleicht lieber bei seiner Staffelei geblieben”, der Antisemitismus wird als irrationale Projektion von Modernisierungsverlierern beschrieben, “in der Existenz der Juden eine probate Ursache für jegliches erlittene Unbill zu sehen.” Soweit alles politically correct, oder? Kracht hätte ja durchaus die Freiheit gehabt, seinen Erzähler “rechts”, sprich: antimodern, demokratiefeindlich, totalitär daherschwadronieren zu lassen, die Konstruktion des Buchs hätte das durchaus hergegeben – aber er verzichtet darauf, präsentiert stattdessen einen illusionslosen Konservativen, der uns Leser durchaus verantwortungsvoll, wenn auch ironisch, an die Hand nimmt.
Das eigentliche Thema von “Imperium” scheint mir aber die “Freiheit” zu sein – und das durchaus im emphatischen, Gauckschen Sinn. Der neurasthenische Protagonist Engelhardt sucht, nach einer mystisch-intellektuellen Phase (Swedenborg wird gelesen, der unvermeidliche deutsche Philosoph, der mit “N” beginnt, natürlich sowieso, aber auch der Jude Henri Bergson), sein Seelenheil in Askese und einem “einfachen Leben” inmitten möglichst europaferner Natur. Sein eher unfreiwillig komischer als antimoderner “Kokovorismus” scheitert aber am introvertierten und unentschiedenen Wesen Engelhardts: einerseits langweilt er sich unsäglich in seiner selbstgewählten splendid isolation, andererseits weist er fast alle JüngerInnen ab, die sich ihm sinnsuchend aufdrängen wollen. Er taugt einfach nicht zum Bhagwan, ist wohl eher der Typus einzelgängerischer Schwarmgeist ohne großes Charisma. Nur der ebenfalls zivilisationsüberdrüssige Musiker Lützow hält es eine Weile mit dem Exzentriker aus, kehrt aber nach einer Weile dem schrägen Ritter der Kokosnuss wieder den Rücken, “ihm hat, so bemerkt er, ganz klar und offensichtlich das Mondäne gefehlt, das Zivilisationsritual, die Kristallgläser, die weißen Hosen mit der Bügelfalte, … es war ein Experiment, ja, ein Geglücktes, er kann es fast ein Jahr aushalten in der Askese, seine diversen Krankheiten sind geheilt, nun aber zurück nach Europa, … dessen komplexe Befindlichkeiten ja durchaus dienlich sind, sich selbst innerhalb einer Struktur zu verorten, in die man hineingeboren wurde – was nützt einem der Ausbruch, wenn man nicht zurückkehrt, um das Erlernte, das Erlebte anzuwenden?” Lützow bleibt, solange ihn der Autor leben lässt, die einzige glückliche Figur in “Imperium”.
Vielleicht überspanne ich hier der interpretatorischen Bogen, aber obigem Zitat zufolge hat das Buch ja sogar eine Botschaft (und das ist dann plötzlich angenehm post-postmodern): Wir haben selbstverständlich die Freiheit, uns beliebig weit von jeglichen weißen Hosen mit Bügelfalte zu entfernen, wir können natürlich Nudisten und Sonnenanbeter werden, können ohne Frage nach Belieben von rassistischen Arierkulten träumen, ja, wir können uns sogar zum, horribile dictu, Vegetarismus oder, alternativ, zur Anthropophagie als einzig authentischer Existenzform des Humanen bekennen – anything goes – aber irgendwann macht es dann doch wieder Spaß, “sich selbst innerhalb einer Struktur zu verorten, in die man hineingeboren wurde”.
Die Freiheit haben wir. In der Kunst. Im Leben wird es immer einen Diez geben, der übelnimmt. Aber das ist dann ja vielleicht gar nicht so verkehrt.