Die Netzgemeinde beginnt, sich selbst zu beobachten

Rund einstündiger, hochinstruktiver Einblick in den Reflexionsstand der deutschen, äh, Netzgemeinde. Michael Seemann betreibt in diesem Vortrag vom 5. Juli 2013, der die erste gute halbe Stunde des Videos füllt (der Rest ist Diskussion), nichts anderes als „soziologische Aufklärung“ bzw. „Systemtherapie“ im Sinn Niklas Luhmanns (dessen Schüler Dirk Baecker findet einmal kurz Erwähnung) – freilich ohne dass diese Begriffe fallen würden.

Er benennt als sozialpsychologische Ursache des von einigen zynisch „Summer of Love“ genannten Groß-Streits in der Netzgemeinde im Jahr 2012 nüchtern die zunehmende Diversifizierung ihrer Akteure. Der Anteil bisher problemlos „marginalisierter“ Gruppen wie bsp.weise, äh, Frauen, aber auch – fällt mir da ein – Geisteswissenschaftler oder nicht internet-affine Künstler hat offenbar, so Seemann, im Verlauf des vergangenen Jahres innerhalb der Netzgemeinde eine „kritische Masse“ erreicht und sich plötzlich von den bisher tonangebenden Nerds nicht mehr so einfach „den Mund verbieten lassen“. Was bisher als nerdiger common sense durchging, wurde nun vehement kritisiert (als „sexistisch“, „systemadministrokratisch“ oder auch „kunstfeindlich“ – die letzten beiden Bezeichnungen stammen von mir, nicht von Seemann). Das Problem war nun, dass sich diese Kritik nicht mehr einfach als Trollkommunikation abtun ließ, kam sie doch von den neuen AkteurInnen innerhalb der Community.

Diese gewannen ihre Kritik jedoch aus, so Seemann, „Beobachtungsschemata“, die von der Nerd-Fraktion bisher kategorisch zurückgewiesen wurden, weil sie, so interpretiere ich Seemann, im weitesten Sinn dem „politisch korrekten“ Diskursstil entstammen. So werde nun bsp.weise dem Nerd permanent zugemutet, sein „Weiß-Sein“ (Hautfarbe), sein „Mann-Sein“ oder sein „Mittelschicht-Sein“ in allem, was er äußere, mitzureflektieren. Auf der anderen Seite unterstelle die Nerd-Fraktion allen Nicht-Nerds innerhalb der Netzgemeinde weiter relative technische Ahnungslosikgeit (vermutlich sogar zu Recht!): Solange man nicht verstehe, wie das Internet technisch funktioniere, könne man hier ja gar nicht wirklich mitreden etc.

Seemann interpretiert diese Situation als plötzlichen und dramatischen Anstieg kommunikativer Komplexität, der aber nicht von einem ebensolchen Zuwachs an meta-kommunikativer Kompetenz abgefangen wurde. Sehr viele spürten wohl, dass es jetzt schwierig, unübersichtlich und ätzend werden würde – aber keiner wußte so recht, wie er damit umgehen sollte. Woher auch? Erfahrungswerte fehlten! Das (vorläufige) Ergebnis: Hauen und Stechen, jeder gegen jeden, die ganz große Prügelei, die Piratenpartei demontierte sich selbst etc. Dies sei die Kern-Erfahrung des „Summer of Love“ (bzw. „Summer of Hate“) im vergangenen Jahr gewesen.

Verblüfft hat mich an Seemans Vortrag, dass selbst diejenigen, die sich als Avantgarde der Digitalen Revolution begreifen und deren Online-Sozialisierung gesellschaftsweit am Fortgeschrittensten sein dürfte, auf sozialpsychologische Probleme treffen, wie sie in jedem Kaninchenzüchterverein auftreten, sobald eine relativ homogene Riege von Alt-Mitgliedern von einigen „irgendwie anderen“ Neu-Mitgliedern herausgefordert wird. Die jahrelange Vertrautheit mit avanciertesten technischen Kommunikationsmedien scheint bei der „Nerd“-Fraktion in keinster Weise zur Erhöhung meta-kommunikativer Kompetenz geführt zu haben. Trotz ihrer, oberflächlich gesehen, globalen, äh, Vernetztheit begegneten sie ihren neuen, auf für sie unerträgliche Weise „politisch korrekten“ Gemeindemitgliedern offenbar mit einer Borniertheit, die man früher provinziell genannt hätte.

Um derartige „Aushandlungsprozesse“, die Seemann, der sich übrigens selbst der Nerd-Fraktion zurechnet, dezidiert begrüßt und für unabdingbar hält – er bezeichnet sie bei 25’29“ sogar euphorisch als „gesellschaftlichen Fortschritt @ work“ -, in Zukunft „unblutiger“ führen zu können, bedürfe es natürlich diverser „Lösungsstrategien“. Hier wird der Referent jedoch überraschend schmallippig: Neben recht allgemein gehaltenen Ratschlägen wie überlegterer Fokussierung des Diskussionsverhaltens und erhöhter persönlicher Achtsamkeit („awareness„) verweist er vor allem auf den Aufsatz „Sümpfe und Salons“ von Kathrin Passig aus dem Jahr 2011, wo „technische Tools“ zur „sinnvollen Strukturierung“ einer Online-Debatte ausführlich referiert würden. Es fällt das Schlagwort von der „Filtersouveränität“ der Diskutanten, die aber nicht hinreichend erklärt wird.

Mittlerweile habe ich Passigs Artikel gelesen. Er enthält keine Lösung des Problems überfordernder kommunikativer Komplexität bei Online-Debatten (behauptet allerdings auch nicht, eine gefunden zu haben). Vielmehr wird das Scheitern bisheriger Lösungsstrategien (diverse Formen der Moderation, rigoroser Ausschluss von Trollen und troll-ähnlichen DiskutantInnen, Belohnungssysteme für kommunikatives Wohlverhalten u. a.) an konkreten Beispielen ausführlich dokumentiert.

Und das stellt in jedem Fall einen konstruktiven Beitrag zur Lösung des Problems dar – ebenso wie Seemanns Referat.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

6 Kommentare zu „Die Netzgemeinde beginnt, sich selbst zu beobachten

  1. Bei dem Ausdruck „nerdiger common sense“ fiel mir ein, daß „nerdig“ gut „erdig“ gegenüberstehen kann. Kommt vielleicht sogar der Ausdruck „nerdig“ von „N icht mit (der) Erde verbunden sein“? In manchen Kreisen jedenfalls ist „mit der Erde verbunden sein“ eines der höchsten Attribute.

    Gefällt mir

  2. Kommt vielleicht sogar der Ausdruck “nerdig” von “N icht mit (der) Erde verbunden sein”?

    Witzige Idee (aber natürlich Unsinn – aber das weißt du ja).

    In manchen Kreisen jedenfalls ist “mit der Erde verbunden sein” eines der höchsten Attribute.

    Diesen Kreisen dürfte selbst die bloße Nutzung von Online-Foren ideologische Schwierigkeiten bereiten. Auf der anderen Seite: Wer legitimiert eigentlich diese Kreise, das Element „Erde“ gegenüber seinen Komplementen Feuer, Wasser und Luft zu bevorzugen? Will sagen: Selbst, wenn ich mal akzeptiere, dass „alles Sein aus den vier Essenzen Feuer, Wasser, Luft und Erde besteht (Wikipedia-Artikel „Vier-Elemente-Lehre“) – warum gilt dann die Erde mehr als z. B. die Luft?

    Gefällt mir

  3. „Kreise“ war hier per se hier ein ungünstiger Ausdruck, sorry.

    Es gibt „Erdarbeiter“, etwa Gärtner, Keramiker, Bildhauer und manch andere, die ihre Arbeit, ihr Tun als „nahe an der Erde“ bezeichnen könnten (und manchmal auch tun). Diese Verortung stimmt, denn sie sind direkt in Kontakt mit einem „Elementarstoff“ und formen diesen. Sinnig in diesem Zusammenhang auch eine jetzt bestimmt wegführende,etwas extreme, aber dennoch gut illustrierende Beobachtung eines Bildhauers, der einen Stein für die Sagrata Famila behaute – und zwar auf eine sachte, fein kontinuierliche Weise. Er meinte dazu, er bitte den Stein um die Erlaubnis des Formens. Ohne das würde es nicht gut gelingen. Du wirst lachen, ich fand das gut und…überzeugend. Allemal ist mir ein solcher Mensch lieber wie einer der die Steine behaut wie ein Schmied, um zu einem Ergebnis XYZ zu kommen.

    Natürlich sollte, wenn hier „Erde“ als Element angesprochen wurde, nicht die anderen 3 Essenzen gering geachtet werden.

    Du hast recht, „Erdarbeiter“ gibt es wohl selten unter den „Virtuellen“. Aber es gibt sie. Es ist schon ein seltenes Gewächs, dies zusammenzubringen. Ich kenne welche, die ihr Leben im Netz zubringen und ab und zu in ihren „leiblichen “ Garten schlüpfen, um dort Unkraut zu jäten und „Erdarbeit“ zu verrichten.

    Gefällt mir

  4. „Es gibt “Erdarbeiter”, etwa Gärtner, Keramiker, Bildhauer und manch andere, die ihre Arbeit, ihr Tun als “nahe an der Erde” bezeichnen könnten (und manchmal auch tun).“

    Ja, Gerhard, das war ein Missverständnis, ich hatte deine „Kreise“ als erdverliebte Esoteriker gedeutet – und die nerven mich eben.

    „Du wirst lachen, ich fand das gut und…überzeugend.“

    Nein, ich lache nicht. Respekt vor dem zu Formenden hat auch jeder gute Musiker – selbst, nehme ich mal an, jeder gute Programmierer. Das „zu Formende“ ist nur bei diesen eben nicht so konkret wie ein Stein, sondern, äh, luftiger: Der Musiker schöpft aus einer bestehenden musikalischen Tradition – er erfindet ja nicht jedesmal die Musik neu -, der Programmierer schreibt in einer bestehenden Programmiersprache (d. h. er bedient sich ihrer mehr oder minder bewusst – oder zeichne ich hier ein naiv-idealistisches Bild des Programmierers?).

    „Ich kenne welche, die ihr Leben im Netz zubringen und ab und zu in ihren “leiblichen ” Garten schlüpfen, um dort Unkraut zu jäten und “Erdarbeit” zu verrichten.“

    So formuliert kann das natürlich auch schlicht kompensatorische Funktion haben.

    Gefällt mir

  5. Zitat: „Hier wird der Referent jedoch überraschend schmallippig“

    Diese Beobachtung zu Michael Seemann ist keine überraschende Neuigkeit: Seemann mag ein Meister der (Netz-)Kritik sein, ein Meister der konstruktiven Kritik war und ist er nie gewesen. Es spielt mit der Provokation und gleitet damit ab ins avantgardistische Neuland.

    Gefällt mir

  6. Ich weiß nicht, ob das, was ich jetzt noch vorbringe, beiträgt, aber trotzdem:

    „Respekt vor dem zu Formenden“ ist sicherlich nicht zwingend nötig und in unterschiedlichen Feldern nicht in gleicher Weise vorhanden.
    Ein Programmierer wird auch meist einen Code schreiben ohne ihn zu „bedenken“. Allerdings gibt es da auch den Faktor „Eleganz“, der für manche interessant ist. Mit Eleganz ist eine trickreiche, sparsame und „runde“ Funktion/Abwicklung gemeint.

    Ich finde es grundsätzlich spannend, verschiedene kreative Tätigkeiten miteinander zu vergleichen und abzuklopfen. Eine jede Kunst hat ihr eigenes Strahlen, ihre ihr eigene Höhe und ihre Tiefe/Weite.

    Gefällt mir

Kommentieren:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s