BR-alpha feiert Steve Reich

Es gab eine Art special zum 75. Geburtstag des Meisters, das, recht arbeitnehmerfreundlich, eine Viertelstunde vor Mitternacht begann und sich bis fast drei Uhr morgens hinzog. Im Grunde handelte es sich um fünf direkt hintereinander gesendete Einzelbeiträge: eine einstündige Dokumentation, die schon einige Jahre alt gewesen sein dürfte, und vier Folgen der Reihe „musica viva“, in denen jeweils ein Werk Reichs präsentiert – nicht etwa: gespielt! – wurde.

Zwei Dinge blieben mir aus der Doku in Erinnerung: Reich wurde gefragt, warum seine Musik so „anders“ klinge als die meiste „Neue Musik“ der Europäer. Er sagte sinngemäß: „Ich habe wohl ganz einfach einen anderen Geschmack als diese Europäer. Ich mag Musik bis einschließlich Johann Sebastian Bach und dann erst wieder Musik ab Igor Strawinski. Das ganze 19. Jahrhundert interessiert mich dagegen weniger.“ Und warum? „The beat got lost.“

Der zweite Eindruck besteht im Versuch von Prof. Dr. Siegfried Mauser, immerhin laut Wikipedia Gründer eines „Forschungsinstituts für musikalische Hermeneutik“, Reichs Verfahren des phase shiftings zu erklären. Um es kurz zu machen: Ich habe diese Erklärung nicht verstanden. Obwohl ich eigentlich genau weiß, was phase shifting ist, denn ich habe diese Technik im Bereich der Elektroakustischen Musik selbst des öfteren praktiziert. Es geht, kurz gesagt, darum, dass zwei identische Loops tempomäßig allmählich auseinanderdriften und dabei naturgemäß immer neue akustische Muster hervorbringen. Ok, das ist im Ergebnis alles andere als trivial, aber die Idee ist einfach – und das war es wohl auch, was Reich daran faszinierte: wie aus einer im Grunde einfachen Idee quasi „von selbst“ Komplexität entsteht und dieser Vorgang vom geneigten Hörer ohne musikhistorische Vorkenntnisse auch wahrgenommen und verstanden werden kann. Mausers gewundene Erklärung verwandelte diese integrierte Komplexität in eine Anhäufung von Kompliziertheiten und verpeilte damit, für mich, den musikalischen Kerngedanken Steve Reichs aber so richtig. Über den anschließenden Versuch Mausers und eines zweiten Pianisten, dessen Name mir entfallen ist, Reichs „Piano Phase“ zu performen, möchte ich an dieser Stelle lieber keine Worte verlieren.

Aus den je 15minütigen „musica viva“-Schnipseln blieben mir vor allem die Interviews mit zwei Mitgliedern des „Ensembles Modern“ in Erinnerung. Der Perkussionist Rainer Römer und der Pianist Hermann Kretzschmar ergingen sich in (musiker-typischem?) Reduktionismus: Jaaaa – Steve Reich, das sei halt vor allem Kanon, immer wieder Kanons und noch mehr Kanons, recht kompliziert verschachtelt irgendwie, und die Stücke seien ja auch so wahnsinnig dicht. Nun ja, um es kurz zu machen, besonders viel hatten sie nicht zu sagen. Kein Wunder: sie verdienen ja auch nur ihren Lebensunterhalt damit, das Zeug (und anderes), aufzuführen. Muss man da denn auch noch drüber sprechen? Wie lästig. Schließlich steigerte sich Kretzschmar noch in folgende, hier sinngemäß wiedergegebene Aussage: „Jaaa, ‚Eight Lines‘, das spielen wir ja schon 10 Jahre. Hieß ursprünglich ‚Octet‘, weil’s von 8 Musikern gespielt werden sollte.“ Und Brahms‘ „Horntrio“ heißt so, weil ein Horn drin vorkommt und noch zwei Instrumente.

Nun gut, es geht mir in diesem Artikel nicht darum, ehrwürdige und hochverdiente Interpreten der Neuen Musik der Lächerlichkeit preiszugeben, aber angesichts solcher Dürftigkeiten drängt sich doch die Frage auf: Haben „Neue Musik“-Spezialisten aus Alteuropa, speziell aus Deutschland, auch über ein halbes Jahrhundert nach ihrem Entstehen in den USA immer noch kein Gefühl für Reichs Musik entwickelt? Spieltechnische Probleme dürften sie ja wohl kaum haben, oder? Der Vergleich der Aufführung der „Music for 18 Musicians“ des Ensembles Modern mit der ECM-Platte von „Steve Reich and Musicians“ aus dem Jahr 1978 spricht da aber eine ganz andere Sprache: das ach so disziplinierte, hochgerühmte EA erlaubt sich hier ganz erstaunliche Schlampigkeiten, die den angeblich so „lässigen“ Amerikanern viel seltener unterlaufen sind.

Schön wäre es auch gewesen, etwas über Reichs intellektuellen Hintergrund zu erfahren: Weiß denn niemand, dass Reich während seiner prägenden frühen Jahre vor allem mit bildenden Künstlern wie etwa Richard Serra abhing, der ihn als Möbelpacker (!) beschäftigte, dass sein philosophischer Gewährsmann Ludwig Wittgenstein hieß und natürlich nicht Theodor Wiesengrund Adorno und dass seine gesamte Ästhetik ohne seine Kenntnisse im Bereich der menschlichen Psychoakustik, die zur gleichen Zeit etwa von James Tenney, den Reich sehr schätzte, theoretisch und praktisch erkundet wurde, überhaupt nicht denkbar wäre? Hiervon erfährt der BR-alpha-Zuschauer nichts, muss stattdessen vier mal den gleichen „musica viva“-Vorspann über sich ergehen lassen und gelangweilten Super-Profis beim Arbeiten zuschauen.

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