Je suis un Ferrarista!

Luc Ferrari (1929 - 2005)
Luc Ferrari (1929 – 2005)

I was a kid during the Second World War and even before that my parents had one of the first radio sets, and there was Radio London. I can still remember those four timpani strokes, and then that mishmash of voices scrambled by electronic devices, through which you could hear those surrealistic messages, like cadavres exquis!

Immer fliegen die Klangobjekte herum, immer so unaufgeräumt, aber doch alles andere als chaotisch, nie weiß ich, wo ich wirklich bin, wo oben ist, wo unten, aber es ist kein Mobile, wo alles an feinen, genau austarierten Fäden hängt, wo ich so ungefähr weiß, was auf mich zukommt – nein: alles bleibt offen, unausrechenbar. Dennoch entsteht nie der Eindruck des Zufälligen, bloß Aufgehäuften.

Darmstadt was in ruins. […] Terrifying. But there were some smashing girls! You had to choose between serialism and girls. I chose girls.

Luc Ferrari ist vielleicht am Besten als musikalischer Surrealist zu bezeichnen. Warum? Der Surrealismus (etwa im Sinne René Magrittes) belässt die dargestellten Objekte, wie sie sind, setzt sie aber in ein, hm, ungewohntes Verhältnis zueinander. Welchen Regeln dieses „ungewohnt“ folgt, bleibt dann jeweils dem Geschmack des einzelnen Künstlers überlassen.

Messiaen was inspiring when discussing other people’s music, and he was unbearable when he talked about his own! (Laughs) He kept going on about the birds, and I couldn’t care less about birds, and then it was colours, these chords which were mixtures of colours, and it all seemed so incredibly naïve to me. And the Lord God, Jesus and Mary and all that came up again and again in what he said, and I was completely atheist. Bugged the hell out of me.

Ferraris Geschmack war der eines exzessiv verspielten Kindes: er probierte alles, aber auch wirklich alles aus, nahm es komplett auseinander und setzte es dann wieder verkehrt zusammen.

I started collecting sounds without any preconceived notions other than a desire to insert into musical discourse a sound that basically didn’t belong there.

Ich habe mich durch das über 10-stündige „L’œuvre électronique“ durchgehört! Hier meine Favoriten in chronologischer Reihenfolge der Entstehung:

  • Visage V (1959, 10’40“) – Musique concrète in höchster Vollendung: schroff, virtuos, selbstbezüglich
  • Presque rien ou Le lever du jour au bord de la mer (1970, 20’51“) – Field recordings des morgendlichen Erwachens in einem kroatischen Fischerdorf, die zu einer vermeintlich „authentischen“ Klangerzählung kondensiert wurden
  • Presque rien n°2 „Ainsi continue la nuit dans ma tête multiple“ (1977, 21’39“) – mein Favorit unter den Favoriten: field recording einer nächtlichen insektenkundlichen Exkursion mit dem Ehepaar Ferrari, angereichert durch elektronische und instrumentale Klänge
  • Archives génétiquement modifiées (2000, 24’50“) – obsessiv-repetitive Klangcollage von suggestiver Eindringlichkeit
  • Les Arythmiques (2003, 40’15“) – Ferraris idiosynkratische Montage idiosynkratischer Klangpartikel generiert akusmatische Hochspannung

I think it’s good to have a really strong concept – and then to forget it.

[Die Ferrari-Zitate entstammen sämtlich dem Interview, das Dan Warburton am 22. Juli 1998 mit dem Komponisten führte. Es ist hier in voller Länge nachzulesen.]

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