Weltsicht aus der Nische

Bürger, Musiker, Komponist (autonom, aber vernetzt)

Tag: Zeitgenössische Klassische Musik

Johannes Kreidler: “Talk mit Fricke” (2014)

Folgendes Video ist eine editierte und mit – vermutlich aus juristischen Gründen – einigen sehr lauten Piepstönen angereicherte Aufzeichung von Ausschnitten des Musiktheaters “Audioguide” des Komponisten Johannes Kreidler. Kreidler wie Stefan Fricke spielen sich selbst – wenn man hier überhaupt noch von Fiktion reden kann:

Faszinierend, mit welch ungenierter Herablassung und mit welch unlustigem Zynismus sich der Neue Musik-Redakteur einer öffentlich-rechtlichen Anstalt hier in Szene setzt. Das übertrifft ja fast noch Barlows Diktum aus dem Jahr 1996: “Der Komponist ist wie eine Orchidee. Der Baum, auf dem er lebt, die Redaktion.”

Hier wird die Grenze zwischen Kunst und Realität wirklich durchlässig: New Conceptualism at its best, BRAVO!

Käunes Konzeptualismus

Eben erfahre ich, dass der Komponist Florian Käune (*1991) eine musikwissenschaftliche Bachelor-Arbeit zum Neuen Konzeptualismus verfertigt hat, in der der Diskussion zu diesem Thema hier auf der Weltsicht breiter Raum gegeben wird. Wunderbar :-)

Die 47. Ferienkurse im Bild

 

Kurzweiliger Bericht über die just vergangenen Darmstädter Ferienkurse von den Regensburger “Bildmischern” Jörg Lohner und Katharina Herkommer aka nmzMedia (nmz = neue musikzeitung = offizielles Mitteilungsorgan des Deutschen Tonkünstlerverbandes e. V.)

Philip Earis: “Double Helix Major” (2011)

Ausgehend von der englischen Tradition, Kirchengeläute zu organisieren, hat der (Hobby-?) Komponist (und professionelle Naturwissenschaftler) Philip Earis (im Video ganz rechts) eine Methode entwickelt, die es offenbar auch Laien (?) erlaubt, einstimmige, aber komplexe musikalische Patterns ohne Partitur mit je zwei Handglocken pro Performer aufzuführen. Das klangliche Ergebnis ist von beeindruckender Präzision und es macht ganz einfach Spaß, zuzuhören:

Das Verblüffende an dem Video ist die Differenz zwischen Bild und Ton: Man hat ja den Eindruck, als ob die Performer völlig gleichförmige, ja stupide Bewegungen machen, das zu hörende achttönige resulting pattern wiederholt sich aber niemals wörtlich (außer ganz am Anfang). Gut, man kennt dieses Emergenz-Prinzip vom frühen Steve Reich, aber Earis scheint es mir noch ein gutes Stück weiter entwickelt zu haben.

Danke an Volker, der mich auf die Arbeit von Earis aufmerksam machte (“Earis” ist übrigens ein schöner Name für einen Tonkünstler).

Moritz Eggert: “Darmstadt Style”

Der wackere eKomponist Moritz Eggert hat weder Kosten noch Mühen gescheut und ein wirklich geist- und temporeiches anti-populistisches musikalisches Manifest in Form eines pseudo-populistischen YouTube-Videos produziert (mit sich selbst in der Hauptrolle):

Der Text featuret nahezu alle Demütigungen, denen sich ein eKomponist von Menschen, die sich nicht für Kunstmusik interessieren (also ca. 99,65% aller Hörer), so ausgesetzt sieht – und tritt sie alle in die Tonne (also die Demütigungen jetzt, nicht die Hörer)!

Meine Lieblingspassage:

New Music, Modern Music, how do you do
I never wash my hair and Birkenstock is my shoe
I’m always wearing black and I smell kind of strange
but I do know the contrabass clarinet’s range

Aber Eggert wäre nicht Eggert, enthielte die Travestie des Videos nicht einen doch recht grimmigen Subtext. Und der lautet m. E.: “Wer komponiert, ist ein Idiot.

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