Metal – Trost und Revolte

Cover einer populären Metal-CD. Quelle: Amazon.com (94 Rezensionen. Durchschnittliche Bewertung: 3,5 von 5)
Cover einer populären Metal-CD. Quelle: Amazon.com (94 Rezensionen. Durchschnittliche Bewertung: 3,5 von 5)

Wo man geht und steht, nichts als Metal. Im Bus natürlich, aus allen jugendlichen Kopfhörern. Letztens sogar aus dem Gettoblaster eines Wohnungslosen. Im Jugendzentrum sowieso, seit Jahren. Monokultur (beliebig herausgegriffen): „Border of Insanity“, „African Corpse“, „Dying Source“, „Left for Dead“. Dann natürlich: Wacken. Die jährliche „Death Parade“ der Metal-FreundInnen. Hier eine Auswahl der Bandnamen für 2012, die mir spontan am Prägnantesten erschienen: „Coroner“, „Cradle of Filth“, „Dark Funeral“, „Endstille“. Überhaupt die Namen. Scheinbar geht das so: Ist die Fantasie erst einmal auf ein ganz schmales Segment von Möglichkeiten eingeschränkt (Tod muss vorkommen, Gewalt, Blut und Apokalypse), scheinen die Einfälle nur so zu sprudeln.

Als Musik ist mir Metal wurscht. Bin kein Fachmann und habe es über AC/DC und Henry Rollins nie hinausgebracht. Aber als soziokulturelles Phänomen scheint mir die Metal-Kultur doch sehr betrachtenswert. Also, Metalheads, die ihr diesen Artikel lest, erzählt mir bitte nicht, dass ich nichts von eurer Musik verstehe, denn das weiß ich selbst. Ich darf mich aber doch trotzdem in allgemeiner Form, als Bürger einer pluralistischen Gesellschaft, zur, hm, „Allgegenwart“ ist wohl übertrieben, aber, sagen wir mal, „unterschwelligen Präsenz“ der Metal-Kultur im bundesrepublikanischen Alltag 2011 äußern, oder? Darf ich das? – Danke.

Meinem nicht metal-spezialisiertem Ohr fällt zunächst der musikalische Extremismus des Metal auf. Rasende, gerade noch spielbare Tempi, brutale Dominanz einer heruntergestimmten, stark verzerrten E-Gitarre. Dazu gruseliger Kehlkopfgesang. Die Harmonik spielt sich oft im Sekund-, d. h. auf das kleinstmögliche Intervall reduzierten Bereich ab. Das allgemeine Klangbild ist extrem komprimiert, will sagen, Dynamik spielt, vorsichtig gesagt, eine untergeordnete Rolle. Der Eindruck unerträglicher Lautstärke dominiert. Seltsamerweise stellt sich dieser auch ein, wenn die Metal-Musik nur ganz leise aus dem MP3-Player nebenan herüberwispert. Muss wohl an der durchdringenden Prägnanz des Metalsounds liegen. Oft wird diese allgemeine musikalische Charakteristik dann auch noch durch studiotechnische Raffinessen weiter zugespitzt, so dass sich der Gesamtklang, zumindest für meine Begriffe, dem Weißen Rauschen nähert.

Sehe ich mir die Ikonografie des Metal an, so fällt mir als Erstes ihre Farbarmut auf. Schwarz dominiert, logo. Dazu ein klein wenig rot. Blutrot, klaro. Weiterhin gelegentlich Farben, die in der Natur nicht vorkommen. Ein Metal-Bandlogo in Lindgrün und Sonnenblumengelb ist mir noch nicht untergekommen.

Dann natürlich die Typografie. Ich assoziiere spontan: Frakturschrift, Runenschrift, jedenfalls vage „Nordisches“, „Germanisches“, auch „Keltisches“. Die (vermutlich gewollte) ästhetische Unschärfe dieser Typografie lässt keine präzisere Beschreibung zu.

An erkennbaren Objekten tauchen auf: Totenköpfe, Tierschädel (bevorzugt von Ziegenböcken), Zombies (oft mit herunterhängenden Fleischfetzen und offenliegenden inneren Organen), von extremem Schmerz gepeinigte Gesichter (gern auch mit permanent in den Körper gebohrten Folterwerkzeugen, die wohl unerträglichen Dauerschmerz symbolisieren sollen).

Schließlich, last not least, traditionelle religiöse Symbole, vor allem das Christenkreuz in der traditionellen Variante und selbstverständlich auch in der „satanisch“ verkehrten, auf den Kopf gestellten. Auch ein Hostienkelch ist mir schon begegnet. Einige Figuren können mit ein wenig Fantasie als „Engel“ identifiziert werden.

Religion spielt also im Metal-Weltbild eine nicht unwichtige Rolle. Ein gewichtiger Unterschied zu allen anderen Subkulturen, die mir bisher begegneten (Gothic ausgenommen). Techno war säkular und hedonistisch, Punk anarchistisch und nihilistisch. Die Hippies umarmten zwar die Welt, aber sicherlich nicht den Katholizismus. Ihr Religionsbedürfnis war exotistisch, esoterisch und utopistisch. Die Rock ’n‘ Roller der 1950er Jahre schließlich wollten einfach ein bisschen Spaß haben, gut aussehen und unspießig sein. Mit Religion hatten sie gar nichts am Hut.

Nun kommen mir die Metalheads, denen ich täglich auf der Straße begegne, jedoch so gar nicht wie Anhänger der „Generation Benedikt“ vor. Aber auch nicht wie „Satanisten“ (By the way: Wie sieht eigentlich ein Satanist aus? Trägt er die Knochen unschuldiger Jungfrauen um den Hals, die er persönlich dem Belphegor opferte?). Es scheinen mir eher Menschen zu sein, die mit der Religion zumindest im Dialog sind, wenn nicht sogar mit einer Art von (christlichem!) Glauben liebäugeln. Deswegen hier meine steile These: Metal stellt eine jugendkulturelle Krypto-Religion dar, die sinnsuchenden Menschen auf paradoxe Weise gleichzeitig Trost und Revolte anbietet. Die Metalheads von heute sind demzufolge die Kirchgänger von morgen.

Denn warum braucht der „Sinnsucher“ Trost? Weil ihm die Welt „unerlöst“ erscheint, also je nach Gusto moralisch verrottet, ökologisch irreversibel beschädigt bzw. atomar verseucht, vom Kapitalismus versklavt, von brutalen Egoisten beherrscht etc. Alles Bilder, die in der Metal-Ikonografie ihren festen Platz haben. Ähnliche Diagnosen des Weltzustandes, wenn auch deutlich milder formuliert, hören wir ständig vom Papst. Also sind sich Metalheads und der Heilige Stuhl schon mal einig, was die „Analyse“ der Gegenwart betrifft: Die Welt ist ein Jammertal und steht immer kurz vor der Apokalypse (Benedikt) bzw. hat sie bereits hinter sich (Metal).

Nur zieht die katholische Kirche natürlich hieraus andere Schlüsse als der gemeine Metalhead (falls es diesen überhaupt geben sollte, denn die Szene ist ja nach meinem bescheidenen Kenntnisstand geradezu bizarr fragmentiert, ja „fraktalisiert“. Es werden praktisch stündlich neue Metal-Subgenres erfunden, man grenzt sich, innerhalb der Szene, geradezu fanatisch voneinander ab. Es gibt beispielsweise Black Metal, Death Metal, Glam Metal, Power Metal, Thrash Metal, Speed Metal, Doom Metal, Progressive Metal, Gothic Metal, Industrial Metal, Nu Metal, Folk Metal, Grindcore, Metalcore, Pagan Metal, Symphonic Metal und Viking Metal, um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen, hehe). Der Papst sieht natürlich die Hingabe an Jesus Christus als Lösung aller Weltprobleme an, der Metalhead jedoch, hierin ganz weltlich, begnügt sich mit Konzertbesuchen in Wacken, dem Erwerb von Tonträgern bzw. dem Download von Musikdateien, dem Tragen von schwarzen T-Shirts mit den einschlägigen Bandlogos und – sehr wichtig! – der sachlich-fachlich geführten und natürlich prinzipiell unabschließbaren Diskussion mit anderen Metalheads, welche Spielart von Metal denn nun die „wahre“ sei, hierin nicht unverwandt der mittelalterlichen Debatte scholastischer Philosophen, wieviele Engel denn auf eine Nadelspitze passten.

Aus der einstmals „subversiven“ Krypto-Religion wird so erst ein fanatischer Jugendkult, schließlich irgendwann ein exzentrischer Lifestyle, der dann, am Ende, still, leise und ein wenig traurig, im Mainstream versickert.

Ergänzung 2011-10-23: Dominik Irtenkauf fasst in diesem Text Bestrebungen zusammen, speziell dem „satanistischen“ Black Metal ein theoretisches Gesicht zu geben.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

3 Kommentare zu „Metal – Trost und Revolte

  1. Um mich trotz meiner Aversion gegen Metal-Konzerte einer Lärmdusche zu unterziehen, war ich gerade im Konzert von Atari Teenage Riot, und ich muss sagen: Es war ziemlich langweilig. Vom Atari stand ein Monitor auf der Bühne, der, soweit ich es beurteilen konnte, nur Dekoration war, ich bin (und die Akteure auf der Bühne ebenfalls) kein Teenager mehr, also gab man sich zumindest größte Mühe, den Begriff „Riot“ mit Inhalt, oder vielmehr Pose zu füllen. Es war laut, es war verzerrt und verstehen konnte man nichts. Hier wurde auf Kreuze und jegliche Symbolik verzichtet, aber der Versuch, durch Geschwindigkeit, Lautstärke und Verzerrung an die Grenze zu gehen, entspricht dann eigentlich auch der Vorgehensweise, den andere brachiale Musikströmungen wie Metal eben auch bevorzugen. Mich hat’s gelangweilt und deshalb plädiere ich dafür, den Exzess nicht durch quantitative (möglichst laut, möglichst schnell etc.), sondern durch qualitative Steigerung zu zelebrieren. Aber da das Wort qualitativ nie objektiv bewertet werden kann, bleibt auch dieser Kommentar nur ein kleines Wortgewichse im großen Metaraum der Kommunikation und Weltkultur. 100 000 Wacken-Fans und 100 Atari Teenage Riot-Anhänger empfinden unsere Kommentare vermutlich einfach nur als Zeugnis dafür, dass wir alte langweilige Säcke geworden sind. Aber das stimmt nicht. Wir haben die Deutungshoheit und sie sind nichts weiter als ordinäre Spießer!

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  2. Die Aufzählung der Metallsorgen wäre unbedingt um den White Metal zu bereichern: christliche Liedermacher mit Stromgitarre im 16/16-Takt.

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