«Bernhard» für Orchester [ePlayer-Realisierung] (2006)


Text „Ahnenkult“ (Thomas Bernhard 1977)
Kompositionssoftware ASCIIMID (Randy Stack 1992)
Soundfont Vienna Symphonic Library Orchestral Strings Special Edition
Sample Player Vienna Ensemble
Faltungshall Large Factory Amsterdam (F. van Saane)

Kompositionsnotiz

Der Text „Ahnenkult. Ein Gedicht für Höherstehende oder wie man sich einer hohen Aufgabe auf die kürzeste Zeit (zehn Minuten) entledigt, vollkommen gereimt und noch einmal durchgesehen von Thomas Bernhard“ aus dem Jahr 1977 beeindruckte mich sowohl durch seinen grimmigen Humor als auch durch seine minimalistische Faktur. Hier kommt er:

Es steigt der Steiger
bis er nicht mehr steigt
es schweigt der Schweiger
bis er nicht mehr schweigt

es lacht der Lacher
bis er nicht mehr lacht
es macht der Macher
bis er nicht mehr macht

es kocht der Kocher
bis er nicht mehr kocht
es locht der Locher
bis er nicht mehr locht

es tötet der Töter
bis er nicht mehr tötet
es flötet er Flöter
bis er nicht mehr flötet

es taucht der Taucher
bis er nicht mehr taucht
es raucht der Raucher
bis er nicht mehr raucht

es singt der Singer
bis er nicht mehr singt
es springt der Springer
bis er nicht mehr springt

es hurt die Hure
bis sie nicht mehr hurt
es murt die Mure
bis sie nicht mehr murt

es mahnt der Mahner
bis er nicht mehr mahnt
es wahnt der Wahner
bis er nicht mehr wahnt

es nörgelt der Nörgler
bis er nicht mehr nörgelt
es wörgelt der Wörgler
bis er nicht mehr wörgelt

es raubt der Rauber
bis er nicht mehr raubt
es glaubt der Glauber
bis er nichts mehr glaubt

es heizt der Heizer
bis er nicht mehr heizt
es reizt der Reizer
bis er nicht mehr reizt

es genießt der Genießer
bis er nichts mehr genießt
es beschließt der Beschließer
bis er nichts mehr beschließt

es verkehrt der Verkehrer
bis er nicht mehr verkehrt
es verehrt der Verehrer
bis er nicht mehr verehrt

es germanistelt der Germanist
bis er nicht mehr germanistelt
es slawistelt der Slawist
bis er nicht mehr slawistelt

es verlegt der Verleger
bis er nicht mehr verlegt
es erregt der Erreger
bis er nicht mehr erregt

es regiert der Regierer
bis er nicht mehr regiert
es verliert der Verlierer
bis er nicht mehr verliert

es erhebt der Erhebende
bis er nicht mehr erhebt
es lebt der Lebende
bis er nicht mehr lebt

es richtet der Richter
bis er nicht mehr richtet
es dichtet der Dichter
bis er nicht mehr dichtet.

Randy Stacks Software ASCIIMID aus dem Jahr 1992(!) ermöglichte mir, Bernhards Text Buchstabe für Buchstabe in Tonhöhen zu übersetzen, also im Wortsinne zu „vertonen“. Umlaute und das scharfe S wurden vorher durch kompatible Zeichen ersetzt (ä = ae, ß = ss etc.). Stack beschreibt die Funktionsweise seines Programms wie folgt: „Any characters between ASCII codes 32 and 128 are mapped to MIDI note numbers between 0 and 96. Any code falling outside of this range is interpreted as a rest. Each note or rest occupies a 16th note.“

Erwartungsgemäß entstand eine recht repetitive Tonkette, die ich phasenverschoben den Bratschen und Celli zur Ausführung übertrug. Die Violinen melden sich immer, wenn die Phrase „bis er/sie nicht(s) mehr“ im Text vorkommt. Die Kontrabässe rühren sich nur, wenn ein Großbuchstabe in Bernhards Text erscheint (2x pro Strophe). Eine weitere Violinstimme fungiert als Metronom.

Die übrigen Parameter (Dynamik, Kontrapunkt) wurden intuitiv (also in „herkömmlicher“ Weise) „erwirtschaftet“.

*

Die Idee, diese Komposition gerade heute gerade hier zu posten, ist inspiriert durch die Harvard-Vorträge von Harry Lehmann und Johannes Kreidler aus dem April diesen Jahres. Gerne würde ich mit beiden hier unseren Gedankenaustausch zum Thema „Musik-Konzepte“ fortsetzen, wie er anlässlich meines Artikels Kreidlers Konzept, kommentiert vom 17. März begann.

Hier meine These: Meine Komposition „Bernhard“ aus dem Jahr 2006  ist „ästhetischer Konzeptualismus“ im Sinne Kreidlers und ein „gehaltsästhetisches Musikkonzept“ im Sinne Lehmanns.

Am Thema Interessierte sind herzlich eingeladen, sich an der Diskussion zu beteiligen!

P.S.: Im Gegensatz zu Bernhard benötigte ich für die Komposition des Orchesterstücks deutlich länger als 10 Minuten 😉

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«Bernhard» für Orchester [ePlayer-Realisierung] (2006)

6 Gedanken zu “«Bernhard» für Orchester [ePlayer-Realisierung] (2006)

  1. Kreidler schreibt:

    ich hab diese dreier-unterscheidung aus meinem text wieder rausgenommen, aber wenn dann würde ich dein stück nicht unterm „ästhetischen konzeptualismus“ rubrizieren, weil m.E. bei deinem stück das konzept gewusst werden muss, und das teilt sich ja nicht ästhetisch mit.
    wusste gar nicht, dass die Idee ascii2midi schon so alt ist!

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  2. Kreidler schreibt:

    herrje, ich find’s geradezu ein ärgernis, dass der barlow nicht mal eine anständige website macht, auf der man seine arbeiten kennenlernen kann.

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  3. Wenn Du das Stück zusammen mit der Beschreibung veröffentlichst, wie es hergestellt wurde, dann ist es Konzeptmusik. Ein Gehalt wird dabei aber nicht geschaffen, selbst wenn Du das Bernhard Gedicht daneben mit abdruckst. Am ehesten könnte man hier von materialästhetischer Konzeptmusik sprechen, da Du mit Hilfe des Textes Dein musikalisches Material kreierst – aber ich will mich da noch nicht festlegen. Man könnte auch argumentieren, dass das Stück einen anästhetischen Charakter hat: es kommt wie bei der Konzeptmusik allgemein nicht so sehr darauf an, wie es klingt. Allerdings steuerst Du ja von Hand aus einige Parameter nach und die Auswahl des ePlayers definiert ja auch eine bestimmte Ästhetik. Also ich tendiere zur materialästhetischen Konzeptmusik; ein Beispiel für Gehaltsästhetik ist es sich nicht.

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  4. @Harry Lehmann: Danke für die Einordnung. Schon faszinierend, wie die von dir entwickelte Terminologie hier zum Einsatz gebracht werden kann, um ästhetische Differenzen in Neuer Musik logisch konsistent zu beschreiben – und eben nicht feuilletonistisch, (post-)adornitisch oder schlapp subjektivistisch (im Sinne von „Gefällt mir / Gefällt mir nicht“). Vor deiner Musikphilosophie wäre folgender Dialog einfach unsinnig gewesen:

    Sprecher 1: Also ich denke, diese Komposition ist ein gehaltsästhetisches Musikkonzept, weil … [Begründung in Lehmann’schen Termini folgt]
    Sprecher 2: Nein, es handelt sich um materialästhetische Konzeptmusik, weil … [Begründung in Lehmann’schen Termini folgt]

    Du hast ein neues Sprachspiel etabliert – Gratulation, Test bestanden, es funktioniert!

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