Musik ohne Politik, ohne Leben und ohne Gesellschaft

Claus-Steffen Mahnkopf (*1962)Eigentlich sollte dies ein längerer Essay über das Musikverständnis des Komponisten Claus-Steffen Mahnkopf werden, wozu ich seine Texte „Was heißt Avantgarde? Dinge machen, die eigentlich unmöglich sind“ und „Über das Hören“ einem close reading unterziehen wollte. Nun ist mir schon nach vierdreiviertel Seiten erstmal die Lust vergangen. Das Ergebnis meiner bisherigen Bemühungen möchte ich der Leserin der „Weltsicht“ dennoch nicht vorenthalten.

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Das Kunstsystem hat, bewußt oder unbewußt, letztlich aber über die Köpfe der Akteure hinweg, exakt das, was Adorno zu Zeiten, als das Informelle sich ausbreitete, zu retten versuchte, zum Normalfall erklärt.

(C.-S. Mahnkopf, „Was heißt Avantgarde? Dinge machen, die eigentlich unmöglich sind“, S. 135)

Welche dubiosen Kräfte es genau waren, die hier Adornos Anstrengungen so fies torpedierten, erfahren wir leider nicht. Ist es nicht eher so, dass die „Neue Musik“, die zweifellos lediglich ein Subsubsubsystem des Kunstsystems darstellt, seit den 1960er Jahren begann, sich gegen eine ganze Reihe neuer kunstmusikalischer Strömungen (Minimal music, Improvisierte Musik, …) abzuschotten?

In dem Maße aber, wie die Musik ihre politischen Implikationen forciert, muß sie sich der Sprengung ihrer eigenen Konstitutionsbedingungen opfern. Das Werk wird im Endeffekt zerstört und mit ihm alle professionellen Bedingungen, zu denen Technik und Ausbildung gehören.

(C.-S. Mahnkopf, a. a. O., S. 138)

Professionelle Musik konstituiert sich also durch „Technik und Ausbildung“. Nun, auch Stefanie Anke Hertel arbeitet unter professionellen Bedingungen, will sagen: was diese Technik und diese Ausbildung inhaltlich formt bzw. geformt hat, darüber hören wir hier nichts. Politische Faktoren können es logischerweise nicht sein, denn Musik und Politik scheinen, so Mahnkopf, in einem diametralen Verhältnis zu stehen: Je politischer Musik wird, desto unmusikalischer das Ergebnis. Politische bzw. politisierte Musik hat bei Mahnkopf demnach konsequenterweise deutlich suizidale Züge. Oder wie soll man sich sonst eine Kunstform vorstellen, die sich der „Sprengung ihrer eigenen Konstitutionsbedingungen“ opfert?

Die von den Begrenzungen des Kunstsystems befreite Musik gibt dann alles auf, was der Materialfortschritt bis dahin errungen hatte. Sie hat das Leben und die Gesellschaft – der Idee nach – erreicht, aber alles verloren, womit die Avantgarde seit Beethoven anhob.

(C.-S. Mahnkopf, a. a. O., S. 138)

Hier wird der Begriff „Kunstsystem“ nun plötzlich ganz anders verwendet. Oben bezeichnete er eine anonyme Kraft dubiosen Ursprungs (denn die „Akteure“, die Künstler selber also, bestimmen, so Mahnkopf, offenbar nicht, was wichtig ist im Kunstsystem), hier ein Metier bzw. Handwerk, dessen Entgrenzung unkalkulierbare Risiken berge. Es gibt also, laut Mahnkopf, nicht nur einen Gegensatz von Musik und Politik, sondern auch von Musik und Leben, sowie von Musik und Gesellschaft. Ich schließe hieraus, dass Musik, die Mahnkopf akzeptieren kann, umso respektabler wird, je weniger sie sich auf Politik, Leben und Gesellschaft einlässt.

Klänge aber sind, sofern sie kunstfähig sein sollen, gleich ob für Komponisten oder Klangkünstler, nicht in der Welt, sondern müssen erst hergestellt werden, wozu es einer Professionaliät bedarf, die die Arbeitsteiligkeit der modernen Produktion und damit die Spaltung von Kunst und Leben voraussetzt.

(C.-S. Mahnkopf, a. a. O., S. 139)

Ein musikalisches Readymade ist also per definitionem unmöglich, weil es ja nicht hergestellt, sondern einfach „gefunden“ worden wäre. Der Materialbegriff der Bildenden Kunst konnte sich seit den 1960ern nur deshalb erweitern („in die Welt hinausgehen“), weil die Welt ja ohnehin aus Materie besteht (Asche zu Asche, Staub zu Staub). Musik hingegen ist immateriell – also wäre es logischerweise schlicht unangemessen, sie einer, pardon, Besudelung durch Materialerweiterung, wie sie, in der mundanen Bildenden Kunst, etwa „Performance, Installation und Konzeptkunst“ darstellen, auszusetzen.

Wird aber Aleatorik zu Ende gedacht, schlägt die Musik in totales Chaos – Fluxus – oder in totales Schweigen – Cages 4’33“ – um.

(C.-S. Mahnkopf, a. a. O., S. 139)

Ästhetische Ideen (und jetzt gebe ich zur Abwechslung mal meine Meinung wieder) wie z. B. die einer „aleatorischen Musik“ sind nicht zum „Zu-Ende-Denken“ da, was sie ja gerade von wissenschaftlichen Thesen unterscheidet. Es ist nicht einmal sinnvoll, sie allzu wort-wörtlich umzusetzen, denn technische Verfahren sind sie auch nicht. Abgesehen davon bedeutete zu Ende gedachte Aleatorik in der musikalischen Komposition einfach nur das weitgehende Überflüssigwerden des Klangejakulators Komponist, denn die konkrete Klangerzeugung wird hier ja (mehr oder minder gesteuerten) Zufallsprozessen überlassen. Aber gut, auch diese Vorstellung dürfte Mahnkopf missfallen, nehme ich jetzt mal an.

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Widerwillige Fortsetzung

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