Fernsehdiskussion, multimedial

MacBook, vergoldet

Die Moderatorin, im Übrigen der einzige lebende Mensch auf dem Podium, starrt die Diskutanten während ihrer hermetischen Antworten immer auf so schwer definierbare Weise an: Ist es Angst, die Befürchtung „Jetzt sagt er gleich ‚Autobahn'“, ist es Besorgnis, ist es einfach das Bestreben, „seriös“ zu wirken?

Der Komponist brettert gleich los, MP3 sei gegenüber der einmal bereits erreichten Samplingrate von 96 kHz ein gewaltiger Rückschritt, da würden essentielle Klang-Artefakte der Neuen Musik einfach als „Hintergrundgeräusch“ herausgefiltert, skandalös. Überhaupt favorisiere er in letzter Zeit eher wieder die Papier-Partitur gegenüber irgendwelchen, sowieso immer nur ein paar Jahre lang verfügbaren elektronischen Speichermedien wie Tonband, DAT, CD etc. Er schwärmt von Dokumenten aus dem 12. Jahrhundert, die Unbilden aller Art schadlos überdauert hätten. „Wenn sie nicht verbrannt oder verschimmelt sind“, denke ich etwas boshaft und bezweifle gleichzeitig (ebenso boshaft), das in 800 Jahren noch jemand die Werke dieses Meisters hören will, selbst wenn er sie auf säurefreies handgeschöpftes Büttenpapier bannt.

Der Musikpädagoge ist rundlich und von ebensolchem Wesen: freundlich durch und durch, ein Netter, dem man ja so gar nichts übelnehmen kann, aber warum redet er so fremdartig, sagt „korporiert“ statt „körperlich“, „innovieren“ statt „erneuern“? Der Mann ist sowas von Optimist, es wird sich alles fügen, alles ist gut, die „modernen Medien“ werden den traditionellen Instrumentalunterricht eben nicht überflüssig machen, sondern ergänzen etc. Gleichzeitig habe ich permanent das Gefühl, dass er eigentlich ganz froh ist, bald das Rentenalter erreicht zu haben, und den ganzen Zirkus nicht mehr mitmachen zu müssen.

Der Musikjournalist kündigt unterdessen ernst und würdevoll, mit klangvoller Baritonstimme, das leider notwendige Errichten einer Bezahlschranke für die Online-Ausgabe seiner Publikation an, denn „die Art von engagiertem Journalismus“, die er und seine Kollegen betrieben, gäbe es eben nicht zum Nulltarif.

Dann gibt es da noch einen Musikredakteur, von dem ich aber keine irgendwie substantielle Aussage memoriere (was natürlich vermutlich an meiner durch zu viel Online-Sein destruierten Aufnahmefähigkeit liegen wird). Das ist mir ein wenig peinlich, also schlüpfe ich eben mal kurz in die Online-Mediathek des Fernsehsenders, um mir die Sendung in Teilen noch mal zu Gemüte zu führen. Richtig, da spricht der Redakteur davon, dass die digitale Remix-Kultur zu einer „Verflüssigung“ der bisher so starren und unveränderlichen Tonkonserven führe, was man als „kreativer Mensch“ doch „positiv sehen“ solle. Äh. – Ach ja.

Umrahmt und durchwirkt wird die Gesprächsrunde durch drei selbstverständlich extrem multimediale Werke dreier weit unter dreißigjähriger Komponistenperformer. Sicherlich liegt es an der noch weit unter MP3-Level liegenden Leistungsfähigkeit der Lautsprecher meines Nicht-Flachbild-Fernsehers, aber ich kann nur Folgendes wahrnehmen: erstes Stück – Live-Saxofonspiel plus Effekten und Samples aus dem Rechner; zweites Stück – auf dem Rechner aufgezeichnete grummelnde Frauenstimme plus, pardon, das ist jetzt natürlich komplett unfair, random noise aus dem Rechner (der Komponist betont vor der performance selbstverständlich den enormen Arbeitsaufwand, den ihn das Stück gekostet habe); drittes Stück – Live-E-Gitarre plus Effekten auf Rechnerbasis. Folgende Medien kamen nicht zum Einsatz: Text, Fotografie, Grafik, Animation, Video. Nimmt man den Begriff „Multimedia“ ernst (und alle Diskutanten taten dies ja pausenlos und wortreich, er gehörte schließlich zum Thema der Sendung), so waren diese Perfomances schlichte Themaverfehlungen. Sie zeigten lediglich, wie junge Männer heutzutage die „Neue Musik“ platz- und kostensparend auf dem Laptop noch einmal neu erfinden wollen. Mit mehr oder minder großem Erfolg. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

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