Von der Politischen zur Religiösen Korrektheit

Martin Mosebach (*1951)
Martin Mosebach (*1951)

Es wird das soziale Klima fördern, wenn Blasphemie wieder gefährlich wird.

Dass der Urheber dieses Satzes, der am 18. Juni 2012 in der FRANKFURTER RUNDSCHAU veröffentlicht wurde, Träger eines Literaturpreises ist, der nach dem zensurgeplagten Sozialrevolutionär Georg Büchner benannt wurde, entbehrt nicht eines gewissen Aberwitzes. Gut, 2012 ist nicht 1834, aber gewisse Grundwahrheiten, z. B., dass ein entspanntes gesellschaftliches Klima der freien Entfaltung der Kunst zuträglich ist, lassen sich dann eben doch nicht so einfach leugnen. Oder etwa doch? Martin Mosebach sieht das so:

Nicht alles aussprechen zu dürfen, von rigiden Regeln umstellt zu sein, hat auf die Phantasie der Künstler überaus anregend gewirkt und sie zu den kühnsten Lösungen inspiriert; […]

Demnach dürften nordkoreanische Künstler derzeit weltweit zu den produktivsten und inspiriertesten ihrer Art gehören. Warum erfahren wir nur so wenig von ihren kühnen Lösungen, wo es ihnen doch, nach allem, was wir wissen, an sie umstellenden rigiden Regeln nicht zu mangeln scheint?

In einer Hinsicht gebe ich dem konservativen Katholiken Mosebach, der seine Messe auf Latein gelesen haben will und den „Leib Christi“ gerne per Mundkommunion empfängt, ja recht: Gotteslästerung ohne Risiko wäre gesellschaftlich wirkungs- und künstlerisch einfallslos.

Deswegen war und ist sie in Deutschland ja auch verboten.

Aber Mosebach geht es in seinem Essay ja gar nicht um Gesetze, sondern: – Gefühle. Er möchte das Gefühl für den Wert des Göttlichen, des Heiligen stärker im Herzen der Massen verankert sehen. Er sähe wohl gerne, wenn jegliche künstlerische Äußerung von der Öffentlichkeit grundsätzlich auf etwas hin überprüft würde, was ich hier einmal probeweise religiöse Korrektheit nennen möchte. Lange Zeit sei man in dieser Hinsicht hierzulande viel zu indifferent, abgestumpft oder gar feige gewesen: „Doch seitdem in Deutschland eine starke islamische Minorität lebt, ist plötzlich wieder Musik in die Sache gekommen.“ Abgesehen von der unfreiwilligen Komik dieser Formulierung (bekanntermaßen war unter den Taliban die Ausübung gerade von Musik verboten) frage ich mich, ob sich Mosebach wirklich klar ist, welcher Haltung er hier in letzter Konsequenz das Wort redet.

Wäre er denn auch bereit, eigene Werke in diesem Sinne kritisch zu hinterfragen? Immerhin beschreibt er in seinem Roman „Die Türkin“ von 1999 laut Wikipedia den trotzigen Konsum alkoholischer Getränke durch einen Ungläubigen in einem muslimischen Land! Läuft Mosebach durch derlei respektlose Passagen nicht Gefahr, selbst zum Opfer religiös korrekter Eiferer zu werden?

Selbst wenn dem so wäre – er würde dieses Kreuz (pardon) wohl mit Freuden auf sich nehmen. Zumindest heißt es gegen Ende seines Essays „Vom Wert des Verbietens“:

Der Künstler, der in sich den Ruf fühlt, … den Glauben derjenigen, für die Gott anwesend ist … für seine Kunst verletzen zu müssen, der ist … dazu verpflichtet, diesem Ruf zu folgen. Die daraus entstehenden Unkosten wird er generös begleichen, auch wenn sie seine Existenz gefährden.

Wie gut, dass beispielsweise Sir Rushdie seit 23 Jahren so großzügig seine existenzgefährdenden Unkosten zu begleichen imstande ist! Sonst wäre er nämlich tot.

Gehört Martin Mosebach am Ende gar selbst zu den „ernsthaft Gläubigen“, die „einem auf diese Weise zustande gekommenen Werk“ ihren „widerwilligen Respekt nicht versagen“ können? Ist er ein heimlicher Verehrer der „Satanischen Verse„?

Wir wissen es nicht.

Aber wir würden gerne daran glauben.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

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