Improvisierte Musik als Modell der „nächsten Gesellschaft“

Vieles, was der Soziologe Dirk Baecker in seinen 16 Thesen zur nächsten Gesellschaft beschreibt, trifft, nach meiner persönlichen Erfahrung, für ein Setting „non-idiomatisch“ improvisierender MusikerInnen im Sinne Derek Baileys, wenn man es mal nicht „nur“ als Musik, sondern als Interaktion lebender Systeme betrachtet, bereits zu. Es erscheint mir also sinnvoll und aufschlussreich, „Improvisierte Musik als lebendes System“ (künftig: IMalS) einmal versuchsweise als Modell einer „nächsten Gesellschaft“ zu verstehen:

Anfang Um das System zu starten, bedarf es einer dreiteiligen Handlungsanweisung an alle AkteurInnen:  (1) „Spiele etwas.“ – (2) „Höre auf das, was du spielst.“ – (3) „Höre auf das, was die anderen spielen.“ Es spielt keine Rolle, in welcher Reihenfolge die AkteurInnen diese Anweisungen befolgen. Das permanente gleichzeitige Befolgen aller drei Anweisungen ist möglich, aber nicht notwendig. Nebenbemerkung: Wenn alle Akteure immer nur Anweisung (3) befolgen, erhalten wir natürlich eine, hm, Sonderform der IMalS.

Kommunikation Die Informationsübertragung zwischen den AkteurInnen erfolgt ausschließlich mit musikalischen Mitteln, d. h. sie ist aural, aber nonverbal. Die Frage, inwiefern Musik überhaupt Information sein kann, wird hier nicht behandelt – stattdessen wird vorausgesetzt, dass dies so sein könnte. Hier liegt, naturgemäß, der Schwachpunkt der ganzen Idee.

Entwicklung Indem sie auf der operativen Ebene ständig Widersprüche produziert, kommt die IMalS ganz gut voran, ohne sich im traditionellen Sinn zu entwickeln. Die IMalS kennt kein länger andauerndes Gleichgewicht, stattdessen taumelt (oder präzessiert) sie ständig. Wird, aus welchen Gründen auch immer, eine bestimmte Tendenz übermächtig, ermöglicht dies sofort Absetzbewegungen und/oder Gegentendenzen. Ein neues, kurzlebiges Gleichgewicht entsteht. Es ist für einzelne AkteurInnen nicht möglich, das System auf operativer Ebene zum Halten zu bringen, etwa durch überbordende, alles dominierende Virtuosität, längeres Pausieren oder Einbringen bisher unbekannter Klänge, Spieltechniken oder Instrumente (bzw. „Nicht-Instrumente“ als Instrumente). Die IMalS absorbiert all diese „Obstruktionen“ gleichmütig und benutzt sie, um ihre Komplexität zu steigern.

Macht Die IMalS kommt ohne Partitur und ohne Dirigent aus. Ihre Machtstruktur, also die Beantwortung der Frage, „Was wird hier eigentlich gespielt?“, ist netzwerkförmig: Jede/r AkteurIn stellt ein idiosynkratisch strukturiertes Gravitationszentrum dar, dessen Output aber aural an alle anderen Zentren rückgekoppelt ist. Dennoch zögere ich, von einer Gleichberechtigung aller Akteure zu sprechen – ganz einfach, weil die Akteure aufgrund ihres heterogenen Erfahrungshintergrunds, ihrer diversen Instrumente und ihres unterschiedlichen instrumentaltechnischen Könnens vollkommen ungleichartig sind.

Ausdifferenzierung Eine funktionale Ausdifferenzierung wird pausenlos statthaben – aber sie ist Mittel, nicht Zweck. „Soli“ (z. B. Gitarrensoli) sind weder verboten noch erwünscht – sie finden statt oder eben nicht. Wenn ein Gitarrist sich „unterordnen“ und instrumental im Hintergrund halten will, ist dies ebenso weder verboten noch erwünscht.

Das improvisierende Subjekt Der musikalische Output des improvisierenden Subjekts ist von spontanen Emotionen, plötzlichen Einfällen und kurzlebigen Strategien motiviert. Der nächste Moment der IMalS ist immer unbestimmt, was die AkteurInnen in ständiger Wachheit vereint. Dieser permanente Zukunftsdruck kann die AkteurInnen ebenso beflügeln wie lähmen. Aktionismus, Ratlosigkeit und Überforderung charakterisieren demnach die Grundbefindlichkeit der AkteurInnen der IMalS. Spielernaturen und Menschen mit Humor sind dadurch scheinbar im Vorteil. Aber auch der isolationistische Grübler kann reüssieren, wenn er seine profunden Einsichten, so vorhanden, mit dem richtigen Timing vorträgt und so einen anschlussfähigen Kontrapunkt zum Mainstream-Geschehen setzen kann.

Ethik Die Moral der AkteurInnen ist pragmatisch und von situativer Unschärfe nicht frei, aber nicht relativistisch.

Technologie Die durch die Akteure verwendete Technologie bereichert das operative Geschehen, ohne jedoch eine eigene, operativ geschlossene Ebene zu etablieren. Tendenziell sind avancierte Technologien (Algorithmen) jedoch immerhin in der Lage, Autonomie zu simulieren. Diese Simulation kann wiederum legitimer Ausgangspunkt für neuartige Handlungen von Akteuren sein. Erst jedoch, wenn technoide Akteure (Roboter) den Turing-Test bestehen, d. h., wenn ihr musikalischer Output von dem menschlicher Akteure nicht mehr zu unterscheiden ist, können sie zu vollwertigen Akteuren werden. Ein derartiger technoider Akteur ist mir derzeit (2013) unbekannt.

Ende Hat kein Akteur mehr eine Idee, die von den anderen als anschlussfähig empfunden wird, kommt das System zum Stillstand: Es stirbt und verschwindet in vollkommen untragischer Art und Weise.

3 Kommentare zu „Improvisierte Musik als Modell der „nächsten Gesellschaft“

  1. Systemtheoriekonform würde man eher von „Improvisierter Musik als Interaktionssystem“ sprechen. Wenn von lebenden Systemen die Rede ist, sind eigentlich die biologischen Organismen gemeint.

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