Leben generieren

Szene aus "Work Hard - Play Hard"
Szene aus „Work Hard – Play Hard“

„Work Hard – Play Hard“ hieß der abendfüllende Dokumentarfilm der 34jährigen Crailsheimerin Carmen Losmann, den ich mir am Samstag, dem 24. März 2012 im Rahmen des 38. Internationalen Filmwochenendes Würzburg ansehen durfte. Mir geht der Streifen nicht mehr aus dem Kopf. Aber warum nur? Es wird doch gar nichts Außergewöhnliches gezeigt: Architekten planen eine neue Konzernzentrale und plaudern über ihre Konzepte. Change Manager predigen vor mehr oder weniger gelangweilten Angestellten über Veränderungen in der Firmenkultur, die ins Werk zu setzen sind. Ein sehr junger, sehr norddeutscher Nachwuchs-Manager sitzt mit starrem Blick vor einem assessment center, das ihm im Bereich der Durchsetzungsfähigkeit durchaus noch Entwicklungspotenzial attestiert.

Leidenschafts- und kommentarlos abgefilmter deutscher Konzernalltag also anscheinend. Kennwer. Hammwerschongesehn. Müssnwernichnochmalsehn. Oder doch?

Es ist die Sprache aller am Film Beteiligten, die mich nachhaltig beunruhigt hat. An einem bestimmten Ort im Gebäude will ein Architekt beispielsweise „Leben generieren“. Unwillkürlich stellt sich bei mir das Bild eines die Phiole schwenkenden Dr. Frankenstein ein. Ok, das ist jetzt hysterisch. Aber was genau hat mich an dieser Sprache so verstört? Nun, es ist wohl das dahinter stehende „Menschenbild“. Sicher, alles, was der Film zeigt, ist „Menschenwerk“ und soll, letztlich, dem Menschen dienen. Aber warum wirkt dann die gesamte Szenerie, von der Architektur über die Inneneinrichtungen bis zu den Frisuren und Brillengestellen der Konzernmenschen nur so komplett kalt, mechanisch, lustlos und entfremdet, dabei aber gleichzeitig auch subtil, elaboriert, raffiniert, maximal abgeklärt, nicht überraschbar, mit allem rechnend, cool?

Der Film zeigt überzeugend, wie Menschen in heutigen Großkonzernen „geführt“ werden sollen. Dabei kommen fast ausschließlich die „Führer“ zu Wort – nicht die großen Theoretiker und Strippenzieher des Human Resource Managements (=Menschenbetriebsmittelverwaltung) jedoch, sondern eher die mittlere Etage, die sich mit der konkreten Umsetzung der steilen Konzepte zu plagen hat. Hier wäre eigentlich Raum für unfreiwillige Komik auf der Basis einer zwangsläufig auftretenden Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die, also die Komik jetzt, kommt in Carmen Losmanns Film allerdings fast nicht vor. Sie hat wohl einfach keine finden können.

Der zu führende Mensch erscheint, kurz gesagt, als zu disziplinierendes Bündel teilweise hartnäckiger Widerstände. Diese dürfen natürlich nicht benannt werden (unter uns: sie heißen „Individualismus“ und „Eigensinn“). Um diese Widerstände zu brechen, predigen die Menschenbetriebsmittelverwalter pausenlos „Teamgeist“ und „Kommunikation“, gerne auch „Offenheit“, „Direktheit“ und „möglichst flache Hierarchien“. Auch „informelle Gespräche“ stehen hoch im Kurs, in denen ja ein Großteil innovativer Ideen entstehe.

In Wirklichkeit geht es ihnen aber um einen möglichst kompletten Zugriff auf die Psyche der durch sie Geführten. Traditionelle Eigenschaften wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Disziplin sind natürlich weiterhin wichtig, viel stärker interessieren sich die postmodernen Menschenverwalter aber für die „höheren“ kognitiven Eigenschaften ihrer Geführten, für deren „Ideen“, deren, würg, „Kreativität“, deren, schluck, „Persönlichkeit“. Und jetzt wird’s schwierig. Denn wie geht das sakrosankte Management-Ideal der Kontrolle mit der traditionell eher mit dem Nimbus des Chaotischen versehenen Kreativität zusammen? Die Lösung heißt: „Leben generieren“ (siehe oben), will sagen, Kreativität kann und darf nur als kontrollierte zugelassen werden – unter Laborbedingungen sozusagen. Und hier kommt wieder Dr. Frankensteins Phiole ins Spiel – diesmal aber zurecht. Kreativität sollte nach Bedarf „abrufbar“ sein – unter Bedingungen, die von oben nach unten beliebig diktiert werden können, je nach den gerade aktuellen Erfordernissen, des, gepriesen sei sein Name, „Marktes“.

Carmen Losmann, mit der das Publikum nach der Vorführung diskutieren konnte, betonte, das neue Manager-Ideal sei nicht mehr der Ökonom (randlose Brille à la Thomas Middelhoff bzw. Christian Wulff), sondern der Künstler (randbetonte Brille à la Joko Winterscheidt bzw. Alexander Dobrindt). Dies bedeute jedoch nicht eine Abwendung von den Idealen der Effizienz zugunsten lässiger Bohème. Am Künstler sei vielmehr interessant, dass er sich noch rückhaltloser selbst ausbeute als der Ökonom. So gesehen, liege es durchaus im Interesse des Kapitals, aus Angestellten „Künstler“ zu machen.

Der Geist der so geführten menschlichen Betriebsmittel soll also offen, kommunikativ und neugierig sein, dabei aber loyal, zielgerichtet und opferbereit. Die Geführte soll im Bedarfsfall jederzeit selbst zur Führerin werden können, ohne dies jedoch eigensüchtig anzustreben, denn das würde ja die Harmonie im Team stören. Es geht also letztlich um die Schaffung einer push button personality. Diesen Begriff habe ich erstmalig bei Heidi Klums Show „Germany’s next Topmodel“ gehört. Bei einer Web-Recherche erfahre ich, dass er ursprünglich aus der Pferdedressur stammt.

Ergänzung 2012-10-29: Matthias Dell hat 10 Tage nach der Publikation dieses Textes ebenfalls eine (sehr lesenswerte) Analyse dieses Films im Freitag publiziert. Mein Lieblingssatz hieraus: „Die Ausdifferenzierung von Optimierung führt zur Blindheit fürs Ganze.“

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