Kreidler im Kreuzfeuer

Dass Künstler anderen Künstlern gegenüber sehr ungnädig sein können, wusste ich ja schon. Aber was Johannes Kreidler nach seiner Aktion gegen die Fusionierung zweier öffentlich-rechtlicher Orchester bei den Donaueschinger Musiktagen von seinen Komponistenkollegen entgegen schlug, ist bemerkenswert. Die Debatte fand in englischer Sprache auf Facebook statt und wurde mittlerweile auch außerhalb von Zuckerbergs Welt dokumentiert. Ein paar kommentierte Ausschnitte in der Reihenfolge Ihrer ursprünglichen Veröffentlichung:

Kreidler is now notorious enough (in the interplanetary air of EuroNewMusic) to have engendered an immunizing discourse around himself.

Seth Brodsky

…soll wohl sagen, wer nur lange genug dreist genug auftritt, kann irgendwann machen, was er will. Schön wär’s! Genauso gut kann man sich damit ins institutionelle, intellektuelle und soziale Aus manövrieren.

In an important sense I think the intentions of the person making the protest are irrelevant, if it has its effect.

John Fallas

Richtig! Was Johannes Kreidlers „wahre“ Motive für diese Aktion gewesen sein mögen (wollte er sich „nur“ in Szene setzen? Wie unmoralisch, wie obszön, wie abstoßend! Immer diese Künstler, igitt!), ist völlig wurscht. Sie (also die Aktion jetzt) hat aber, kurzzeitig, eine gewisse Aufmerksamkeit auf ein ansonsten massenmedial eher unterbelichtetes kulturelles Segment (die zeitgenössische E-Musik nämlich) gelenkt – und zwar mit genuin künstlerischen Mitteln, nämlich denen der Aktionskunst. Ästhetisch wie intellektuell scheint mir ein solcher Protest doch weitaus angemessener und vor allem reflektierter zu sein als etwa das Aufstellen von Friedhofskreuzen, die wegfallende Orchesterplanstellen symbolisieren sollen.

I told it already to Arne: if such a small individual action can be seen as self-promotion, then the whole NM [New Music, S.H.] scene is just miserable. Miserable!

Rena Gely Widmer

Ich stimme zu.

You’ve got to examine how the conditions of music making relate to those of living in post-fordist capitalist times in general, even before you start explaining why some fringe musical interest could be of importance, if you’re going to do the politics right.

Samuel Friezen

Wir alle haben sowie keine andere Wahl, als in postfordistischen Zeiten zu leben (außer wir haben eine Zeitmaschine), man muss also nur auf die Straße gehen und die Augen aufmachen, um zu sehen, was los ist. Im Hintergrund geht es hier natürlich um die nicht ganz unberechtigte Frage, warum ein bankrotter Staat ausgerechnet „Neue Musik“ subventionieren sollte, wenn den subventionierten KomponistInnen doch die ästhetischen und auch sonstigen Interessen des un-subventionierten Teils der Bevölkerung scheinbar komplett am A… vorbei zugehen scheinen.

The smashing itself seems to me to be the weaker part of the action, BTW – the two instruments tied together are saying enough. Also it doesn’t look good, compared to, say, a really controlled performance of Nam June Paik’s Solo for Violin.

Samuel Friezen

Das hieße letztlich: Wenn man heute Aktionskunst macht, muss sie sich an den Spitzenwerken dieses Genres messen lassen und diese evtl. sogar überbieten, sonst ist sie epigonal und damit künstlerisch wertlos. In meiner Zeit als Barpianist hat mir mal ein empörter Gast gesagt: „So, wie sie ‚Body and Soul‘ spielen, ist das eine Beleidigung für Billie Holiday!“ Woher wusste er das?

Throughout this thread he [Kreidler, S.H.] has, despite ample opportunity and lively debate on substantive issues, repeatedly failed to provide broader analysis or contextualization. His unwavering focus on applause, YouTube views, press, and personal achievement speaks for itself.

Mark Barden

Aber die Aktion war doch die Analyse, sie war die Kontextualisierung, und zwar im Modus des „Zeigens“ und eben nicht des „Sagens“ (im Sinne Wittgensteins)! Dass sich Kreidlers Werkkommentar auf die Wiedergabe von Fakten zu seiner Aktion beschränkt, erscheint mir da nur konsequent. Die implizite Logik von Bardens Argument lautet: „Wenn ein Künstler sein eigenes Werk nicht analysieren und kontextualisieren kann, hat sein Werk keine Berechtigung.“ Das hieße aber, dass sich Kunst auf durch den Künstler selber klar rationalisierbare Einsichten reduzieren können lassen muss. Eine derartige „Kunst“ aber würde ihren Kunstcharakter einbüßen und wäre von einem wissenschaftlichen Fachtext nicht mehr zu unterscheiden. Sie hätte sich erfolgreich selbst überflüssig gemacht.

Maybe the main problem with Johannes’ action was simply that it is not radical enough.

Federico Reuben

Radikalität ist, in „schlechter Unendlichkeit“ (Hegel), tatsächlich immer beliebig steigerbar. Dadurch ist aber nichts gewonnen. Wahrscheinlich hat der NSU nach jedem seiner politischen Morde auch stundenlang darüber diskutiert, wie er denn jetzt noch radikaler werden könnte.

But if we have no way of giving an answer as to in what ways certain protests are effective, then we should surely be rather more guarded before pro-claiming their importance?

Ian Pace

Ich übersetze frei: „Wir sollten immer erst dann aktiv werden, wenn wir vorher genau wissen, was dabei letzten Endes herauskommen wird. Da wir das aber nie wissen können, werden wir dann vielleicht lieber doch nicht aktiv. Letztlich reicht es uns eigentlich, so intellektuell anspruchsvoll wie möglich begründen zu können, warum wir nicht aktiv werden.“

Kreidler im Kreuzfeuer

2 Gedanken zu “Kreidler im Kreuzfeuer

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