Wer auf dem Pausenhof verprügelt wurde, macht später Neue Musik

Der Schweizer Komponist Felix Profos (*1969) hat für die aktuelle Ausgabe der „Schweizer Musikzeitschrift für Forschung und Kreation“ Dissonance eine wahre Schmähschrift gegen die Mainstream-Ästhetik „Neuer Musik“ verfasst, deren durchaus unterhaltsame Höhepunkte einfach in dieses Blog gehören. Er nimmt dabei, man höre und staune, die Rolle des (geneigten, aber nicht professionellen) Hörers Neuer Musik ein und kommt zu recht ernüchternden Erkenntnissen, was die „Mitteilungsfähigkeit“ (Harry Lehmann würde es „Gehalt“ nennen) dieser Kunstform betrifft.

Gleich der erste Satz ist ein Hammer:

Die Neue Musik macht den Hörer kraft ihrer Struktur zu genau dem vereinsamten, verletzlichen Individuum, aus dessen Perspektive sie selbst aufgrund ihres Wortschatzes sprechen muss.

(F. Profos, “Einsam”, S. 4)

Kann man es schöner sagen?

Das Vermeiden von Puls und Periodik, das Vermeiden von wiedererkennbaren Gestalten und das dadurch gegebene Vorherrschen der Klangfarbe … machen es der Hörerin unmöglich, Erwartungen an die Zukunft (vor allem an die allernächste …) zu formulieren.

(F. Profos, “Einsam”, S. 5 – 6)

(Fast) meine Rede.

Das Menschen-, bzw. Hörerbild des Neue-Musik-Komponisten beruht dabei auf einer durchaus fragwürdigen Grundannahme:

Das Fehlurteil lautet: Musik, bei der man wissen kann, was kommt, ist für dumme Menschen, weil nur dumme Menschen etwas immer wieder gesagt bekommen müssen, und Musik, bei der man das nicht wissen kann, ist für aufmerksame, weil sie die Dinge bereits beim ersten Mal „verstehen“. Das ist deswegen falsch, weil Musikhören und Etwas-gesagt-kriegen nichts miteinander zu tun haben, und weil auch die grösste Aufmerksamkeit nicht dabei hilft, unvorhersehbare Ereignisse wahrhaft mitzuvollziehen im Moment ihres Erklingens. Wenn sie da sind, kann man sagen „Ah!“, aber das ist nur eine Reaktion und keine Teilnahme am Geschehen.

(F. Profos, “Einsam”, Fußnote 3, S. 7)

Sag ich doch! Und benutzerfreundlich ist sie auch nicht gerade, die Neue Musik:

Gerade eine Musik, die permanent viel mehr weiss, als die Zuhörenden jemals erfahren werden (und sie das auch spüren lässt), übt doch auf unangenehmste Art Herrschaft aus!

(F. Profos, “Einsam”, Fußnote 4, S. 7)

Ja.

Neue Musik ist asoziale Musik.

(F. Profos, “Einsam”, S. 7)

Boah!

Das ist das Vokabular, das wir von Arnold Schönbergs „Erwartung“ … geerbt haben. Das sei lange her, wird man sagen, und in der Tat sind es hundert Jahre. Aber wieviel Musik ist, was ihre Mentalität angeht, noch genau an demselben Punkt, und in ihrem Wortschatz nicht viel weiter! Und als besonders skandalös empfinde ich den Umstand, dass dieser Wortschatz heute auch dann unhinterfragt verwendet wird, wenn der Komponist oder die Komponistin inhaltlich überhaupt nichts dergleichen im Sinn hat … – es ist schlicht das Vokabular, das man ihnen mit auf den Weg gegeben hat.

(F. Profos, “Einsam”, S. 7)

Lehmann, übernehmen Sie!

Und dieser Satz dürfte Herrn Dr. Schütze wie Butter runtergehen:

Die Interpreten können ganz in der Musik aufgehen und mitschöpferisch sein, weil sie die Komposition gelernt haben, weil sie sich den notwendigen Wissensvorsprung erarbeitet haben, weil sie antizipieren können. Den Umstand, dass die Zuhörer davon völlig ausgeschlossen sind, empfinde ich als absolut tragisch.

(F. Profos, “Einsam”, Fußnote 8, S. 8)

Doch das Beste kommt am Schluss:

Alles, was „gewinnt“ … hat in der Neuen Musik keinen Platz. Denn wer verletzliches Individuum sein will, muss – zumindest physisch – verlieren. Gewinnen kann man dann nur noch auf einer anderen Ebene, so wie ein Kind, das ständig verprügelt wird, sich selber immerhin einreden kann, es sei gescheiter und habe mehr Phantasie als seine Peiniger. […] Das ist sein Trost, und das ist der Trost der Neuen Musik. Es ist die Musik der auf dem Pausenplatz Verprügelten.

Während ich diesen Artikel verfasse, höre ich erstmalig Musik von Profos und muss leider sagen, dass er in seinen Kompositionen nicht wirklich die Konsequenzen aus obiger Polemik zieht – aber gut, der Text ist neu, die Homepage präsentiert nur Werke, die bis 2010 entstanden.

Profos‘ Stücke kommen mir (auf den ersten Eindruck) wie psychotische Hotelbarmusik vor, was vor allem an den verwendeten Instrumenten liegen mag: Blues Harp, Mundharmonika, Klarinette, Hammond-Orgel, Klavier, Jazz-Schlagzeug… Manchmal kommen sie, hm, „rebellisch“ (aber gegen wen?) daher in ihrer gewollten Penetranz („Bock 1: Horn“), manchmal tragikomisch bis depressiv („Forcemajeure: Dunkles Hotel“ zitiert Blues-Elemente), manchmal auch wie leicht verstörter Postminimalismus („Forcemajeure: Medizin“) oder eine, äh, „kritische“ (gähn) Vivisektion konventionell „schöner“ Harmonik („Forcemajeure: Dorf“). Aber, zugestanden: Wie der Mainstream „Neuer Musik“ klingt das nicht!

Allerdings erinnern es mitunter auffällig an das, was die Schweizer Marino Pliakas und Michael Wertmüller 2008 spielten, als ich mal mit denen auf einer Bühne stand (wenn auch nicht zur gleichen Zeit): Death Metal für Eierköpfe.

Profos‘ Kollege Patrick Frank machte mich auf dessen Text aufmerksam, an dieser Stelle nochmals vielen Dank dafür!

Wer auf dem Pausenhof verprügelt wurde, macht später Neue Musik

3 Gedanken zu “Wer auf dem Pausenhof verprügelt wurde, macht später Neue Musik

  1. Kreidler schreibt:

    So weit so gut, der Text steht mittlerweile nicht ganz alleine da in seiner Art (vgl. zB Rebhahn oder Peter Kraut http://www.kulturtechno.de/?p=9391). Und er hat genau denselben Fehler wie die anderen: Es werden (fast) keine Namen genannt. „Die Neue Musik“ pauschal verurteilten, da fühlt sich kein Mensch angesprochen (außer denen, die natürlich glauben, zu den „Guten“ zu gehören). Ich glaube, so eine Kritik bringt nur was, wenn ganz explizit bspw. mit einem Festivaljahrgang oder mit einem schulbildenden Komponisten ins Gericht gegangen wird.

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  2. Kreidler schreibt:

    (also in einer Fussnote wird ein Werk von Mundry auseinandergenommen, immerhin, aber ich würde mir davon viel mehr wünschen, und eigentlich ist noch besser die wirklich mit Geld betrauten anzugehen, also die Festivalmacher)

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  3. Na ja, mit meinem „Anti-Mahnkopf“-Essay bin ich doch schon ziemlich weit gegangen, oder? Vielleicht sogar zu weit. Obwohl das ja keine Musik-, sondern eine Textkritik war. Profos nennt außerdem explizit Werke von Mundry und Furrer. Aber im Grunde hast du recht: Es bedarf gründlicher (aber nicht zu fachidiotischer) Werkkritiken (nicht etwa wissenschaftlicher Werkanalysen, davon gibt’s genug), die so geschrieben sind, dass sie auch eine breitere Öffentlichkeit interessieren (denn so irrelevant und insulär ist „die Kunstmusik“ ja gar nicht, wie ich immer wieder erfreut feststelle). Mit meiner Besprechung deiner „Hegel“-Komposition habe ich sowas ja mal exemplarisch gemacht – so gut ich’s halt kann.

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