Katholistischer Realismus

Der Dettelbacher Pfarrer Pater Johannes Messerer (links) und Domkapitular Dr. Jürgen Lenssen diskutieren über Michael Triegels Altarbild.
Der Dettelbacher Pfarrer Pater Johannes Messerer (links) und Domkapitular Dr. Jürgen Lenssen diskutieren über Michael Triegels Altarbild.

Da geh‘ ich nichtsahnend und rein zufällig in die Dettelbacher Kirche, in der ich noch nie war und die mitten im durchaus bergigen Ort, besser: Örtchen, steht (verwinkelt bis dorthinaus, Dettelbach, auf den verschiedenen Ebenen, durchaus sehr interessant, „malerisch“ sowieso), seh‘ ich, dass die Kirche eben frisch herausgeputzt wurde: sehr ausgeräumt, ausgespart, befreit von historischem Ballast – und hinter dem Altar thront auch gleich, so denke ich, eine derart frisch renovierte uralte Retabel, dass mir die Farben nahezu ins Gesicht springen. Das leuchtet – nahezu penetrant. Dann – ein erstes Stutzen: die geometrisierenden Metallarbeiten über dem Triptychon müssen ja wohl eher 1950er Jahre sein – jedenfalls auf keinen Fall mittelalterlich, Renaissance oder Barock, das ist klar. Mein Blick wandert verunsichert über die altmeisterlich gepinselten Heiligendarstellungen, keine Irritation hier, bis er (der Blick jetzt) schließlich oben links an der Darstellung eines scheinbar auf dem Tafelbild liegenden Stücks halbtransparentem Papiers hängen bleibt, auf dem, recht krakelig, ein Dreieck aufgemalt ist.

„Logo – Postmoderne!“, macht es Klick im Kopf – und dann geht der Ärger los. Wie, das hat ein Zeitgenosse gemalt? Absichtlich? Aber ganz offensichtlich absichtlich und mit Fleiß! – Da werde ich doch glatt ein wenig fassungslos. Ich suche im Kirchenschiff nach einer erläuternden Schrift zum Werk und werde auch schnell fündig. Ein zwölfseitiges farbkopiertes Heftchen informiert mich, dass der Maler Michael Triegel heißt und 1968 in: – Erfurt geboren wurde. Jetzt macht es wieder Klick da oben: ein Ossi! Ja logisch ein Ossi – der aus metaphysischer Obdachlosigkeit heraus in den Schoß von Mutter Kirch … jaja, schon gut, grässliches Klischee, ich weiß. Also, was hat der Mann zu sagen, im Heftchen? Kann bzw. möchte er seinen „Katholistischen Realismus“ (Tschuldigung, der musste jetzt ‚raus) auch begründen? Er will, er kann, er tut es folgendermaßen:

Im 20. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Moderne, wurde stets die große Freiheit der Kunst propagiert, die gerade von sich progressiv gebenden Strömungen immer wieder eingeschränkt wurde.

Logisch, wenn das 20. schon das Jahrhundert der Moderne war, kann das 21. nicht noch einmal das Jahrhundert der Moderne sein. Es muss also etwas anderes sein. Das Jahrhundert des Katholizismus (also nur zum Beispiel jetzt!)? Nur ca. 0,001 Promille der Menschheit haben während des 20. Jahrhunderts „die große Freiheit der Kunst propagiert“ (nämlich die Avantgarden), der Rest war mit In-den-Krieg-ziehen oder schlichtem Überleben beschäftigt. Dass ebenjene Avantgarden die gewesen sein sollen, die die Freiheit der Kunst im 20. Jahrhundert „eingeschränkt“ haben, ist nicht nur historischer Unsinn, es ist auch eine komplette, zudem ziemlich plumpe, Verdrehung der Tatsachen. Was Triegel evtl. meinen könnte, ist der mitunter kleingeistige Dogmatismus einiger Avantgarden (z. B. des Surrealismus‘ unter André Breton), der immer wieder zur Verfemung einzelner Künstler (hier: Salvador Dalís) führte, die sich dem zur allein seligmachenden Wahrheit ausgerufenen ästhetischen Ideal zu widersetzen wagten. Was diese Künstler jedoch keineswegs „einschränkte“, sondern meist erst so richtig nach vorne brachte (man vergleiche nur die Bekanntheit Dalís mit der Bretons).

Alles sollte möglich sein und doch war es oft genug erklärtes Ziel der unterschiedlichen künstlerischen Strömungen, sich von vorhergehenden oder gleichzeitigen Entwicklungen rigoros abzusetzen.

Eine künstlerische Strömung, bei der „alles möglich sein sollte“, ist mir nicht bekannt. Und eine Bewegung, die sich von keiner „vorhergehenden oder gleichzeitigen Entwicklung“ absetzen will, ist keine.

Das könnte auch für die gesamte Gesellschaft gelten.

Wie bitte? Sämtliche „progressive“ Bewegungen des 20. Jahrhunderts, also bsp.weise auch die Wissenschaft (der wir Kleinigkeiten wie elektrische Straßenbeleuchtung, Zentralheizung oder moderne Medizin verdanken) stellten also lediglich „einschränkende“, „rigorose“ Absetzbewegungen vom Althergebrachten dar, die die Freiheit eher verhinderten als beförderten?

Die Zeit scheint nicht mehr als ein Fluss verstanden zu werden – Vergangenheit nur noch als etwas zu Überwindendes.

Den Europäer möchte ich sehen, der auf sein ruhmreiches kulturelles Erbe (und sei es in der Form unterfränkischer Fachwerkhäuschen) verzichten möchte! Wir tun doch alles andere, als „Vergangenheit nur noch als etwas zu Überwindendes“ zu verstehen, wir suhlen uns stattdessen doch geradezu im Musealen, stoppen wegen jedem noch so belanglosen archäologischen Fund wichtigste Bauvorhaben, lieben es, wenn Gebrauchsgegenstände des Alltags im Retro-Look der bsp.weise 1950er Jahre gestaltet werden, leisten uns kostspieligste, detailfanatischste Renovierungen auch noch der belanglosesten historischen Bausubstanz etc. Schlicht gesagt: wir glorifzieren die Vergangenheit, genießen die Gegenwart und fürchten die Zukunft. Aber Michael Triegel diagnostiziert etwas ganz anderes:

Gegenwart wird nicht mehr als gelebter Moment begriffen, sondern nur als Startblock auf dem Weg in eine alles verheißende Zukunft, die vage wie sie ist, uns zum Fetisch geworden ist.

Der „Zukunftsfetischist“ scheint mir, zumal in Deutschland, eine eher seltene Spezies zu sein. Ich begegne eigentlich nur Menschen, die Angst vor der Zukunft haben (siehe oben).

‚Zukunft ist heute‘ heißt es. Diesen Entwicklungen versucht die Kirche entgegenzusteuern.

Diese Passage wirkt unfreiwillig komisch, aber es ist gar nicht so leicht zu begründen, warum. Sinn macht das Ganze eigentlich nur, wenn man die vergangenheitsgesättigte Haltung der Kirche im Sinne Triegels als positives Gegengewicht zur „Geschichtsvergessenheit“ der ach so dominanten Gegenwarts- und Zukunftsbesessenen versteht.

Doch wenn ich etwas für schlecht halte und mache das Gegenteil davon, heißt das, dass diese meine Haltung dann automatisch gut ist?

Der (gewollt?) kindliche Tonfall macht es an dieser Stelle natürlich schwer, dieser Aussage zu widersprechen. Außerdem weiß ich gar nicht genau, worüber Triegel hier eigentlich spricht. Will er einfach nur sagen, dass schlichtes Dagegensein noch keine Haltung ist? Und wenn adressiert er hier eigentlich?

In der Kunst, der Gesellschaft und in der Kirche scheint mir gleichermaßen zu gelten: Nicht mit einem festgezurrten Dogma gewinne ich die Menschen, sondern nur mit einem brennenden Herzen, das Voraussetzung ist für aus Liebe geborene, menschliche Tat.

Jaja, die lieblosen, entmenschten Dogmatiker der Avantgarde stehen eigentlich auf einer Stufe mit der Heiligen Inquisition, weil sie das brennende Herz des wahrhaft liebenden Menschensohns M. Triegel nicht recht zu würdigen wissen. Nennt mich Torquemada.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

Katholistischer Realismus

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