„Musik wäre dann die eigentliche Dimensionskunst.“

Iannis Xenakis:
Iannis Xenakis: „Musiques formelles“ – Titelseite der französischen Originalausgabe aus dem Jahr 1963

Merkwürdig, dass mir Dietmar Daths fulminante SF-Groteske „Die Abschaffung der Arten“ erst 4 Jahre nach ihrem Erscheinen in die Hände fiel. Oder auch nicht – das Werk wurde schließlich vom bürgerlichen Feuilleton so mau bis mies besprochen, dass ich schon dachte, es bei diesem Autor mit einem postmodernen Scharlatan, einer Art David Foster Wallace für Arme bzw. Bonsai-Pynchon zu tun zu haben. Nichts davon trifft zu: Das Buch ist beste Unterhaltungsliteratur für die gebildeten Stände, kann, was seine satirische Schärfe betrifft, mit Shteyngarts und Hahns aktuellen Arbeiten locker mithalten bzw. übertrifft diese noch gelegentlich, überbietet Müllers reizend ungeschliffene Freistil-Fantastik weit und lässt Kehlmanns letztes Werk dafür umso schmalbrüstiger und uninspirierter dastehen.

Häufig wird Daths Schaffen mit dem Attribut „krude“ beschrieben. Gar nicht mal so falsch, wenn man „krude“ mit „roh“, „unbearbeitet“ oder „ungeschliffen“ übersetzt, nicht aber wie üblich mit „rabiat“ oder gar „grob“. Dath hat nämlich einfach den Muth (Entschuldigung), seine umfangreichen philosophischen, naturwissenschaftlichen, belletristischen, soziologischen, historiographischen etc. Lesefrüchte ganz ungeniert und wie es ihm eben passt vor dem Leser auszubreiten und diese dann auch noch, sozusagen spaßeshalber, ganz dreist in eine Saga à la „Star Wars“ einzuschweißen. Dass das funktioniert, ist eigentlich ein Wunder, klingt es doch wie der feuchte Traum des Nerds von nebenan.

Ich kann mir lebhaft vorstellen, welche ästhetischen Schwierigkeiten Mainstream-LiteraturkritikerInnen (Ausnahme, wieder einmal: Iris Radisch) mit derartigen „Ideen-Romanen“ haben, bei denen weder die psychologische Charakterzeichnung von Figuren noch avancierte Sprachbehandlung eine große Rolle spielen – eigentlich haben sie gar keine andere Wahl, als eine derartige écriture als schlicht defizitär zu qualifizieren. Sie sind zu bedauern.

Als früh Jules-Verne-H-G-Wells-Ray-Bradbury-Arthur-C-Clarke-Samuel-R-Delany-Geprägter (o.k., das war, bevor ich im Deutsch-Leistungskurs ebenso maliziös wie vernichtend gefragt wurde „Würden sie Science Fiction wirklich als Literatur bezeichnen?“) bin ich da eindeutig im Vorteil und kann Daths „unlogische“ und „unplausible“ inhaltliche Volten, Sprünge und Grillen schlicht genießen, statt ständig und penetrant mehr „psychologischen Realismus“ vom Autor einzufordern.

Besonders gut hat mir natürlich gefallen, dass Dath der Zeitgenössischen Klassischen Musik (früher auch gerne „Neue Musik“ genannt) eine Schlüsselrolle in seinem Epos zuweist. Ihr, und nur ihr, wird nämlich zugetraut, als „computationaler Wandler“ die „Beschaffung der Raumzeit und der richtigen Bewegung in ihr“ zu klären bzw. verstehen zu lernen!

Schon witzig, dass der Autor, der ja als jahrelanger Chefredakteur des Musikmagazins SPEX sicherlich Tonnen von Pop hören musste, ausgerechnet die Musik des extremst pop-fernen griechisch-französischen Komponisten Iannis Xenakis und, im Besonderen, dessen hermetisches theoretisches Hauptwerk „Musiques formelles“ von 1963 (kann man hier komplett als PDF-Scan der Originalausgabe herunterladen) als Blueprint für musikalische Komplexität einfällt – und nicht etwa die Musik von The Deep Freeze Mice oder Madonna. Xenakis wird sogar wörtlich im Roman zitiert (S. 512 – 513):

Musik ist keine Sprache. Mit seinen komplexen Formen, Furchen und eingravierten Mustern auf der Oberfläche und im Innern gleicht jedes Musikstück einem Felsblock, den Menschen auf unzählige Arten entziffern können, ohne je die richtige oder beste Antwort zu finden. Kraft dieser vielfältigen Auslegungen evoziert Musik vergleichbar einem katalysierenden Kristall alle möglichen Phantasmagorien.

Auf Daths eigenem Mist ist dann wohl die Fortspinnung dieser wundersamen Eigenart des Musikalischen gewachsen. Und das geht so (S. 513):

Vielleicht ist die Nichtsprachlichkeit von Musik eine Parasprachlichkeit, wie etwa bei der Mathematik – die ist ja nicht nur eine Sprache, sondern auch der Gegenstandsbereich einer Sprache – die Zahl >1< ist ein mathematischer Ausdruck, dem außerhalb der Mathematik gar kein ontischer Status zukommt.

Und weiter (S. 513 – 514):

Vielleicht ist die Musik so etwas Ähnliches wie das Vokabular der Logik. Logik ist ja weniger eine Objektsprache, also eine Sprache, die Dinge und Sachverhalte ausdrückt, als vielmehr ein Instrument zum Explizitmachen der fundamentalen semantischen und pragmatischen Strukturen einer diskursiven Praxis. Und analog dazu könnte dann die Musik die Funktion haben, die fundamentalen Strukturen des raumzeitlichen Erlebens explizit zu machen. Da sie sich ja in der Zeit abspielt, darauf angewiesen ist wie kaum eine andere Kunst, und andererseits sehr leicht die Illusion von Räumen erzeugen kann. Musik wäre dann die eigentliche Dimensionskunst.

Das kann man natürlich auch für haltloses Blasenwerfen einer überhitzten Intellektuellenfantasie halten (oder gar für „krude“, hehe), vielleicht auch für einen etwas monströsen, hinkenden Hybriden aus Friedrich Schlegel und Ray Kurzweil – mich jedenfalls spricht diese furchtlose, experimentelle (hier passt der Begriff mal, denn man weiß wirklich nicht, was am Ende dabei herauskommt!) Denkweise aus drei Gründen enorm an:

  1. weil sie auf intelligente Art Dinge zusammenführt, die erstmal nicht zusammen passen wollen,
  2. weil sie sich weigert, Unsinniges als sinnlos zu betrachten,
  3. und, vor allem, weil sie neugierig, neugierig und nochmals neugierig daherkommt!
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„Musik wäre dann die eigentliche Dimensionskunst.“

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