Kunst und Heuristik („Wozu überhaupt Kunst?“ I)

Oswald Wiener (*1935)

[Dieser Text hangelt sich an der Lektüre des Traktats „Wozu überhaupt Kunst?“ entlang, das von Oswald Wiener erstmals 1980 publiziert wurde. Die Seitenangaben folgen der Ausgabe, die 1998 im Löcker-Verlag, Wien, in dem Band „Literarische Aufsätze“ erschien. Leider ist Wieners Text nach meinem Kenntnisstand derzeit nicht online verfügbar.]

Schon ewig quält mich die Frage, wie denn nun eigentlich „gute“ von „schlechter“ Kunst aufgrund nachvollziehbarer Kriterien zu unterscheiden sei. Ob diese Frage von allgemeiner Wichtigkeit ist, weiß ich nicht. Jedenfalls ist Sie für mich wichtig. Und ich kenne mindestens 2 – 3 Personen, von denen ich weiß, dass es sich bei ihnen ebenso verhält. Dies mag als Legitimation für diesen Artikel erst einmal genügen.

Um gleich einmal mit der Tür ins Haus zu fallen: Ich denke, die Qualität von Kunst lässt sich im Wesentlichen an ihren heuristischen Eigenschaften ablesen. Ein Kunstwerk hat genau dann heuristische Qualitäten, wenn ich durch seine Rezeption zu einer Einsicht gelange, die ich vorher noch nicht hatte. Mit „Einsicht“ meine ich nicht „Einfall“, denn der kann mir auch bei der Betrachtung einer Staubfluse kommen, nein, die Einsicht muss schon direkt aus den Strukturen ableitbar sein, die mir das Kunstwerk selbst bietet. Sie muss sozusagen im Kunstwerk wohnen, muss, im weitesten Sinne, vom Künstler „gemeint“ sein (Hiermit möchte ich Tendenzen der postmodernen Kunstinterpretation ausschließen, für die das Kunstwerk nur ein Bündel von „Material“ ist, das der Verstehenswut des Interpreten willfährig ausgeliefert zu sein hat.).

„Heuristik“, sagt die Wikipedia, „bezeichnet ein analytisches Vorgehen, bei dem mit begrenztem Wissen über ein System mit Mutmaßungen Aussagen über das System getroffen werden, die dann mit Hilfe empirischer Methoden verifiziert werden, um die Korrektheit der Vorstellung über das System (Systemmodell), auf Grund dessen diese Aussagen entwickelt wurden, zu schärfen.“

Wichtig erscheinen mir hier vor allem die Begriffe „begrenztes Wissen“ und „Mutmaßung“ (allerdings nur in Verbindung mit „analytischem Vorgehen“). Warum? – Nun, „begrenztes Wissen“ ist unser aller Grundsituation (das war zwar nie anders, aber selten so schmerzhaft bewusst wie im heutigen „Informationszeitalter“); an der „Mutmaßung“, d. h. dem Formulieren einer Wertung ohne ausreichende faktische Grundlage, geht also wohl kein Weg vorbei. Wer nicht dieser Meinung ist, hängt höchstwahrscheinlich einer Verschwörungstheorie an oder ist schlicht: – religiös (Somit muss ich einen Großteil der Menschheit als Kandidaten für heuristisches Denken schon mal ausschließen, denn dieser ist entweder religiös, oder er glaubt an Verschwörungstheorien. So meine Mutmaßung.).

„Aber ist Kunstgenuss nicht vor allem Gefühl?“ höre ich da den ewigen Wagnerianer klagend ausrufen, „ist Kunst nicht selbst nur reines Gefühl, ist sie nicht in schöne Form gegossene Liebe, Feuer, Leidenschaft, die uns vom grauen Schleier des Alltags erlösen und uns in Sphären ekstatischer Entäußerung…“ – „Is ja gut“, unterbreche ich ihn, „Sie werden lachen: Ich gebe Ihnen vollkommen recht, in jedem Punkt! – Nur würde ich es anders ausdrücken, wenn Sie erlauben. Setzen Sie bitte für ‚Gefühl‘ ‚Ergriffenheit‘ und für ‚Erlösung vom Alltag‘ setzen Sie bitte ‚Abstandslosigkeit zum eigenen Empfinden‘, dann kommen wir der Sache schon näher.“

Ergriffenheit ist (mir) nämlich alles andere als „peinlich“ – im Gegenteil. Denn neben einer bereits halbwegs bekannten Biologie hat Ergriffenheit wohl auch eine (noch weitgehend unbekannte) Psychologie und, jetzt wird’s allerdings spekulativ: eine Logik (Diese zu erforschen ist allerdings nicht Aufgabe des Künstlers, sondern der Naturwissenschaft).

Doch in den Köpfen vieler, vor allem „konservativer“ Menschen scheint immer noch ein „Unbewusst – höchste Lust!“-Denken vorzuherrschen. Der klassische „Linke“ dagegen will sich am liebsten nur und ausschließlich mit seinem „bewussten“ Denken identifizieren und lehnt Ergriffenheit generell als „reaktionär“ ab (vgl. Brechts Idee des „Verfremdungseffekts“). Beide Fraktionen hängen („bewusst“ oder nicht) der Meinung an, Ergriffenheit sei keine „konstruktive Eigenheit unseres verstehenden Apparats“ (O. Wiener, a. a. O, S. 22).

Fortsetzung

3 Kommentare zu „Kunst und Heuristik („Wozu überhaupt Kunst?“ I)

  1. Wenn ich ergriffen worden bin, wehre ich mich oft, fühle mich dann angegriffen, vielleicht sogar abgegriffen, begreife den Zugriff auf mich als Übergriff, vergreife mich dann leicht im Ton und versuche, Unabsehbarem vorzugreifen.
    Ja, Kunst, aber auch Schund, Unwürdiges und Kitschiges und dergleichen mehr können mich ergreifen, ohne dass ich Kunst von Schund, Unwürdigem und Kitschigem trennen kann.
    Wisse einer, warum das so ist.

    G. E.

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