Sein Kampf

Meese CoverDer Künstler Jonathan Meese, geboren 1970 als Sohn eines Walisers und einer Deutschen, durfte jetzt seine „Ausgewählten Schriften zur Diktatur der Kunst“ als Suhrkamp-Taschenbuch veröffentlichen. Der Wälzer kommt, samt schmalem Nachwort von Herausgeber Robert Eikmeyer, auf über 660 Seiten. Nun, es gibt vermutlich nicht allzu viele knapp über 40-jährige, denen jemals eine solche Ehre zuteil wurde. Was logisch die Frage nach sich zieht, ob Meeses Texte dieser Ehre würdig sind. Bzw. welcher Teufel die edition suhrkamp… Aber der Reihe nach.

Was weiß ich eigentlich über Meese? Nun, dank gelegentlicher Berichte im Fernseh-Feuilleton ist er mir bereits als fluxus-naher Aktionskünstler bzw. Maler aus der Ahnenreihe Beuys / Schlingensief bekannt. Er gibt gern den flammenden Redner vor mehr oder minder amüsiertem Vernissage-Publikum, guckt manchmal irre wie Charles Manson, hat lange Haare wie ein 68er und entbietet mitunter den Hitlergruß: Widersprüchlich genug, um „interessant“ zu wirken.

„Wie kann ich den Kunstbetrieb provozieren, ohne ein wirkliches Risiko einzugehen?“, war sicherlich eine Frage, die sich Meese zu Beginn seiner Karriere gestellt hat. Und natürlich: „Wie kann ich Aufmerksamkeit über den Kunstbetrieb hinaus bekommen, ohne ein wirkliches Risiko einzugehen?“ Die Antwort auf beide Fragen lautete für ihn offenbar: Adolf Hitler.

Sicher, Meese hat im Grunde viele HeldInnen, im praktischen Glossar gegen Ende des Buches werden außer dem notorischen Österreicher auch noch Andy Warhol, Balthus, Beuys, Charles Bronson, Claudia Schiffer, Echnaton, Edmund Hillary und Sherpa Tenzing, Jonathan Meese, Karl Marx, Kinski, der Marquis de Sade, Megan Fox, Mishima, Nero, Nietzsche, Picasso, Richard Wagner, Scarlett Johansson, St. Just und Tiberius aufgeführt (also Balthus hat mich verblüfft). Aber Adolf Hitler wird immer wieder gern in den Mittelpunkt gestellt. Meese wirft ihm tatsächlich vor, nicht radikal genug gewesen zu sein. Wenn ich ihn richtig verstehe, sieht sich Meese als den Künstler, der Hitler, aus Mangel an Talent, nicht sein durfte. Statt dessen habe sich der Österreicher auf die „Realität“ eingelassen, dadurch entscheidend an „Radikalität“ eingebüßt und sei dann zwangsläufig gescheitert. Der historische Hitler ist für Meese also nur unter dem schmalen Aspekt der „Radikalität“ interessant. Welche Inhalte Hitlers Radikalität transportierte, interessiert ihn nicht. Da hat er seine eigenen (siehe unten).

Frauen tauchen in obiger HeldInnenliste nur als Schauspielerinnen und Models auf. Das Idealbild der Frau ist für Meese die „Lolita“, die komplett instinktsichere Verführerin, die eigentlich keine eigenen Interessen hat, außer eben, zu verführen. Sie ist die perfekte Verkörperung der zu errichtenden neuen Ordnung des „ritualfreien Spiels“. Die Lolita wird angestarrt und rückhaltlos bewundert und verehrt, sie löst beim Betrachter die „Revolution“ aus. Von Sexualität ist nicht die Rede.

Meese interessiert sich für andere Künstler, SchauspielerInnen, Models, Herrscher, Abenteurer, Philosophen, Revolutionäre, Schriftsteller und Komponisten (neben Richard Wagner hat er Wolfgang Rihm zumindest ein Werk gewidmet) nur insofern, als er sie seiner (und hier passt der Begriff einmal wirklich) Vision einer neuen Ordnung der Welt dienstbar machen kann. Nimmermüde wird diese mit den immergleichen Worten skizziert: Der „Metabolismus“ möge herrschen, wir sollen uns in „Demut“ üben in einem „rechtsfreien Raum“. Die „Herrschaft der Sache“ zählt, das „Stofftier“ kündet vom „liebevoll sein“. Wenn wir nur, wie uns das „Lolitatum“ lehrt, alle „von uns absehen“ und unserem „Instinkt“ folgen, wird sich die erlösende „Neutralität“ schon entfalten.

Und gegen welche alte, aber leider noch herrschende Ordnung richtet sich dieser Entwurf? Es ist die verdammenswerte Welt der „Ich-Ästhetik“, der „Selbstverwirklichung“, des „Massenindividualismus“, des „Humanismus“, der „Demokratie“, des „Geschmacks“, des „Nationalsozialismus“ (ja, richtig gelesen!), des „Kommunismus“, des „Menschen-Ich-Wahns“, des „Bewusstseins“, des „Kolosseums“ (Meeses Metapher für die Gesellschaft des Spektakels), der „Nostalgie“, der „Kultur“, der „Menschenzucht“, der „Innerlichkeit“, des „Märtyrertums“, der „Kreativität“.

Auf seine Weise leidet Meese also offenbar an einem ähnlichen Zuvielisations-Syndrom wie der Kollege Christian Kracht (und zahllose andere vor und ganz sicher auch nach ihm). Er artikuliert das nur, seinem rustikal-überschäumenden Naturell entsprechend, ein wenig anders als der Schweizer Autor. Er ist direkt bis zur Kindlichkeit, macht sich angreif- und verletzbar, riskiert, sich lächerlich zu machen. Er dilettiert, traut sich alles zu, ermächtigt sich. Lässt man sich auf diese Strategie ein, bricht bei fortgesetzter Lektüre seiner stets mit größtmöglicher demagogischer Emphase ausgestatteten Texte dann wirklich allmählich etwas auf, man beginnt, unsere bundesrepublikanische Gegenwart mit anderen, nämlich Meeses, Augen zu sehen. Denn alle Phänomene, die Meese der alten Ordnung zuschreibt, gibt es ja wirklich. Und es gibt sicherlich auch genügend Gründe, diese Ordnung erstickend, mutlos, kleinmütig, proporzfixiert und bürokratisch zu finden. Interessanterweise wurden die bekanntesten Künstler, die mit Meese zusammengearbeitet haben (Daniel Richter, Leander Haußmann, Frank Castorf), in einer anderen Republik geboren: der Deutschen Demokratischen nämlich.

Meeses Texte sind utopisch im Wortsinn: sie haben und finden keinen Ort. Sie heben von einer mitunter ziemlich treffenden Diagnose der Gegenwart ab in ein Nirwana der „Kunst“, die sich von den Niederungen geschmäcklerischer „Kreativität“ befreit und von Adolf Hitler die „Radikalität“ geborgt hat, ohne die nationalsozialistische Ideologie zu übernehmen. So etwas ist natürlich gar nicht möglich – was Meese weiß und seine Anstrengungen anschließend verdoppeln lässt…

Der Witz dabei ist, dass Meeses Texte zwar pausenlos von der Großen Idee künden, die das ach so unerträgliche Elend des postmodernen Pluralismus‘ handstreichartig beenden möge, er uns jedoch an keiner Stelle irgendeine inhaltliche Vorstellung von dieser Idee geben möchte. Logisch eigentlich – schließlich möchte er Adolf Hitlers Fehler, sich auf die „Realität“ einzulassen, nicht wiederholen. Dadurch ist dieses Buch, gerade wenn man es inhaltlich ernst nimmt und nicht von vornherein als politisch inkorrekt diskreditiert, – was ja nun mal das Allereinfachste wäre! – eigentlich gar nicht diskutierbar. Und genau das will Meese ja – raus aus der demokratischen „Quasselbude“ (Hitler), rein in die „geile“ Totalität der „Kunst“. Immerhin das hat Meese geschafft: sein Buch lässt sich quasi nur als Ganzes akzeptieren oder ablehnen, es ist tatsächlich hermetisch. Sobald man irgendeinen Teilaspekt isoliert betrachtet, kommt einfach Unsinn heraus. So gesehen, steht er eher in der Tradition Hegels als Nietzsches, man muss nur „Kunst“ durch „Weltgeist“ ersetzen.

Am Ende bleibt die ernüchternde Einsicht, dass Meeses schier endlose Abfolge von Manifesten, Reden, Gedichten und Prosa bzw. einem Mischmasch all dessen, nur dem einen Zweck dient: Jonathan Meese bekannter zu machen. Das ist die „Sache“, von der er pausenlos schwadroniert, die er aber pompös als „die Kunst“ bezeichnet. Nun, für Meese ist „die Kunst“ eben: – Jonathan Meese. Er ist einfach nur in eigener Sache unterwegs, nicht mehr, nicht weniger.

Das muss dann eben reichen.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

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