dOCUMENTag, Teil 3 von 3: Meinung

dOCUMENTag, Teil 2 von 3: Statistik

01 ABIDI unterhält großartig und besticht durch brillante Bildkompositionen. Ihr Blick ist aufklärerisch-satirisch. Die Installation wurde technisch perfekt umgesetzt, hat jedoch eine gewisse Glätte.

02 SHAH liebt es kryptisch und poetisch. Ihre (homo)erotischen Fantasien sind durchaus eigenwillig, aber kaum pornografisch zu nennen. Der Surrealismus Salvador Dalís winkt aus dem 20. Jahrhundert herüber.

03 CHIURAI will alles und kann alles. Seine Ausdrucksweise ist suggestiv und manipulierend. Er hat ein feines Gespür für Machtverhältnisse. Will er am Ende selbst die Macht?

04 TAANILA geht mit seiner konventionellen Breitwand-Ästhetik ein nur geringes Risiko ein. Der Übergang zum nüchternen Dokumentarfilm (den ich sehr schätze!) ist fließend.

05 Das Leben KURENNIEMIs zeigt, dass man Künstler sein kann, ohne jemals ein wirklich gelungenes Einzelwerk geschaffen zu haben (was eine etwas steile Behauptung ist, da ich natürlich das gigantische Gesamtwerk K.s nicht wirklich kenne!).

06 FLOYERs Reduktionismus überzeugt mich sofort, weil er eine riskante Form von Selbstironie impliziert. Auch lässt sich der beschallte Raum als akustische Folterzelle verstehen. Freilich erschöpft sich ihre Arbeit in einer einzigen Pointe – aber die ist immerhin gut.

07 GANDERs Luftzug ist natürlich reine Eulenspiegelei, aber eine sehr ernsthafte. Die dOCUMENTA-Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev gönnt der Arbeit zwei nahezu leere Räume im Eingangsbereich der Ausstellung, scheint sie also nicht ganz unwichtig zu nehmen. Ich verstehe das als Plädoyer für einen immateriellen Kunstbegriff. Außerdem sind leere Räume meistens sowieso schöner als volle. Man kann hier buchstäblich Luft für den Rest der Ausstellung holen.

08 FOULKES ist der Harry Partch der dOCUMENTA (13): Ein ewiger Hobo-Exzentriker, der seine nur halb freiwillige Außensicht auf die u.s.-amerikanische Gesellschaft nutzt, um dieser streng moralisierend, aber doch immer unterhaltsam, die Leviten zu lesen. Auf Dauer allerdings eine eher deprimierende Angelegenheit.

09 CASTILLO DEBALL arbeitet ganz „traditionsmodernistisch“ und gar nicht postmodern am Material weiter und gelangt zu hyperkomplexen Lösungen, die faszinieren, aber auch ein wenig ratlos zurücklassen. Überdeterminiertheit kann schließlich irgendwann auch zu Übelkeit führen, oder?

10 KENTRIDGE will und bietet die ganz große Show. Er ist ein Publikumsrenner, was mich leise verbittert: Muss es denn, zum Teufel, immer nur der gute alte Illusionismus sein, der die Massen anzieht? Ein Könner und Macher im Vollbesitz seiner Kräfte, der aber zu keinen inhaltlichen Erneuerungen (mehr) im Stande zu sein scheint.

SELBSTBEOBACHTUNG Da ich die Vornamen „Bani“ und „Kudzanai“ geschlechtlich nicht zuordnen konnte, hielt ich Abidis Werke zunächst für die eines Mannes, Chiurais für die einer Frau. Warum?

WEITERFÜHRENDE BEOBACHTUNG 1 Das multimediale Werk verdrängt ganz langsam das monomediale.

WEITERFÜHRENDE BEOBACHTUNG 2 KünstlerInnen aus dem Westen neigen dazu, ihre Arbeit zur selbstgenügsamen Referenz-Maschine bzw. (manchmal) -Hölle auszubauen, der Rest der Welt benutzt künstlerische Ausdrucksformen eher dazu, um konkrete Probleme außerhalb der Kunstwelt irgendwie bewältigen zu können.

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