Unschuldig wie ein Engel

mhMan sollte sich vom leicht lieblichen, zwischen Rene Magritte und Wenders‘ „Himmel über Berlin“ changierenden Cover dieses Taschenbuchs nicht irritieren lassen: „Cristos‘ (!) Himmelfahrt“, meines Wissens der erste publizierte Roman des 51-jährigen Würzburger Schriftstellers Matthias Hahn, ist weder esoterisch noch kryptoreligiös, die „Generation Benedikt“ wird hier keine rechte Erbauung finden, auch Fans von als Krimi getarnten populistischen Heimatschmonzetten (vulgo „[hier den Namen einer beliebigen, genügend großen deutschen Stadt einsetzen]-Krimis“) werden nicht so recht auf ihre Kosten kommen.

Wer allerdings Freude an einer gut gebauten, solide geschriebenen Science-Fiction-Satire zwischen Gary Shteyngart und Frank Schätzing hat, wird ordentlich bedient. Ok, Hahn erreicht nicht ganz die ätzende Schärfe von Shteyngarts „Super Sad True Love Story“ (außerdem fehlt die love story und Würzburg ist nicht New York) und im Gegensatz zu Schätzing langweilt er den Leser nicht mit seitenlangen Wikipedia-Exzerpten und „lehrreichen“ populärwissenschaftlichen Vorträgen.

Dafür bekommt sie aber jede Menge gelungener Religions-Satire mit kräftigen Seitenhieben auf die Würzburger Glaubensbewegung „Universelles Leben“, a.k.a. „Heimholungswerk Jesu Christi“ (ja, eine „Prophetin“ taucht auf und illuminiert die Massen) – laut Eigenaussage des Autors ging es ihm aber gar nicht um eine Kritik an dieser speziellen Gruppierung, sondern eher um das Thema „Wirkmächtigkeit von Religion in Krisenzeiten“ schlechthin. Nun, sei dem wie es sei: Es gibt Szenen in „Cristos‘ Himmelfahrt“, die in ihrem entlarvenden Witz und ihrem das Zynische streifenden Sarkasmus an „Monty Python’s Life of Brian“ heranreichen.

Leider kommen dann auch schwächere Passagen, wo ich mich plötzlich in eines dieser bemühten Jugendbücher aus dem ebenfalls würzburgerischen „Arena“-Verlag versetzt fühle – zu simpel die Sätze, zu durchschaubar die Machart, zu absehbar das Geschehen. Aber immer wieder nimmt die Story erneut Fahrt auf, platzt, ganz familien-unfreundlich, ein Schädel und besudelt die Protagonistin mit Knochensplittern, segeln, politisch inkorrekt, dehydrierte Leichen entsorgter Rentner durch den Weltraum und verfangen sich in Raumschiffturbinen. Es ist diese Mischung aus Brav- und Bosheit, die den Eigen-Sinn dieses Textes ausmacht und ihn von der Masse thematisch ähnlicher Bücher abhebt.

Übrigens: Die Stadt Würzburg hat die Klimakriege als neues Las Vegas inmitten der zur Wüste gewordenen unterfränkischen Kulturlandschaft überlebt, ebenso die allseits bekannten lokalen Architekturwunder – letztere allerdings nur als plastinierte Repliken ihrer selbst, angestrahlt in gnadenlosen Bonbonfarben. Wer in diesen vorweihnachtlichen Tagen am frühen Abend durch die Domstraße streift, wird bemerken, dass die Zukunft bereits begonnen hat.

Die Welt ist voller schlechter Menschen, die auf ihre Entsorgung warten.

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Am besten von meinem öffentlichen Wunschzettel.
Unschuldig wie ein Engel

2 Gedanken zu “Unschuldig wie ein Engel

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