Bolaños „Das Dritte Reich“

Roberto Bolaño (1953 - 2003): Chile 1970
Roberto Bolaño (1953 - 2003): Chile 1970

Der Titel meint nicht Hitlers Schurkenstaat, sondern ein Brettspiel aus den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, dessen exakter Titel laut Anmerkung des Übersetzers Rise and Decline of the Third Reich lautete. Der Protagonist dieses Romans, dem der Chilene Roberto Bolaño (1953 – 2003) den lakonischen Namen „Udo Berger“ gibt, ist deutscher Landesmeister in diesem Brettspiel und kann selbst während seines Jahresurlaubs an der spanischen Costa Brava nicht von ihm lassen. Dort logiert er mit seiner hübschen Freundin im schon etwas renovierungsbedürftigen Strandhotel „Del Mar“, in dem er schon als Kind mit seinen Eltern zu Gast war. Man trifft ein sozial ähnlich mittelschichtiges deutsches Pärchen, freundet sich ein bisschen an. Eifersüchteleien, Beziehungsknatsch und mehr oder minder öde Discobesuche sowie mehr oder minder ausartende Besäufnisse folgen. Berger lernt zwei dubiose einheimische Proletarier kennen und verliebt sich in die wesentlich ältere Hotelbesitzerin. Irgendwann surft Bergers Urlaubsbekanntschaft auf’s Meer hinaus und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Nach einigem Hin und Her bleibt Berger allein im Hotel zurück und führt, warum bleibt unklar, einen irgendwie dahergelaufenen Tretbootverleiher in die Mysterien seines Brettspiels ein. Dieser entpuppt sich als Supertalent und schlägt den Landesmeister schlussendlich sogar. Was jenen über die Maßen verdrießt und fast aus der Bahn wirft. – Soweit der plot dieses von Christian Hansen sehr ordentlich ins Deutsche übersetzten 300-Seiters, der komplett ausgearbeitet in Bolaños Nachlass gefunden, höchstwahrscheinlich in den 1980er Jahren verfasst und erst 2010 im spanischen Original publiziert wurde. – Stinklangweilig klingt dieser plot erstmal und das soll er wohl auch sein. Alle auftretenden Personen strotzen geradezu vor Durchschnittlichkeit, sind flach, teilweise gar hohl. Die Sprache steht dem zunächst in nichts nach, gewinnt aber im Verlauf des Geschehens an Prägnanz: sie wird dunkler, metaphorischer, anspielungsreicher. Da der gesamte Text als Tagebucheintrag Bergers konzipiert ist, bekommt der Leser so die innere Entwicklung der ebenso prosaischen wie sensiblen Hauptfigur gleich mitgeliefert. Schließlich wird alles so düster, anspielungsreich und traumsequenzenhaft, dass ich mich streckenweise an eine Gothic Novel erinnert fühle:

Das Gewitter hat nicht lange auf sich warten lassen, und jetzt peitscht der Regen die offene Balkontür wie eine sehr lange, knochige, dunkel mütterliche Hand, die mir die Gefahren des Hochmuts näherbringen will.

Doch im realen Geschehen bleiben die Katastrophen aus, vom Tod des Surfers einmal abgesehen.

Ich kenne (noch) keinen anderen Text vom vor allem für seinen Roman „2666“ hochgelobten Bolaño, doch würde ich nur „Das Dritte Reich“ kennen, käme ich nicht wirklich auf die Idee, es hier mit einem Autor von Weltrang zu tun zu haben. Was ja noch nicht viel heißt, handelt es sich doch um ein „Frühwerk“ (das der Autor immerhin schon in seinen 30ern schrieb, also so früh nun auch wieder nicht), welches zu Lebzeiten Bolaños unveröffentlicht blieb (was 1000 Gründe haben kann, aber ganz besonders am Herzen mag der Text dem Autor dann auch wieder nicht gelegen haben, spekuliere ich mal).

Natürlich ist „Das Dritte Reich“ eigenwillig, auf seine Weise elegant, von gekonnter Dramaturgie, ökonomisch erzählt und präzise beobachtet – aber es fehlt ein wenig das Zentrum, der Dreh- und Angelpunkt des Ganzen: Worum geht es hier eigentlich?, frage ich mich einmal mehr, einmal wieder. Spielsucht? Die Unfähigkeit von Mann und Frau, eine gemeinsame Sprache zu finden? Entfremdung? Einsamkeit? Langeweile, die in Gewalt- und Allmachtsfantasien umschlägt? – Jaja, alles richtig. Doch gelingt es Bolaño nicht, dieses Bündel ergiebiger und im Ansatz auch stets überzeugend ausgearbeiteter Themen in ein zwingendes literarisches Ganzes zu verwandeln.

„Das Dritte Reich“ dümpelt so mal mehr, mal weniger unheildräuend vor sich hin, der Leser sehnt sich fast schon verzweifelt nach Handlung, wenn wieder einmal nur die touristische Ödnis des Paseo Marítimo beschrieben wird oder Udo Berger, wie er mal mehr, mal weniger obsessiv strategische Varianten des Zweiten Weltkrieges brettspielmäßig simuliert.

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Bolaños „Das Dritte Reich“

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