Heute keine Feuilleton-Presseschau vom Perlentaucher!

Thierry Chervel (*1957), Anja Seeliger (*1961)

Aus Protest gegen den aktuellen Gesetzesentwurf der Bundesregierung zum Urheber- bzw. Leistungsschutzrecht hat der Perlentaucher heute auf seine Feuilleton-Presseschau verzichtet.

Hm, es scheint langsam ernst zu werden, wenn selbst stockseriöse Onlinemagazine zu so drastischen Maßnahmen greifen.

Ich nutze die Feuilleton-Presseschau des Perlentauchers mehr oder minder intensiv seit über 10 Jahren und habe sie stets als dramatischen Fortschritt gegenüber der Zeit vor dem Internet empfunden. Denn es war mir (wie vermutlich 99.9% aller Bürger) bis dahin schlechterdings unmöglich, täglich die Feuilletons aller deutschen Intelligenzblätter einschließlich der NZZ auf Interessantes durchzumustern.

Für diesen fantastischen Service möchte ich dem Perlentaucher und seinen Begründern, der Juristin Anja Seeliger und dem Musikwissenschaftler Thierry Chervel, hier einmal ganz herzlich danke sagen!

Ehrlicherweise muss ich aber auch eingestehen, dass mich die Nutzung dieses Dienstes so gut wie nie zum Kauf einer Zeitung bewogen hat. Die interessanten Artikel waren ja früher oder später sowieso alle kostenlos online verfügbar – ganz offiziell auf den Internetseiten der jeweiligen Zeitung wohlgemerkt!

Im Feuilleton geht es, mehr als in allen anderen Ressorts einer traditionellen Zeitung, um Meinung, weniger um Information. Über die Kostenpflichtigkeit von Information lässt sich trefflich streiten, über die von Meinung allerdings nicht – oder etwa doch?

Logisch, dass der Perlentaucher selbst meinungsbildend ist, obwohl er die Inhalte des klassischen Zeitungs-Feuilletons „nur“ zusammenfassend wiedergibt und verlinkt. Schon seine Medienauswahl ist tendenziös: So ist beispielsweise keine österreichische Zeitung regelmäßig dabei und keine aus dem rechtskonservativen Spektrum. Allerdings wurde vom Perlentaucher auch meines Wissens niemals behauptet, das gesamte Meinungsspektrum im deutschsprachigen Feuilleton „objektiv“ abzubilden! Er macht aus seiner, hm, linksliberalen Grundeinstellung nie einen Hehl, lässt gelegentlich spitze Meta-Bemerkungen fallen oder weist auch mal nüchtern auf offensichtliche sachliche Fehler in den Original-Artikeln hin.

Das ist für die betroffenen Old-School-Feuilletonisten natürlich ein „ständiger Quell des Ärgers“ (so ein ehemaliger SZ-Redakteur im persönlichen Gespräch) – hat es doch der „Zweitverwerter“ vermeintlich immer leichter als sein „investigativer“ Kollege!

Aber der Perlentaucher ist kein Watchblog – er ist ein erst durch das Internet möglich gewordener Meta-Feuilletonismus, dessen Einschränkung oder gar Verbot schlicht ein zivilisatorischer Rückschritt wäre.

[Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.]

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