Hermetisch populär

Cosima von Bonin (*1962) Also Cosima von Bonin. Der hinterpommersche Name geistert schon seit Jahren durch meinen Kopf (wie so viele Namen), ohne dass ich eine diskrete ästhetische Position damit verbinde. Das mag an mir liegen. Sicherlich auch an mir liegt, dass ich den „richtigen“ Eingang zur Ausstellung im Kölner Museum Ludwig trotz präziser Beschreibung eines freundlichen Museumsangestellten („Links am Picasso vorbei“) nicht gleich, d. h. eigentlich überhaupt nicht finde und mir reichlich dämlich vorkomme, als ich mich dann doch plötzlich offenbar mitten im Geschehen befinde und erneut eine diesmal weniger freundliche Museumsangestellte fragen muss, wo es denn „losgeht“. Was sie mir auch nicht wirklich beantworten kann. Ich sei ja schon mittendrin. Nun gut. Mittendrin thront eine in Pastellfarben schimmernde stilisierte Riesen-Spielzeugrakete, auf der eine Art, hm, Plüschbär thront. Alles ein bisschen wie im Mädchenzimmer. Der riesige Hauptraum der Ausstellung, wo sonst virile Neuwilde wie A. R. Penck und M. Lüpertz düster dräuten, wurde von von Bonin in ein dysfunktionales Kinderzimmer verwandelt: Alles ist weich, pastellfarben und plüschig bzw. kissenhaft. Alles wirkt freundlich, optimistisch, positiv und (ein wenig) verspielt. Nur leicht abstrahierte, wohlbekannte Disney-Figuren finden häufig Verwendung. Und was soll das jetzt alles? Worauf weist das hin? Womöglich nur auf sich selbst? Bin ich dumm, unsensibel, provinziell und ignorant? Ach ja, die Musik Moritz von Oswalds soll hier auch eine gewichtige Rolle spielen, las ich in der Fachpresse. Tatsächlich zischt, summt und brummt es an allen Ecken und Enden und alle paar Meter hängt eine Art Klangglocke aus einem plexiglas-ähnlichen Material von der Decke herunter, unter der man ganz entspannt von Oswalds elektroakustischen Vierviertel-Minimalismen lauschen kann, ohne den Blick von von Bonins aus Herrentaschen- und Handtüchern bewusst schief zusammengenähten Textilbildern abwenden zu müssen. Nach ca. einer Viertelstunde glaube ich bereits, den Formenkreis der von Bonin’schen Artefakte abgeschritten zu haben – der Rest ist Variation. Das ist jetzt gar nicht mal kritisch gemeint: die Welt ist schließlich unübersichtlich genug, was brauchen wir da auch noch wirre, überladene Artefakte! Doch die Formensprache von Bonins ist ja nicht etwa simpel oder gar primitiv. Eher, hm, hermetisch im Ausdruck, aber populär vom Material her. Von Bonin (visuals) und von Oswald (sound) zusammen vermitteln mir jedenfalls ein in der zeitgenössischen Kunst selten erlebtes Gefühl des Optimismus‘, der Zuversicht, des Das-schaffen-wir-schon bzw. Das-kommt-schon-hin. Denn da ist nichts Zynisches, aber auch keine wirkliche Verniedlichung bzw. Verkitschung (dafür blinkt die Ironielampe zu hell), eher scheint mir von Bonins Werk um die Legitimität eines eher privat gefärbten Glücks zu kämpfen, welches dann, indirekt, auch zu einer glücklicheren „Welt“ führen soll. Ist das einfach nur naiv? Oder bin ich hier einfach nur gnadenlos spekulativ? – Klar ist jedenfalls, dass die 1962 geborene Künstlerin als Person vollständig hinter ihrem Werk verschwinden möchte (eine Strategie, die sie mit von Oswald teilt) – ein Konterfei der Künstlerin konnte ich in der gesamten Ausstellung nicht finden, das nebenstehende Porträt war im WWW gar nicht so leicht aufzutreiben. Also nochmal (und ein letztes Mal): Worum geht es? Um ein Immer-schon-versunken-Sein des priviligierten weißen westlichen Mittelstands-Individuums in einer pastellfarbenen Komfortzone, dessen frau sich zwar schmerzhaft bewusst ist, zu dem sie aber dennoch keine praktikable Alternative sieht? Um eine „subversive“ (gähn) „Kritik“ an der „vorgemischten Welt“ der Waren und des Konsums durch nicht-positive Affirmation derselben? Oder geht es um etwas ganz Anderes, das ich gar nicht verstehen kann, weil mir subtile Insider-Hinweise entgehen, substantielle Kontexte verborgen bleiben, profundes kunsthistorisches Hintergrundwissen fehlt etc.? Gibt es vielleicht gar nichts zu verstehen und ich soll nur die Schönheit des semantischen designs genießen, weist also dieser Text hier nur auf eine „Wut des Verstehens“ hin, wie sie typisch ist für den anankastischen Spießer, der sich im mondänen, lässigen, endcoolen Milieu der contemporary art aber so richtig verirrt hat? Oder sollte Cosima von Bonins Arbeit etwa derartig komplex sein (bei, wie gesagt, eher überschaubarer Oberflächenstruktur), dass selbst ich als mehrjähriger eifriger Leser der „Texte zur Kunst“ nicht einmal an der Oberfläche des semiologischen Schatzkästleins kratzen kann, welches sich hier meinen vor Anstrengung tränenden Augen darbietet? Wie gesagt – es muss an mir liegen!

P.S. Eventuell liegt von Bonins Trick darin, dass sie solange Kontexte und Anschlüsse wegstreicht, bis nur noch Fragmente von Bedeutungsoptionen zurückbleiben. Diese werden dann aber so effektvoll und eingängig wie möglich präsentiert. So entsteht diese eigentümliche, aber sofort wiedererkennbare und dann eben doch „individuelle“ (wenn auch nicht individualistische) Mischung aus (siehe oben) „Pop“ und „Hermetik“. Von Oswalds Musik ist eine ziemlich genaue akustische Widerspiegelung dieser Arbeitsweise. Paradox wird es dadurch, dass gerade durch das permanente Wegstreichen von Anschlüssen (Könnte man das „semantische Abstraktion“ nennen?) wieder eine andere, neuartige Form von Anschlussfähigkeit entsteht. Vielleicht hat mich ja das so verwirrt.

Hermetisch populär

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