Lifestyle-Minimalismus: Ursachen, Spielarten & Folgen

Der Minimalismus grassiert. Also nicht die minimal music jetzt. Auch nicht die minimal art. Nein, Minimalismus als Lifestyle-Desiderat begegnet mir schon seit einigen Jahren immer häufiger. Was steckt dahinter? Nun, die Ausgangslage ist klar: Der sozial integrierte Mensch mittleren Alters von heute hat Probleme mit der Komplexität. Früher hätte man/frau vielleicht „Vielfalt“ gesagt, noch früher (bei Kant) „Mannigfaltigkeit“. Beide Begriffe klingen jedoch viel zu positiv für das, was bei dem Modewort „Komplexität“ mitschwingt: Eine leise Angst, dass irgendwann dann doch alles „zuviel“ für eine/n ist: das Zusammenhalten der (Patchwork-)Familie, die den Alltag immer mehr dominierende Unterhaltungselektronik und deren Bedienung, die Auswahl der richtigen Informationsmedien, die Auswahl des richtigen Stromanbieters, das Begreifen der aktuellen politischen Großwetterlage, die Tarifregelungen im öffentlichen Nahverkehr, das Erstellen der Steuererklärung usw. Spätestens nach einigen ernsthaften Versuchen des „Weglassens“ merke ich dann aber bald: praktizierter Minimalismus ist eine komplexe Angelegenheit (hehe). Denn „Weglassen“ allein genügt ja nicht, sonst fehlt mir ja was. Irgendwann werde ich dann unruhig deswegen. Die Lebensqualität sinkt. Also passiert genau das Gegenteil von dem, was ich eigentlich wollte.

Der Mensch von heute hat ein Filterproblem. Seine evolutionär überkommenen Scheuklappen, die ihn als Art dahin gebracht haben, wo er heute ist (im Sinne von „ich nehme nur das war, das mir als Individuum das Überleben sichert – the rest is noise„) erscheinen angesichts der Unübersichtlichkeit heute nicht mehr zeitgemäß. Das alleinige Verlassen auf den Instinkt funktioniert nicht mehr (außer, ich möchte als sozialdarwinistische Machtmaschine durch die Gesellschaft holzen – für viele offenbar ein durchaus gangbarer Weg). Ohne Scheuklappen aber, mit einer Open-on-all-sides-Einstellung sozusagen, dreht jeder gesunde Geist irgendwann durch und krepiert, sabbernd, psychotisch und ausgebrannt, am information overload syndrome.

Der Lifestyle-Minimalismus setzt dieser Ratlosigkeit eine Art Askese entgegen, die sich als „vernünftig“ ausgibt, in Wirklichkeit aber weitgehend willkürlich ist: ich werde mich in Zukunft nur noch mit den „wesentlichen“, „unbedingt notwendigen“ Dingen beschäftigen.
Das hat gravierendere Konsequenzen, als ich zunächst angenommen hatte.

Alles hängt nun davon ab, von wem ich mir definieren lasse, was denn „das Wesentliche“ sei. Da gibt es, grob gesprochen, drei Geschmacksrichtungen.

Entweder suche ich mir einen Guru und folge dessen Lehren. So werde ich ein Anhänger des spirituellen Minimalismus‚. Der Abbau des Mannigfaltigen wird zur moralischen Tugend veredelt, ja zur ethischen Tat. Der Geist muss „fokussiert“ werden, um sich nicht in der (letztlich „feindlichen“ oder, je nach religiösem Geschmack, auch „sündigen“) Welt zu „verlieren“. Bestenfalls hilft mir diese Strategie weiter, um für mich wichtige von für mich unwichtigen Dingen besser unterscheiden zu lernen. Schlimmstenfalls falle ich einer totalitären Ideologie anheim und lebe dümmer, als es sein müsste. Außerdem muss ich mein Geld ständig für Bücher, DVDs und Seminare meiner Gurus ausgeben, um deren komplexe Lehre vom vereinfachten Leben auch wirklich in all ihrer Tiefe begreifen zu lernen. In diesem Fall liegt die Blödsinnigkeit meines Handelns auf der Hand.

Oder ich verharre ganz im Diesseitigen und beschränke mich auf einen rationalen Minimalismus, d. h. ich fokussiere meinen Geist darauf, Routinen des Alltags zu vereinfachen, d. h. unnötige, durch was auch immer entstandene Kompliziertheiten in eine neue, besser und effizienter handhabbare Komplexität zu integrieren. Dies erfordert einen enormen geistigen (nicht spirituellen!) Kraftaufwand, denn erst einmal muss ich diese eventuell schon ganz unbewusst ablaufenden Routinen in Frage stellen, auf ihre Zweckmäßigkeit hin überprüfen und dann als überflüssig Erkanntes schlicht in die Tonne treten wollen. Einen Guru brauche ich dafür allerdings nicht. Keine Bücher. Keine Seminare. Keine „freiwilligen Spenden“ an dubiose Organisationen. Im Gegenteil: ich muss in der Lage sein, den common sense anzuzweifeln, ich muss die (materiellen wie immateriellen) Dinge zur Disposition stellen wollen, ohne im Vorhinein schon zu wissen, wohin mich das führen wird. Kurz gesagt: ich muss spielen wollen. Wie ein Kind. Wie ein begriffsstutziger Idiot meinetwegen, dem man jeden Scheiß dreimal erklären muss. Dass erfordert den Mut, peinlich zu wirken, daneben und naiv, drei Dinge, die der sozial integrierte Mensch mittleren Alters von heute fürchtet wie der Teufel das Weihwasser. Denn spätestens seit die 1980er Jahre die Wende vom Rebellischen zum Coolen machten, gilt: dem Coolen gehört die Welt. Cool ist, wer „die Regeln kennt“, wer „sich nichts vormacht“, wer „mit den Masken der Konvention spielen kann“, wer „die Dinge so nimmt, wie sie nun eben mal sind“ etc. Wer sich „exponiert“, hat schon verloren. Wer wagt – verliert. Logisch. Sowieso.

Auch diese Haltung bringt eine Spielart des Minimalismus hervor. Ich möchte ihn snobistischer Minimalismus Nennen: alles „Uncoole“ wird schlicht verachtet, die glatte Oberfläche wird der rauen vorgezogen, der sparsam möblierte Raum dem (über-)vollen. Auch so erreicht man natürlich irgendwann so eine Art „Geistes-Aristokratie“, die aber von der guten alten Ignoranz kaum mehr zu unterscheiden ist. Außer natürlich durch das bessere Gewissen des snobistischen Minimalisten. Während sich der Ignorant alter Schule auf die güldenen Werte der „Tradition“ beruft, die er durch seine „wertkonservative“ Haltung zu bewahren habe (und sich dabei im Stillen fragt, ob er nicht doch im Grunde einfach nur „von Gestern“ sei), erhebt sich der snobistische Minimalist über diesen spießigen Mief und schwelgt in der vermeintlichen Abgeklärtheit des Ausgeräumten.

Welcher Spielart des Lifestyle-Minimalismus Sie schließlich anheimfallen, weiß ich nicht. Dass Sie minimalisieren müssen, steht aber außer Frage. Denn schlichter wird die Welt vermutlich nicht mehr. In diesem Leben.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

Lifestyle-Minimalismus: Ursachen, Spielarten & Folgen

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