Soziologie der “Neuen Musik”

Karlheinz Stockhausen (1928 - 2007)

Karlheinz Stockhausen (1928 - 2007)

Durch das Blog von Andreas Bick wurde ich auf einen Text des Musikwissenschaftlers Frank Hentschel aufmerksam, der vor knapp zwei Jahren in der Neuen Zeitschrift für Musik erschien. Das Phänomen “Neue Musik” wird darin höchst unterhaltsam sozio-logisch destruiert und vom Kopf auf die Füße gestellt. Einge besonders treffende Gedanken möchte ich der Leserin der “Weltsicht” nicht vorenthalten.

Neue Musik … kann nicht die fortschrittlichste sein, weil es Fortschritt in den Künsten nicht gibt; [...]. Deshalb müssen ganz offensichtlich Ideologien zu Hilfe genommen werden, wenn der spezifische Anspruch der Neuen Musik vertreten werden soll.

Was hier erst einmal reichlich pauschal und rigoros klingt, beschreibt doch letztlich ganz treffend den status quo: Eine konsensuelle Definition von “musikalischem Fortschritt” dürfte wohl tatsächlich im Jahr 2012 kaum zu finden sein. Ist es fort- oder rückschrittlich, wenn Steve Reich Kompositionstechniken der Notre-Dame-Schule des Mittelalters in seine minimal music integriert? War der Serialismus der 1950er Jahre die fortschrittlichste Kompositionstechnik aller Zeiten und alles, was danach kam, nur noch Rückschritt bzw. Verfall?

Neue Musik wird von Intellektuellen für Intellektuelle gemacht. Wer Neue Musik produziert oder hört, steht ganz oben in der Bildungshierarchie und blickt auf Hörer zahlreicher anderer Musiken mit Überlegenheit herab.

Selbst der sich sonst so lebens-, um nicht zu sagen volksnah gebende Moritz Eggert kann ganz schön pampig werden, wenn Schulkinder seine Werke als “abstrakt” und “teilweise unmelodisch” abtun.

Mir gegenüber nannte ein Kollege, der sich viel mit Neuer Musik befasst, Popmusik einmal «Unterschichtengeräusch».

Erinnert mich an einen mal durch Jutta Ditfurth kolportierten Witz, der sich unter Mitgliedern des Adels großer Beliebtheit erfreuen soll: “Welches Lebewesen ist dem Menschen am nächsten?” – “Der Bürger.”

Die viel beschworene und gleichzeitig mit unterschiedlichen Mitteln – etwa Einführungsveranstaltungen, Gesprächsrunden, Schulunterricht, Radiosendungen … – bekämpfte Isolation der Neuen Musik ist daher möglicherweise ein Konstituens der Szene: Musik, die einem breiteren Publikum gefällt, kann ihr nicht angehören, kann daher auch keine Neue Musik sein.

Der (freiwillige!) Bewohner des Hölderlinturms beklagt immer wieder wortreich sein einsames Los, verlangt (und bekommt) öffentlich-rechtliche Sendezeit, um sein Dasein zu lindern und sich endlich endlich verständlich machen, das heißt: sein über Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte in mühsamster Kleinarbeit erwirtschaftetes singuläres kulturelles Kapital den Massen verfügbar machen zu können. Doch kaum beginnen sich die Massen ernsthaft für seine Musik zu interessieren, fühlt er (der Hölderlinturmbewohner jetzt) sich der nun erst erkannten Eigentlichkeit seines Tuns, nämlich: einsam und unverstanden zu sein, beraubt und sieht sich leider gezwungen, die Türen wieder zu schließen, um seiner “künstlerischen Unabhängigkeit” nicht verlustig zu gehen. Tragik der “Neuen Musik”!

Es wäre ein Irrtum zu denken, Szenen konstituierten sich nur aus tatsächlichen Umständen; nicht minder relevant sind eingebildete und suggerierte Umstände.

Eh klar.

Die sich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschleunigenden Änderungen und Ausweitungen des musikalischen Materials
könnten sich als Konsequenz des verinnerlichten Fortschrittsdranges verstehen lassen, der den Rückgriff auf Altes zunehmend verhinderte und Komponisten immer kompromissloser nach Alternativen suchen ließ. Der Kollaps des tonalen Systems bei einigen Komponisten wäre dann ursächlich auch als ein ideologiegeschichtliches Phänomen aufzufassen.

Zwölftonmethode und Serialismus als kompositorische Gegenstücke industrieller Revolutionen – warum nicht? Interessant auch, dass sowohl Schönberg als auch Stockhausen / Boulez ihre Ideen zumindest anfangs als “alternativlos” und historisch zwangsläufige Entwicklung betrachteten.

Neue Musik tritt nicht einmal in Opposition zu demjenigen Publikum, das sie nicht konsumiert: … m.[eines] E.[rachtens] spaltet sich dieses Publikum hauptsächlich in Menschen, die die Neue Musik kennen und selbstbewusst einfach nicht beachten, ohne sie indes abzuurteilen, und solche, die aufgrund von Bildungsbeflissenheit erklären, dass sie sie nicht «verstehen», zugleich aber ihren hohen Wert anerkennen, weil er autoritativ nahegelegt wird. Einem dritten Teil ist die Existenz der Neuen Musik schlicht unbekannt.

Ein Beispiel für die zweite Gruppe: Vor einigen Monaten berichtete mir ein älterer Herr mit großem Ernst, erst durch die Schriften Adornos habe er Schönberg “verstanden”. Ob dieses Bekenntnis Schönberg geschmeichelt hätte, mag bezweifelt werden.

Der Originaltext ist hier als Word-Dokument frei zugänglich.

Fernsehdiskussion, multimedial

MacBook, vergoldet

MacBook, vergoldet

Die Moderatorin, im Übrigen der einzige lebende Mensch auf dem Podium, starrt die Diskutanten während ihrer hermetischen Antworten immer auf so schwer definierbare Weise an: Ist es Angst, die Befürchtung “Jetzt sagt er gleich ‘Autobahn’”, ist es Besorgnis, ist es einfach das Bestreben, “seriös” zu wirken?

Der Komponist brettert gleich los, MP3 sei gegenüber der einmal bereits erreichten Samplingrate von 96 kHz ein gewaltiger Rückschritt, da würden essentielle Klang-Artefakte der Neuen Musik einfach als “Hintergrundgeräusch” herausgefiltert, skandalös. Überhaupt favorisiere er in letzter Zeit eher wieder die Papier-Partitur gegenüber irgendwelchen, sowieso immer nur ein paar Jahre lang verfügbaren elektronischen Speichermedien wie Tonband, DAT, CD etc. Er schwärmt von Dokumenten aus dem 12. Jahrhundert, die Unbilden aller Art schadlos überdauert hätten. “Wenn sie nicht verbrannt oder verschimmelt sind”, denke ich etwas boshaft und bezweifle gleichzeitig (ebenso boshaft), das in 800 Jahren noch jemand die Werke dieses Meisters hören will, selbst wenn er sie auf säurefreies handgeschöpftes Büttenpapier bannt.

Der Musikpädagoge ist rundlich und von ebensolchem Wesen: freundlich durch und durch, ein Netter, dem man ja so gar nichts übelnehmen kann, aber warum redet er so fremdartig, sagt “korporiert” statt “körperlich”, “innovieren” statt “erneuern”? Der Mann ist sowas von Optimist, es wird sich alles fügen, alles ist gut, die “modernen Medien” werden den traditionellen Instrumentalunterricht eben nicht überflüssig machen, sondern ergänzen etc. Gleichzeitig habe ich permanent das Gefühl, dass er eigentlich ganz froh ist, bald das Rentenalter erreicht zu haben, und den ganzen Zirkus nicht mehr mitmachen zu müssen.

Der Musikjournalist kündigt unterdessen ernst und würdevoll, mit klangvoller Baritonstimme, das leider notwendige Errichten einer Bezahlschranke für die Online-Ausgabe seiner Publikation an, denn “die Art von engagiertem Journalismus”, die er und seine Kollegen betrieben, gäbe es eben nicht zum Nulltarif.

Dann gibt es da noch einen Musikredakteur, von dem ich aber keine irgendwie substantielle Aussage memoriere (was natürlich vermutlich an meiner durch zu viel Online-Sein destruierten Aufnahmefähigkeit liegen wird). Das ist mir ein wenig peinlich, also schlüpfe ich eben mal kurz in die Online-Mediathek des Fernsehsenders, um mir die Sendung in Teilen noch mal zu Gemüte zu führen. Richtig, da spricht der Redakteur davon, dass die digitale Remix-Kultur zu einer “Verflüssigung” der bisher so starren und unveränderlichen Tonkonserven führe, was man als “kreativer Mensch” doch “positiv sehen” solle. Äh. – Ach ja.

Umrahmt und durchwirkt wird die Gesprächsrunde durch drei selbstverständlich extrem multimediale Werke dreier weit unter dreißigjähriger Komponistenperformer. Sicherlich liegt es an der noch weit unter MP3-Level liegenden Leistungsfähigkeit der Lautsprecher meines Nicht-Flachbild-Fernsehers, aber ich kann nur Folgendes wahrnehmen: erstes Stück – Live-Saxofonspiel plus Effekten und Samples aus dem Rechner; zweites Stück – auf dem Rechner aufgezeichnete grummelnde Frauenstimme plus, pardon, das ist jetzt natürlich komplett unfair, random noise aus dem Rechner (der Komponist betont vor der performance selbstverständlich den enormen Arbeitsaufwand, den ihn das Stück gekostet habe); drittes Stück – Live-E-Gitarre plus Effekten auf Rechnerbasis. Folgende Medien kamen nicht zum Einsatz: Text, Fotografie, Grafik, Animation, Video. Nimmt man den Begriff “Multimedia” ernst (und alle Diskutanten taten dies ja pausenlos und wortreich, er gehörte schließlich zum Thema der Sendung), so waren diese Perfomances schlichte Themaverfehlungen. Sie zeigten lediglich, wie junge Männer heutzutage die “Neue Musik” platz- und kostensparend auf dem Laptop noch einmal neu erfinden wollen. Mit mehr oder minder großem Erfolg. Aber das ist wieder ein anderes Thema.