Exzesse des Retrospektiven

Milktape

Gefunden durch Dan Viscontis Artikel „Manufactured Innocence“ auf NewMusicBox. Vgl. auch meinen Essay „Musik und Materie„.

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5 Kommentare zu „Exzesse des Retrospektiven

  1. Für mich ist ein Cover „Orientierung“. Wenn mein Blick auf das Cover einer meiner (leider vielen) CDs fällt, habe ich in etwa eine Ahnung, was sich auf dem Silberling befindet – weil sich das Gehörte manchmal schon mit dem Cover verbunden hat. Natürlich ginge das „Verbinden“ auch mit dem Namen des Künstlers und dem Albumtitel oder sogar dem Songtitel, aber das Cover nimmt mir sozusagen diese Arbeit ab.

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  2. Natürlich ginge das “Verbinden” auch mit dem Namen des Künstlers und dem Albumtitel oder sogar dem Songtitel, aber das Cover nimmt mir sozusagen diese Arbeit ab.

    Es gibt offenbar eine Menge Menschen, die Musik erst „richtig“ wahrnehmen können, sobald sie diese, auf welche Art auch immer, visualisieren. Auf der anderen Seite ist mir aber noch niemand begegnet, der sagte: „Ich kann ein Bild von Picasso nur dann angemessen wahrnehmen, wenn ich währenddessen Musik von [bsp.weise] Strawinski höre.“ Für die meisten Menschen ist es also völlig selbstverständlich, dass ein Bild – und sei es noch so abwegig – die Musikwahrnehmung „stützen“ kann, aber das Umgekehrte gilt nicht, eher im Gegenteil: Musik scheint viele aus dieser Gruppe bei der visuellen Perzeption eher zu stören, denn sie „lenkt ja ab“ – vom Bild nämlich.

    Bei mir – aber das ist mir erst seit kurzem klar – war das immer exakt umgekehrt: Bilder habe ich immer als Störung auraler Perzeption empfunden. Entschuldigung, aber das ist wirklich so und keine wohlfeile Selbst-Stilisierung!

    Natürlich habe ich gar nichts gegen die Visualisierung von Musik, mir fehlt auch, denke ich, nicht der „Sinn“ für Bildende Kunst (siehe mein Interesse an Fotografie), aber mit meinem relativ bildlosen, oder, besser gesagt, eher bildarmen, Wahrnehmen von Musik gehöre ich wohl tatsächlich einer „sensorischen Minderheit“ an! Immerhin, seit mir klar ist, dass Meisteleute schlicht anders wahrnehmen als ich – worauf ich mir, ich kann es nicht oft genug wiederholen, nun wirklich nichts einbilde, eher im Gegenteil – verstehe ich manches besser, z. B. warum meine eigene Musik sehr viele Menschen (auch sehr musikliebende) so gar nicht erreicht: sie scheint kaum „Bilder“ hervorzurufen und deshalb die Fraktion der „Visualisierer“ (und das scheinen, nach meinen Erfahrungen, 60 – 80% der Menschen zu sein) schrecklich zu langweilen. Ich denke, das gilt auch für die Musik meiner Vorbilder Lennie Tristano, Steve Reich oder Erik Satie. Gegenbeispiele wären etwa die von mir ebenfalls geschätzten, aber nicht wirklich verehrten Miles Davis, Michael Nyman oder Claude Debussy – das waren bzw. sind „Bildmusiker“ (was, Achtung, nichts über die Qualität ihrer Musik aussagt).

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  3. Es ist gut möglich, sogar sehr gut möglich, daß wir aneinander vorbeireden. Dennoch bringe ich eine weitere Note ins Spiel.

    Die Visualisierung einer Musik geht bei mir nicht sehr weit, denke ich erstmal. Das Cover nutze ich nur als Wegezeichen in meinem bei mir herumliegenden Angebot – was auf dem Cover zu finden ist, ist sozusagen wurscht. Aber wenn ich z.b. Musik eines geschätzten Künstlers anhöre, möchte ich gerne wissen, wer derjenige ist, der diese Musik macht. Ich halte Ausschau nach Hintergrundinformationen und auch Bildern. Es kann dann, so merke ich gerade, sich das Bild einmischen. Wirkt etwa, grob gesagt, ein Mensch agressiv oder eher angepasst/freundlich, kann ich evtl. diese Elemente in der Musik entdecken. Also verbinde ich dann.

    Ist das also so, daß Du (bildliche oder andere) Informationen über den Künstler aus dem Wege gehst, ganz bewusst?

    Zum Vergleich Maler-Musiker:
    Bei einem Picassobild ist es hilfreich, zu wissen, daß es von Picasso ist. Mitbestimmend sind auch die Räumlichkeiten, in denen das Bild hängt. Auch das Publikum, und der Ruf des Museums ect spielen in die Rezeption der Kunst durchaus mit hinein. Auch der Entstehungszeitraum, die vorherrschenden Themen dieser Zeit, das künstlerische Umfeld ect.

    Eine Aussage macht ein Bild auch ohne all diese Attribute. Ich denke, daß das möglich ist, bei entspr. Schulung. Aber eine komplettere, abgerundete Sicht liefern diese Infos.
    Ich denke da an Van Gogh, Max Beckmann, Giorgio Morandi, Edward Hopper oder Frieda Kahlo, um nahezu wahllos einige Künstler rauszugreifen.

    „Bilder habe ich immer als Störung auraler Perzeption empfunden“.
    Darin lese ich/vermute ich , daß Du Musik gerne standalone sehen möchtest, als eine Kunst, die keine Stütze braucht und die für sich genommen stark ist. Es wäre sozusagen eine Verwässerung, sie mit Attributen anzureichern. Dir ist es ernst mit der Musik.
    Wenn dem so ist, dann macht das auch einsam. Einsam insofern, weil man so relativ alleine dasteht mit seinem Ernst.
    Ernst ist relativ selten gewünscht und angestrebt.

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  4. „Es ist gut möglich, sogar sehr gut möglich, daß wir aneinander vorbeireden.“

    Lieber Gerhard, das glaube ich nicht – wir reden nur (vermutlich) mit den selben Begriffen über verschiedene Dinge (was aber sozusagen „normal“ ist, wie schon Wittgenstein erkannte).

    „Aber wenn ich z.b. Musik eines geschätzten Künstlers anhöre, möchte ich gerne wissen, wer derjenige ist, der diese Musik macht.“

    Geht mir genauso.

    „Es kann dann, so merke ich gerade, sich das Bild einmischen.“

    Richtig. Aber diese Art von „Einmischung“ meinte ich nicht, sie „stört“ mich auch nicht – im Gegenteil. Wenn ich Musik von bsp.weise Brian Eno höre und dabei sein Gesicht ansehe, scheint dieses „perfekt“ zur Musik zu passen. Das ist aber, soweit mir bekannt, eine Illusion (Ebenso scheinen ja Familiennamen stets zur Person zu „passen“ – das muss aber ein logischer Blödsinn sein, denn sonst würden ja Menschen etwa bei der Heirat mit ihrem Nachnamen auch ihre Persönlichkeit ändern. Das ist aber ganz offenbar nicht der Fall. [Off-topic: Mir sind schon Menschen begegnet, und keine dummen, die tatsächlich glaubten, durch Änderung ihres Namens zu ihrem „wahren Ich“ vorzustoßen – Aberglaube!]). Die „Zuordnung“ von Künstlerphysiognomien zum Werk scheint also weniger aufschlussreich zu sein als allgemein angenommen (Auch die Bedeutung von Grafologie wird überschätzt: Es handelt sich um eine Pseudo-Wissenschaft.) Nein, was mich nervt, ist, dass Musik sich dem Visuellen oft unterordnen muss – und dass dies für Meisteleute völlig normal ist. Die Frage ist dann: Entspricht das einfach ihrer sensorischen Präferenz (d. h., sind sie „Bildmenschen“?) oder ist das soziokulturell erlernt (weil wir eben in einer „visuellen Kultur“ leben)? Auf diese Frage hätte ich gerne mal eine Antwort!!!

    „Ist das also so, daß Du (bildliche oder andere) Informationen über den Künstler aus dem Wege gehst, ganz bewusst?“

    Nein (siehe oben). Informationen gehe ich sowieso nur sehr selten aus dem Weg 😉 Was mich aber nachhaltig betrübt, sind Aussagen wie: „Die Musik ist nicht gut, weil sie in mir keine Bilder hervorruft.“ (Aussage 1) und, vor allem, das anschließende allgemeine Kopfnicken. Das hört man sehr oft (und ich rege mich jedesmal darüber auf). Würde ich sagen: „Das Bild ist nicht gut, weil es in mir keine Musik hervorruft.“ (Aussage 2) – ich würde vermutlich nur Kopfschütteln ernten. Aber inwiefern ist Aussage 1 berechtigter als Aussage 2? Ein „objektiver“ Grund dafür lässt sich, für mein Empfinden (aber da haben wir es ja schon wieder: Empfinden!), nicht finden. Warum erscheint Bildevokation als Qualitätskriterium für Musik vielen Menschen plausibel, Musikevokation als Qualitätskriterium für Bildende Kunst allerdings kaum jemandem?

    „Darin lese ich/vermute ich , daß Du Musik gerne standalone sehen möchtest, als eine Kunst, die keine Stütze braucht und die für sich genommen stark ist.“

    Ja ja ja und nochmals ja. Allerdings, und jetzt wird’s kompliziert, nicht im Sinne der mitteleuropäischen „absoluten Musik“. „Standalone-Musik“ (witzige Formlierung übrigens, Gratulation!) ist, hier folge ich Harry Lehmann, gerade nicht absolut, sondern „relational“, d. h. mit allen möglichen „außermusikalischen“ Entitäten (Gedanken, Spekulationen, Bildern (!), Philosophemen, Algorithmen, Literatur…) verbunden. Ich glaube eben nicht, dass es so etwas wie eine „Eigengesetztlichkeit“ des Musikalischen gibt, das ist ein Mythos, der im 19. Jahrhundert entstanden ist und sich in Teilen der Neuen Musik immer noch hartnäckig hält.

    „Es wäre sozusagen eine Verwässerung, sie mit Attributen anzureichern.“

    Nein, so möchte ich das gerade nicht sagen. Es geht nicht um „Verwässerung“, da Musik nichts „Reines“ an sich hat. Sie ist ab ovo durch und durch relational, d. h. eben komplett „verwässert“, „verschmutzt“, kontingent, zufällig, willkürlich, unvollständig, fragmentarisch etc. Ich bin alles, nur kein „Purist“!

    „Wenn dem so ist, dann macht das auch einsam.“

    Außer, man findet Menschen, mit denen man drüber reden kann, wie eben 😉

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  5. Ja, jetzt bin ich dem etwas näher gekommen, was Du meinst.
    Ich habe mal rausgezogen:
    „Nein, was mich nervt, ist, dass Musik sich dem Visuellen oft unterordnen muss“
    „Was mich aber nachhaltig betrübt, sind Aussagen wie: “Die Musik ist nicht gut, weil sie in mir keine Bilder hervorruft.” (Aussage 1) und, vor allem, das anschließende allgemeine Kopfnicken. „

    Ich selbst kenne das überhaupt nicht: Bilder-Bilder beim Anhören von Musik. Ich sehe keine Landschaft, sehe keinen Zug rattern, nehme das Wogen des Schilfs nicht wahr. Musik ist Musik. Sonst nichts. Assoziationen stellen sich nicht ein, höchstens vielleicht bei field recordings. Gut, ich „sehe“ manchmal imaginär die Musiker bei ihrem Tun, aber ansonsten bin ich assoziativ eher „platt“.
    Ein sehr ähnliches Phänomen wie in der Musik gibt es aber auch in der Bildenden Kunst: „Das Bild spricht mich nicht an, ist nicht „schön“, sagt mir nichts“. Manche Kunst erschliesst sich eben nicht so einfach und schon garnicht soll Kunst eine bestimmte Art der Aufnahme vorwegnehmen. Über durchaus verschiedene Kanäle kann ein Bild zu Dir sprechen…oder auch nicht.
    Für mich waren etwa Wols und Beuys einst eine Herausforderung. Allerdings gab es auch solch einmalige Künstler wie Ipousteguy, die trotz ihrer „eigensinnigen“ Kunst unmittelbar einschlugen.

    Zur „Eigengesetzlichkeit der Musik“: Die kann es natürlich nicht geben, genauso wenig wie in der Bildenden Kunst.

    „“Außer, man findet Menschen, mit denen man drüber reden kann, wie eben „
    Ich finde das auch recht spannend, gerade weil ich in vielen Dingen, die mich interessieren, nicht wirklich Experte bin oder über Wissen verfüge. Musik ist aber für mich ein bleibendes Faszinosum.

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