Der prägnanteste Gedanke ist der, dass ich keinen habe – und dass ich mich, auf allerdings diffuse Art, für diese Leere schäme. Ich müsste ja … was eigentlich? “Glücklich” sein. Aber worüber genau? Über die “Wiedervereinigung Deutschlands”. Nun ja, ich druckse herum, suche nach Gründen der Freude, finde keine. Erwische mich dabei, wie ich bei der Rede von Herrn Voßkuhle, immerhin ein Mann meiner Generation, die Augen rolle: “Ihnen, den Bürgerinnen und Bürgern der damaligen DDR, steht das kaum zu überschätzende und alleinige Verdienst zu, uns Deutschen das einzigartige und berauschende Gefühl selbsterkämpfter Freiheit geschenkt zu haben.” Suche schließlich nach Gründen, warum mich die deutsche Wiedervereinigung “genervt” hat. Aber mir fallen nur die ästhetisch indiskutablen stonewashed jeans ein, die viele DDR-Bürger 1989 trugen, ihr Fokuhila-mit-Oliba-Styling, ihr leicht abgezehrtes, irgendwie verzwergtes Äußeres. Degenerierte Bitterfeld-Mutanten. Ok, schreitet da mein politisch korrektes Gewissen ein, das sind jetzt fiese, arrogante, ungerechte, spöttische, hochnäsige, unsensible und vor allem komplett oberflächliche Gedanken eines saturierten BRD-Bürgers. Aber so habe ich damals nun mal gefühlt. Ok, ich war 23. Die “Wir sind das Volk!”-Rufe erinnerten mich an das Dritte Reich. Und der Aufschrei, mit dem die Massen Genschers Diplomatensatz “Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen …” ungeduldig überbrüllten: klang da nicht vor allem die ehrliche Vorfreude auf bevorstehende shopping-Optionen mit, die widrige Umstände bisher unmöglich gemacht hatten? Waren das die “Bürgerinnen und Bürger der damaligen DDR”, deren “alleiniges Verdienst” es war, uns das “berauschende Gefühl selbsterkämpfter Freiheit geschenkt zu haben”? Auch dies natürlich wieder so ein hoch unsympathischer, arroganter Wessi-Gedanke. Die, die wirklich couragiert gekämpft haben, die DDR-Friedensbewegung, die DDR-Bürgerrechtsbewegung, die DDR-Montagsdemonstranten, verdienen allen Respekt! Aber von denen wollte ja ein paar Jahre später kaum einer mehr was wissen. Allein Matthias Platzek (der zwei Hörstürze bekam, nachdem er erfahren hatte, dass er SPD-Vorsitzender werden sollte) dürfte bis heute bundesweit ein Begriff sein. Weiterhin: Ohne den dramatischen Niedergang der Sowjetunion unter Gorbatschow wäre das dissidente Engagement der oben Genannten wohl kaum so folgenreich gewesen. Schlimmstenfalls hätte sich der Alexanderplatz in einen “Platz des Himmlischen Friedens” verwandelt.
So möchte ich denn den Schwestern und Brüdern in den nicht-mehr-ganz-so-neuen Bundesländern ganz unberauscht zurufen: Lasst uns weiter zusammen raufen!