Preset + Bedürfnis („Vorgemischte Welt“ I)

Vorgemischte Welt (Buch)Imaginärer Trialog mit Klaus Sander und Jan St. Werner. Alle Zusätze in eckigen Klammern von SH. Die Ziffern bezeichnen die Seitenzahl des Quelltexts im Suhrkamp-Bändchen „Vorgemischte Welt“, das 2005 unter der Redaktion von Johannes Ullmaier erschien.

12 Werner Irgendwie kann man natürlich immer alles aus allem machen.

Der Erkenntnisgewinn dieses Satzes entspricht dem von „Alles ist relativ.“ Und er ist auch genau so unsinnig (d. h. bedeutungslos) wie dieser (also nicht einmal falsch).

12 Werner Es kommen ja Gott sei Dank nicht alle zu den gleichen Ergebnissen.

…was wohl eine Art Ur- oder Hauptangst der Autoren dieses Buches zu sein scheint. Scheiße, es hört sich alles so gleich an. Dabei hängen wir uns so tierisch rein, originell zu wirken! Warum hört sich dann trotzdem alles irgendwie gleich an?

12 Sander Felix [a.k.a. FX Randomiz] widerlegt durch sein Vorgehen [er „erwirtschaftet“ sein klangliches Material nur aus einem einzigen Sample] …wunderbar die These, elektronische Musik sei immer von ihrem Ausgangsmaterial abhängig.

Aber welchen ästhetischen Sinn macht es, aus beliebigem akustischem Ausgangsmaterial beliebiges anderes akustisches Ergebnismaterial zu generieren? Ist nicht gerade die gute alte Methode der Verfremdung des Ausgangsmaterials viel spannender? Verfremdung im elektroakustischen Sinne heißt ja, das Ausgangsmaterial nur so stark zu bearbeiten, dass das Original im Ergebnis noch erkennbar durchscheint und sich so ein perzeptuell nachvollziehbares Spannungsfeld zwischen A und A‘ herstellt. Bearbeite ich hingegen A so lange, bis es wie B oder X klingt, habe ich nur bewiesen, dass ich (bzw. die Software!) A in X verwandeln kann – die ästhetische Dimension dieser Transformation bleibt dabei schleierhaft, denn der Hörer erkennt ja keinen hörbaren Zusammenhang mehr (außer, dieser wird ihm durch außermusikalische Mittel, etwa einen erläuternden Text, klargemacht). Das aber ist ungefähr so charmant wie ein Maler abstrakter Bilder, der einem ratlosen Betrachter erklärt, was er „eigentlich“ darstellen wollte. Randomiz „wunderbare“ Transformationen demonstrieren also lediglich technische Machbarkeit (Nebenbemerkung: Ich kenne die Musik von FX Randomiz gar nicht, weswegen die letzte Bemerkung natürlich kein Geschmacksurteil über dessen Musik sein soll! Sie dient hier nur als wertende Analyse einer für das junge 21. Jahrhundert nicht ganz untypischen künstlerischen Strategie).

22 Werner Für alle Bedürfnisse gibt es irgendein Preset.

Glaubt Werner das wirklich? Spricht hier nicht vielmehr ein durch Übersättigung gelangweilter Konsument von Musiksoft- und -hardware, dem beim Produkt-Browsen die Neugier abhanden gekommen ist und der diesen (durchaus bedauernswerten!) Zustand nun selbstmitleidig zur „Gesellschaftskritik“ umfälscht?

23 Sander Ein Großteil von Ihnen [=“beschränkte, vorschnell zufriedene Benutzer“] würde niemals Musik machen, wenn es diese Maschinen nicht gäbe.

Scheiß Maschinen, die es jedem dahergelaufenen Kretin erlauben, in ehemals elitäre Kreise vorzudringen! Tja, lieber Sander, das ist nun einmal die Kehrseite der Demokratisierung der Produktionsmittel, hehe.

23 Sander Seltsamerweise schreibt man sich aber den Vorgang, also das, was man für Musikmachen hält, als eigene Leistung zu, obwohl man doch als Benutzer des Gerätes genau wissen müsste, wie vorprogrammiert der eigene Beitrag dazu war.

Ok, Sander, das trifft den Punkt: Das genuin Neue der postmodernen Musiktechnologie ist ihre Halbzeughaftigkeit (semi-finishedness). Mensch hat es mit, fertigungstechnisch gesprochen, vorgefertigten Rohmaterialformen (Samples, Loops, MIDI-Dateien) zu tun, die auf eine bestimmte Form der Weiterverarbeitung hin gestaltet sind. Und genau das verwirrt den Alteuropäer mit seiner irgendwo immer noch im Hinterkopf herumspukenden Idee vom Künstler als „Originalgenie“, d. h. einer schöpferischen Tätigkeit „unabhängig“ von kultureller Tradition. Also wird hier ein neues „Feindbild“ zum musikalischen Originalgenie aufgebaut: der beschränkte, vorschnell ejakulierende (pardon) musikalische Sachbearbeiter, dessen Hervorbringungen dank geschickter und sachkundiger Weiterverarbeitung von Halbzeugen manchmal nur noch schwer (oder, horribile dictu, gar nicht mehr) von den Elaboraten des echten Kraftgenies zu unterscheiden sind. Was für eine Schreckensvision! Die „Unbefugten“, aber technisch versierten Dilettanten erfrechen sich, das Allerheiligste (die „Inspiration“ ex nihilo) zu entweihen!! Was Sander hier vergisst, ist, das Kunst ohne Verwendung irgendwelcher vorgefertigter Rohmaterialformen gar nicht definiert, geschweige denn produziert werden kann (was ja nicht heißt, dass es nicht mehr oder minder geistreiche Verwendungen dieser Halbzeuge gibt).

23 Sander Aber dieses bessere Wissen wird offensichtlich aus persönlicher Eitelkeit in einer Art stillschweigenden kollektiven Übereinkunft verdrängt.

Sehr richtig, Sander. Mensch möchte sich halt für so originell wie möglich halten lassen. Denn „Originalität“ (im Sinne des 18. Jahrhunderts, siehe oben) ist scheinbar irgendwie immer noch die „Grundrechenart“ des Kunstbetriebs, auch und gerade nach appropriation art. Das trifft übrigens nicht nur für die Verwendung von Musiktechnologie im engeren Sinne zu: Vor einigen Tagen hörte ich das Konzert eines technisch hochversierten und noch recht jungen, dennoch bereits sehr erfolgreichen „Jazz“pianisten. Er „improvisierte“ über eine Stunde „frei“ und ich konnte fast zu jedem Zeitpunkt des Geschehens seine „Inspirationsquelle“ bestimmen: einmal war es Steve Reich, dann Michael Nyman, schließlich ein wenig Cecil Taylor, dann Restbestände von Keith Jarrett, einmal sogar Charles Ives etc. Bei der anschließenden Diskussion, oder besser, Konversation, mit anderen Hörern wurde mir dieses „Heraushören“ von Quellen als besserwisserische „Entweihung“ des soeben Erlebten ausgelegt: ich könne einfach die umfassende Genialität, die nahezu erschreckende Brillanz dieses Musikers nicht ertragen, der pure Neid spreche aus mir. Dabei waren meine „Quellenangaben“ gar nicht „kritisch“ gemeint – im Gegenteil, ich freute mich darüber, dass jetzt (d. h. mit schlappen 50 Jahren Verspätung) auch „Jazz“musiker den ästhetischen Wert von beispielsweise Steve Reichs Musik zu entdecken beginnen. Aber für viele der (sehr kultivierten!) Hörer ist es offenbar auch im Jahr 2011 noch nicht vorstellbar, das man sich auch und gerade in der „freien Improvisation“ in einer durch und durch vorgemischten Welt bewegt.

24 Sander Die innovative … Arbeit kann also eigentlich nur auf der Programmierebene stattfinden.

Aber das Rad muss doch nicht jedesmal neu erfunden werden, wenn man ans Werk geht! Sander möchte hier wohl eine Grenze setzen zwischen „primärer“ und „sekundärer“ Kreativität, er möchte die Spreu vom Weizen trennen. Ein legitimes Unterfangen angesichts der Unüberschaubarkeit der musikalischen Gegenwartsproduktion. Aber taugt Preset/Programmierung hier wirklich als (mit Luhmann gesprochen) „Leitdifferenz“? Ist die Leistung des „Reaktor“-Ensemble-Programmierers wirklich höher einzustufen als die des Musikers, der mit Hilfe dieses Ensembles die Charts stürmt?

25 Sander Warum nennst du dann nicht auch die Presetprogrammierer Musiker?

Begriffsklärung für Nicht-Spezialisten: Ein „Preset“ ist hier ein musikalisches „Expertensystem“, in das mehr oder minder elementare Formen Künstlicher Intelligenz eingeflossen sind. Es beinhaltet, im weitesten Sinne, generative Strukturen, d. h. musikalische „Welten“, denen eine, wenn auch beschränkte, Autonomie eignet, d. h., die sich, in beschränktem Maße, „selbständig entwickeln“ können. Aber eben nur wie ein Mobile, das sich im Wind bewegt. Oder, um ein anderes Bild zu verwenden: Ein „Preset“ lässt sich (ein wenig) den Bedürfnissen seines users anpassen, der Registerzug einer Kirchenorgel nicht. Den zieht man – oder eben nicht. Dann klingen die Orgelpfeifen, wie sie immer klingen, oder eben nicht. Das „Preset“ dagegen, mit seinen mannigfaltigen Einstellungsmöglichkeiten, scheint dem user nur ein Angebot zu machen, das von diesem aber in vielfältiger Weise modifiziert werden kann. Das gibt dem dilettantischen „Sachbearbeiter“ ein völlig neues, euphorisches Gefühl der Macht, dem ehemaligen Kirchenorganisten jedoch das Gefühl, in eine Matrix eingesperrt zu werden, deren Konstruktionspläne er nicht versteht und deren Output in gewissem Maße unabhängig von seinem ästhetischen Wollen ist. Und das macht ihm einfach – Angst.

Fortsetzung

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