Exkludiert euch!

Der us-amerikanische Komponist Isaac Schankler machte vor einigen Wochen in seinem Artikel Mutually Exclusive für das Blog NewMusicBox folgende Beobachtung:

[…] practically everyone in new music feels excluded by somebody else. […] nearly everyone feels like the victim of some kind of persecution, … while being completely oblivious to the persecutions they themselves are perpetrating.

Spontan leuchtete mir dies als psychologisch korrekte Beobachtung ein.

In letzter Zeit plagt mich oft ein schlechtes Gewissen ob meines, hm, recht gnadenlosen close readings zweier Texte des Komponisten Claus-Steffen Mahnkopf aus dem vergangenen Jahr. Welche Gefühle hatte ich eigentlich beim Verfassen dieser Philippika? War es wirklich nur ein ein nüchterner Drang zur Aufklärung von Sachverhalten, der mich trieb?

Nein.

Ich hab ja so was auch nicht zum ersten Mal gemacht, bin also ein echter Wiederholungstäter (Gruß an Asmus Tietchens an dieser Stelle!).

Aber ist es wirklich verwerflich, wenn Komponisten übereinander herziehen, wenn sie sich gegenseitig exkludieren, sich gegenseitig die ästhetische Kompetenz absprechen, der ästhetischen Verwirrtheit bzw. Abseitigkeit überführen, der Anachronistik bzw. blinder Technologiegläubigkeit bezichtigen?

Nein.

Emotionale Auseinandersetzungen zwischen Künstlern (von Prügeleien mal abgesehen) fördern nach meiner Erfahrung oft Überraschendes, Übersehenes zutage, und das sowohl beim vermeintlichen Gegner als auch bei einem selbst. Sicher, eine gewisse Scham bleibt (zumindest bei mir) nie aus, wenn man mal wieder komplett „daneben“ war in seiner Beurteilung des anderen (jetzt nicht im Sinne von „sachlich falsch“, aber von „über das Ziel hinausgeschossen sein“). Aber, ist das Gewitter vorbei,  hat sich die Luft geklärt – und irgend etwas sieht dann immer komplett anders aus.

In diesem Sinne: Exkludiert euch!

3 Kommentare zu „Exkludiert euch!

  1. Meiner (zugegebenermassen notorischen) Auffassung nach ist der hier geschilderte Fall dem Ehrgeiz des (in uns wohnenden) Kindes zu verdanken, gehört, gewürdigt und (natürlich) bevorzugt zu werden.

    Wo immer sich Wesen in einem Kunst-Feld tummeln, wird es das Beäugen und das Werten geben. Ich erinnere mich etwa, daß Picasso nur Matisse gelten lies – mit ihm suchte er auch des öfteren ein Gespräch.und deshalb gibt es ja auch eine Aufzeichnung dieser Kunstgespräche.

    Daß (deftige) Auseinandersetzungen zwischen Künstlern eine notwendige Voraussetzung für weiterführende Kunst-Erkenntnisse sind und sie genau deshalb überhaupt in Gang geraten sind, quasi vermittels einer evolutionären Kraft, wage ich zu bezweifeln.

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    1. Daß (deftige) Auseinandersetzungen zwischen Künstlern eine notwendige Voraussetzung für weiterführende Kunst-Erkenntnisse sind und sie genau deshalb überhaupt in Gang geraten sind, quasi vermittels einer evolutionären Kraft, wage ich zu bezweifeln.

      Na, das wollte ich ja auch nicht sagen. Eigentlich geht’s mir ja um eine andere „Streitkultur“ (und das natürlich nicht nur in der, gähn, Neuen Musik) – aber der Begriff ist nun mal total auf den, äh, Hund gekommen. Schanklers eingangs zitierte Beobachtung finde ich deshalb so gut, weil sie einen komplexen Sachverhalt in, sagen wir mal, relativ einfachen Worten beschreibt: Jeder ist, darauf angesprochen, zwar sofort bereit, sich (mehr oder minder) zu viktimisieren – aber kaum jemand möchte sich auch mal als Täter sehen. Deswegen wollte ich das hier mal ganz ausdrücklich tun 🙂

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  2. wie kann K. etwas verabschieden, das jemand anderes (M.) in einer völlig anderen umgebung (nische) entwickelt (hat)?

    Weil wir alle in einer Welt leben, die demzufolge auch nur eine Metaphysik hat. Bevor du dich jetzt angeekelt abwendest, lass mich diesen Satz bitte erläutern. Es gibt existentielle menschliche Gegebenheiten wie Geburt, Sexualität, Krankheit und Tod, zu denen man sich verhalten muss. Auch radikalste Konstruktivismen helfen einem da aber nicht weiter (eine Dekonstruktion der Sterblichkeit des Menschen etwa erschiene mir nun doch ein wenig frivol, ebenso wie die szientifische Legitimation von Folter als heuristischem Instrument). Kunstmusik, die mir etwas bedeuten soll, muss sich also ebenfalls zu diesen „Letzten Dingen“ verhalten. In diesem Moment wird sie aber zwangsläufig „vergleichbar“. Also zeugt mein Vergleich von Mahnkopf und Kreidler eben gerade nicht von zwanghafter Linearisierung des wesenhaft Pluralen, sondern von Respekt für wirklich divergente Kunstäußerungen, zu denen ich dann eben eine Meinung habe.

    ich höre musik zuerst danach, ob sie mir gefällt und für mich funktioniert und dann beschäfftige ich mich mit den angehängten ideen/ideologien/metaphysiken etc., für mich funktioniert es nicht umgekehrt

    Geht mir genauso. Unfertige Musik wird dadurch nicht besser, dass ihr eine intellektuell anregende Theorie aufgepfropft wird. Aber kann diese Theorie nicht andere zu wirklich brillanter Musik anregen? Umgekehrt gilt: Brillante Musik verliert dadurch nicht an Wert, dass ihr Schöpfer theoretisch nur wenig Konsistentes zuwege bringt. Aber das schützt dann doch dessen Theorie nicht davor, kritisiert zu werden!

    jedes werk hat/erzeugt eine adäquate weise der perzeption ohne hier etwas rigide feststellen zu wollen

    Genau diese Haltung halte ich für latent kunstfeindlich. Warum? Nun, wenn jedes Kunstwerk seine adäquate Perzeption gleich mitliefert, wären wir bei Jonathan Meeses „Diktatur der Kunst“: Die Kunst hätte ihr Gegenüber, z. B. den „Bürger“, verloren. Die Kunst braucht Nicht-Kunst, um sich als Kunst überhaupt definieren zu können (war das jetzt luhmannesk genug?). Will sagen, wir brauchen kunst-unabhängige universelle ästhetische Kategorien, um Kunst überhaupt als solche erfahren zu können. Und genau hier versagt die Kunst derzeit komplett, indem sie sich, wie du, wenn auch mit anderer Stoßrichtung, ganz richtig sagst, darauf beschränkt, „adäquate Weisen ihrer eigenen Perzeption“ zu erzeugen.

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