Dittmanns Hafensommer 2012 (3 von 4): Supersilent feat. John Paul Jones

Zu Dittmanns Hafensommer (2 von 4): Stian Westerhus, Nils Petter Molvær

Nachdem einige schon bei Westerhus zusammengezuckt waren wie die Katze wenn’s donnert, dürfte Supersilent feat. John Paul Jones so manchen das Fell ganz über die Ohren gezogen haben. Leider ist für ihren Auftritt am 1.8., dem einzigen in Deutschland übrigens, Arve Hendriksen verhindert, so dass den Bassisten von Them Crooked Vultures – um ihn nicht immer bloß auf das Eine festzunageln – nur Stale Storløkken links an Orgel und Keyboards und Helge ‚Deathprod‚ Sten rechts an Gitarre und Samplingkeyboards flankieren. Eine Basskontrolle ergibt, dass Jones auch nicht mehr Saiten bewegt als an­dere Bassisten. Wenn man es überhaupt noch Bassspiel nennen will. Seine Finger fingern jedenfalls mehr mit den Kyma-Programmierungen herum, als auf dem Bass. In den ersten Anläufen blockiert, nach meinem Dafürhalten, diese Fixiertheit auf die Tools und Gimmicks noch weitgehend eine halbwegs einleuchtende Formgebung. Das freie Improvisieren, in dem Storløkken den melodischen, gelegentlich sogar süßen und hymnischen Pol bildet, nimmt schließlich aber doch Gestalt an. Aber entgegen den Erwartungen der promigeil proppenvollen Ränge ist es die Gestalt von giftigem Breakcore-Noise, den Sten dermaßen boxenmörderisch von den Tasten triggert, dass sich die Reihen merklich lichten.

Zwischen diesen Attacken, in denen die Norweger ihre halsbrecherische Frühphase rekapitulieren, mehr aber noch an den krassen Breakcore von Venetian Snares anknüpfen, versuchen die drei sich an milderen Klangflächen, für die Sten mit dem Rücken zum Publikum die Gitarre einsetzt und Jones die diffusen Soundpixel möglichst flach schwirren lässt. Aber dann brausen einem wieder 120 dB durch Mark und Bein, die Sten nie anders als extrem garstig, abrupt und ultrakakophon aufbereitet, indem er jeden Takt x-mal übers Knie bricht oder Glas zerdeppert oder durch pratzelnden Noise unbedingt die Sicherungen durchbrennen lassen will. Trotzdem gibt es dafür genug Beifall für eine Zugabe und hinterher sogar Autogrammwünsche. Die Zugabe zeitigt, gewittrig erhaben, die eindrucksvollsten Minuten des ganzen Abends. Unser „Hafensommer-Stammtisch“ zollt dem risikobereiten, kompro­misslos anstößigen Ansatz Respekt. Fans tiefer Frequenzen, schräger Rhythmen und klanglicher Kuriositäten kamen locker auf ihre Kosten, fanden es spannend und einige ernsthafte Spaßvögel fanden …silent sogar super.

Autor: Rigobert Dittmann

Offizielle Fotos vom Abend: Supersilent feat. John Paul Jones

Dittmanns Hafensommer (4 von 4): Arnottodrom, Gabby Young & Other Animals

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Ein Kommentar zu „Dittmanns Hafensommer 2012 (3 von 4): Supersilent feat. John Paul Jones

  1. Ich muss wohl irgendwann in den letzten Jahren die Antenne für den „risikobereiten, kompro­misslos anstößigen Ansatz“ verloren haben, obwohl ich mich auch nach der Lektüre dieser Zeilen weiterhin unbeirrbar als „Fan tiefer Frequenzen, schräger Rhythmen und klanglicher Kuriositäten“ bezeichnen werde … 😉
    Mich resp. uns (meine Frau und anwesende Freunde) hat der Abend nicht überzeugt – dem exzellenten Klang und der gut austarierten Lautstärke hätte inhaltlich mehr (bzw. überhaupt) Struktur gut getan. Tatsächlich bleibt nur die „Fixiertheit auf die Tools und Gimmicks“ im Gedächtnis, musikalisch vor allem in 3 unterschiedlichen, aber immer wiederkehrenden Momenten/Motiven:
    – Gegniedel (hochfrequent)
    – Gebrazzel (tieffrequent, entfernt rhythmusähnlich)
    – Fläche (harmonisch, kann Spuren von Melodien enthalten)
    Diese 3 Zutaten liefen im steten Wechsel (Fläche eher seltener), so dass nach längstens 20 Minuten nur noch Wiederholungen (ohne wirkliche Variation) des vorher Gehörten die Aufmerksamkeit nicht mehr fesseln konnten – der Groove, den Jones am Bass irgendwann zu spielen anfing und über einen längeren Zeitraum halten konnte (bevor die Kollegen ihn von links und rechts wieder in die Mangel aus Gegniedel und Gebrazzel nahmen), war nicht besonders aufregend, aber doch irgendwie wohltuend im amorphen Einerlei aus lauten und lauteren Attacken der Elektronik.
    Ein junges Pärchen schräg vor uns lachte die ganze Zeit und filmte mit dem Handy – echte Begeisterung oder doch Unglaube, dass mit diesem akustischen Klimbim tatsächlich mittelgroße Bühnen bespielt werden? Der umherschweifende Blick ins Publikum erhärtete eher die zweite Vermutung.
    Nur die Bereitschaft, unverzagt auf ein wann auch immer eintretendes, musikalisch erleuchtendes Moment zu warten, hielten mich davon ab, mich der – zugegeben fragwürdigen – Wanderbewegung im Publikum in Richtung Ausgang anzuschließen. Mag sein, dass das Konzert für einige unterfränkische Durchschnittsohren (in denen womöglich „Stairway to heaven“ seit 40 Jahren als ewiges Echo umhergeistert) zu anspruchsvoll war: ich habe mich gnadenlos unterfordert gefühlt, aber dennoch brav abgewartet, dass sich irgendwann irgendwas tut – und beim Gähnen immer schön die Hand vor den Mund gehalten.

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