Entropie + Verantwortung („Vorgemischte Welt“ II)

Vorgemischte Welt (Buch)
Vorgemischte Welt (Buch)

Fortsetzung des imaginären Trialogs mit Klaus Sander und Jan St. Werner. Alle Zusätze in eckigen Klammern von SH. Die Ziffern bezeichnen die Seitenzahl des Quelltexts im Suhrkamp-Bändchen „Vorgemischte Welt“, das 2005 unter der Redaktion von Johannes Ullmaier erschien. Der erste Teil findet sich hier.

149 Sander … bestimmte Szenen [‚vergessen‘] einen erreichten Stand, den sie nicht mehr weiter ausbauen oder auch nur halten können, einfach gemeinsam …, intuitiv oder strategisch, im Ergebnis ist das egal; entscheidend ist, dass man gegebene Standards … verblassen lässt, um halt irgendwie weitermachen zu können […].
150 […] das Vergessen von Standards [sieht so] ihrer innovativen … Sprengung manchmal zum Verwechseln ähnlich …

So „vergaßen“ die Komponisten des Klassizismus (Haydn etc.) den wenige Jahrzehnte zuvor noch höchstes Ansehen genießenden „barocken“ Kontrapunkt zugunsten einer klaren Hierarchie von „Melodie“ und „Begleitung“, was ja, rein von der Komplexität des Materials her gesehen, ein enormer Rückschritt war. Die Romantiker konnten auf diesen Schlichtheiten dann wieder ganz allmählich Komplexität aufbauen. Ähnliches geschah in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Serialismus eines Boulez, Stockhausen oder auch, weniger bekannt, Jean Barraqué, trieb komplexe Organisationsformen in der Musik zu bisher ungeahnten Höhen – dann kamen die Minimalisten um LaMonte Young und setzten ihren spirituellen „Primitivismus“, der später minimal music genannt wurde, dagegen: ein „strategischeres Vergessen von Standards“ ist kaum denkbar. Manchesmal findet das „strategische Vergessen“ auch innerhalb einer Person statt: Man denke nur an den Igor Stravinskij des Le sacre du printemps (Aufruhr, Ekstase, Komplexität) und vergleiche diesen mit dem Stravinskij des Apollon musagète (Ausgleich, Beherrschung, Klassizismus).

152 Sander … die Mechanismen drumherum [wirken] inzwischen elementarer … als das Material selbst: … alle Wege, etwas auf dem Markt zu plazieren … – das ist der Musik doch alles vorgeschaltet […]. Was dazu führt, dass man heute schon sehr viel Energie reinstecken muss, um überhaupt … nur an die Sachen ranzukommen.

Hoppla, wir nähern uns Baudrillard: die immer mächtiger werdendere Marketingmaschine frisst irgendwann das, was sie vermarkten soll (also quasi ihren eigenen Existenzgrund) auf und: – nichts geschieht! Alles läuft irgendwie weiter, weil sich keiner traut, zu sagen, dass der Kaiser ja gar keine Kleider anhat. Natürlich eine Übertreibung (wie alle Gedankengänge Baudrillards auch) und eine logische Absurdität – aber bestimmte Phänomene von Heute trifft diese Diagnose einfach auf den Kopf: Immer mehr Verpackung um immer weniger Inhalt. Doch ganz ohne Inhalt geht es dann eben doch nicht, da bin ich mir ganz sicher.

164 Sander Im Laufe der Zeit sind … sämtliche Kriterien suspekt geworden: angreifbar, verwerfbar, ersetzbar. Und so dominiert mittlerweile eine kriterienlose Willkür, die ja eigentlich … möglichkeitseröffnend sein könnte, … die … aber zunehmend behindernd wirkt. Da sehnt man sich fast nach gewissen Maßstäben, über deren Berechtigung man sich verständigt und einigt …

Ich bin fest davon überzeugt, dass es einem integeren Subjekt zu jedem historischen Zeitpunkt möglich sein muss, integere Musik zu erschaffen. Und eben deswegen beziehe ich auch gerne soviel Wissen um die Persönlichkeit und die Handlungen eines Komponisten wie möglich in die Beurteilung seiner Musik ein. Ich will mich von beispielsweise Richard Wagner nicht klangberauschen lassen, weil er eben auch Autor des Satzes: „Gemeinschaftlich mit uns Mensch werden, heißt für den Juden aber zu allernächst so viel als: aufhören, Jude zu sein.“ ist. Jetzt mögen viele Feinde der political correctness das zuständige Jaulen kriegen – aber hier kann es für mich kein Vertun geben, ich bedaure: „Ethik und Ästhetik sind Eins.“ spricht Wittgenstein ex cathedra und ich beuge mich widerstandslos diesem Dogma. Und schon verschwindet die „kriterienlose Willkür“, die ja nur entstehen konnte, weil ethische Aspekte in der „Pop-Moderne“ scheinbar „überwunden“ wurden, weil man sich längst in einem endcoolen „Jenseits“ ethischer Problemstellungen zu befinden glaubt. Hier im Gegensatz dazu als „endnaiv“ abgekanzelt zu werden, nehme ich gerne in Kauf. Haut ruhig drauf!

165 Sander [Wir werden für das, was wir hier machen, nicht öffentlich angeklagt] Weil der Diskursbereich, in den wir hier reinlabern, so vage ist, dass jeder für sich Wege finden kann, beliebig damit umzugehen …

Eben nicht (siehe oben)! Langsam habe ich den Verdacht, Sanders Begriff von „Beliebigkeit“ fußt auf einer gewissen Fantasielosigkeit. Wird da nicht schon wieder aus der eigenen mangelnden intellektuellen Distinktionsfähigkeit eine „Zeitkrankheit“ gemacht?

166 Sander Das ist ja ein generelles Dilemma bei Kritik: Sobald man konkrete Namen nennt, sind die beleidigt, die genannt werden, während viele andere, die nur zufällig … nicht namentlich kritisiert werden, einem sogar beipflichten. Wenn man aber keine Namen nennt und nur ins Allgemeine ballert, fühlt sich niemand angesprochen.

Es fehlt also eine „mittlere Ebene“ in der Kritik, die detaillierte Werkbeurteilung (und -kenntnis!) mit allgemeineren ästhetischen Schlussfolgerungen verbinden kann. Ich denke, Kunstkritik wurde irgendwann einmal eigens zu diesem Zweck erfunden. Denn: für den Mikrobereich ist tatsächlich der Fan mit seinem Fanzine kompetenter (weil noch viel „näher dran an der Sache“ und unbehindert von irgendwelchen intellektuellen Zimperlichkeiten), für den Makrobereich gibt’s den Musikwissenschaftler bzw. Kunsthistoriker, der aber überzeugend immer erst zeigen kann, was sie drauf hat, wenn die „Sache“ (die Kunst / Musik nämlich) schon vorbei, d. h.: – tot ist. Er ist lediglich ein „Verweser“ im doppelten Sinne. Kompetente Kritik „tut“ also, wie es so schön im Stile Gorch Focks heißt, „not“ – aber es maßt sich offenbar kaum jemand je die Übersicht an, die notwendig ist, um eine solche auch üben zu können.

167 Sander Wobei ich gar nicht weiß, was schlimmer ist: dass wir das [=das „Aufbieten einer differenzierteren Theorie“] nicht können …, oder das Gefühl, dass eine differenzierte Explikation … vollkommen müßig wäre, … weil die intellektuelle Spannung, sich an sowas abzuarbeiten, … insgesamt gar nicht vorhanden ist.

Das erinnert mich fatal an die Fabel vom Fuchs und den Trauben: das einzige, was uns (d. h. Künstlern und Kritikern) negentropisch weiterhelfen würde, wäre das „Aufbieten einer differenzierteren Theorie“ des Ästhetischen bzw., mit Kant gesprochen, der Urteilskraft. Da wir aber fest davon überzeugt sind, dass diese Theorie, sollte sie denn dereinst existieren, sowieso niemanden interessieren würde und alle eh so weiterwurschteln würden wie bisher, lassen wir es besser gleich und wurschteln selber weiter wie bisher, anstatt zu versuchen, unsere intellektuelle Spannung zu erhöhen. Man kann eine derartige Haltung ruhig defätistisch nennen. Sie ist ethisch nicht in Ordnung. Und deswegen auch ästhetisch nicht in Ordnung.

167 – 168 Sander Wir quatschen ja selbst in diesen datenfreien Raum. Und die einzige Theorie ist: Hier darf jeder alles sagen. Dabei sollte man eigentlich nur noch weghören.

Der „Raum“ ist eben nicht „datenfrei“, sondern überfüllt von Daten (bzw. Artefakten), die aber von Sander als „irrelevant“ wahrgenommen werden. Dem Überdruss folgt wieder einmal reflexartig der dringende Wunsch nach Selektion, nach Zulassungsbeschränkungen, nach Filtern.

168 Sander … es kann schon hilfreich sein, … ein eigenes «Werk» … als etwas … von einem selbst ganz Unabhängiges anzusehen. […] vielleicht … will man eines Tages gar nicht mehr die Verantwortung für etwas übernehmen, was man vor einigen Jahren … in die Welt entlassen hat.

Genau: „Wat kümmert mich ming Jeschwätz von jestern?“ Womit Adenauer gut gefahren ist, das kann für die Pop-Elite nur recht und billig sein. Aber mal ernsthaft: klar kann es vorkommen, das einem uralte Elaborate fremd geworden sind, wie von einer anderen Person gemacht. Das ist normal. Natürlich „entwickelt man sich“, wird „ein anderer Mensch“ etc. Dennoch bleibt man dasselbe Individuum und ist als solches stets identifizierbar (trotz Botox, plastischer Chirurgie, inflationärer Verwendung von Pseudonymen, künstlerischer Selbst-Stilisierung etc.). Der Rest ist (wenn auch mitunter spaßiger und bereichernder) Mumpitz.

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