Botho Strauß sondert (sich) ab

Botho Strauß (*1944), ca. 1978
Botho Strauß (*1944), ca. 1978

Na, das hat’s gebraucht: Botho Strauß (für Jüngere: war mal ein ziemlich erfolgreicher Schriftsteller, tief im 20. Jahrhundert) hat mal wieder zugeschlagen und zeigt uns Orientierungsbedürftigen von seinem uckermärkischen (!) Hochsitz aus aber mal so richtig, wo’s im Argen liegt.

Also lesen wir mal: „Der Plurimi [lat. für „die meisten“, S.H.]-Faktor. Anmerkungen zum Außenseiter“ (DER SPIEGEL 31/2013)

Super, gleich ’ne Bio-Metapher am Eingang: „Bakterienschwärme neuer Medien“. (S. 108) Das ist ganz klar die Goebbels-Schule (die wir so dringlich vermissen im, äh, intellektuellen Diskurs). Dabei können Bakterien so nützlich sein. Es soll sogar Wissenschaftler geben, die behaupten, ohne Bakterien gäbe es gar kein Leben. Na ja, Schwamm drüber.

Gegen ein bisschen performativen Selbstwiderspruch hab ich ja nix, aber, einen Appell an die „Wenigen“ ausgerechnet im Massenblatt DER SPIEGEL zu publizieren, ist dann doch einen Tick zu viel. Wenn’s wenigstens CICERO gewesen wäre, oder – besser, viel besser (bzw. „besser“) – die JUNGE FREIHEIT.

„Die vielen verdünnen das Gut, jene wenigen aber erhalten es.“ (S. 108) Knackiger kann man elitäres Denken nicht zusammenfassen. Der Satz operiert nur mit un- bzw. unterdefinierten Elementen: Wer zählt zu den „vielen“, wer zu den „wenigen“, und – vor allem – was zählt zum „Gut“, was nicht? Und wer definiert das? Und wodurch ist dieser legitimiert?

Strauß‘ Text appelliert an Menschen (er nennt sie, leidlich amüsant, „Idioten“ – ganz ähnlich, wie ich mich, zugegeben, kürzlich selbst in Ralf Schusters Film zum „komponierenden Idioten“ stilisiert habe), die glauben, ein – allerdings völlig ungreifbares – „Gut“ in sich zu tragen und damit einer, äh, Geisteselite anzugehören, deren Aufgabe es sei, „neue unzugängliche Gärten [zu] bauen!“ (S. 108) Dann fällt tatsächlich der Satz „Zurück zur Avantgarde!“ Emphatisch. Mit Ausrufezeichen. Mahnkopf, übernehmen Sie!

„Die Frage des Niveaus wird in Zukunft wieder von der Begrenzung des Zugänglichen abhängen.“ (S. 108) Wieder nur Wolken: Was ist „Niveau“, wann ist „in Zukunft“, wer definiert „Begrenzung“, was ist das „Zugängliche“? Was glaubt Strauß eigentlich, wozu Sprache da ist – um Nebelgranaten zu werfen?

Verblüffenderweise kommt dann aber fast eine kleine Kehrtwende, hm, sagen wir besser, eine (evtl. sogar juristisch motivierte) Abgrenzung gegen, hm, Rechts: Das „ausschließende Prinzip“, nach dem sich Strauß so sehnt, sei „Nicht feind [Kleinschreibung, super!] der Demokratie, jedoch der Demokratisierung sämtlicher Lebensbereiche, feind dem demokratischen Integralismus.“ (S. 110) Nun ja, „Demokratie ohne Demokraten“, fällt mir da spontan ein, aber Strauß meint’s vermutlich anders: Er wünscht sich die Zeiten zurück, als die Elitenbildung noch reibungsloser klappte, als Subkulturen noch Sub-Kulturen waren, das Fernsehen noch ausschließlich öffentlich-rechtlich, alle einflussreichen Theater-Regisseure noch Anhänger der Idee des „Regie-Theaters“ und der „Neue Deutsche Film“ noch eine Innovation. Er wünscht also die BRD zurück. So ca. im Jahr 1978.

Wir schreiben aber das Jahr 2013: Die kulturelle Elitenbildung alten Typs verliert gerade komplett ihre Legitimation (nicht zuletzt durch die Digitale Revolution), Subkulturen sind (dank der lobenswerten Anstrengungen der Postmoderne) einfach nur noch Kulturen, das Fernsehen entspricht ziemlich genau dem, was Georges Bataille dereinst „das Heterogene“ nannte, den „Ring“ inszenieren Florian Henckel von Donnersmarck oder Jonathan Meese und deutsche Filmregisseure von Format beschränken sich auf die strenge Sachlichkeit der „Berliner Schule„, anstatt Klaus Kinski als blonde Bestie in den Dschungel zu schicken.

Es folgt eine Apologie ultrakonservativ-islamischer Lebensführung, die von Mosebach sein könnte: „Neugier und Respekt gegenüber den uns fremden Gesetzestreuen [gemeint ist die „Muslimin im Ganzkörpertuch“] bleibt den wenigen vorbehalten, die es sich zumuten, die Sache in den schärfsten Kehren der Ambivalenz zu ertragen.“ (S. 110) Raffiniert: Ein ins 21. Jahrhundert hineinragender mittelalterlicher Brauch (die Ganzkörperverschleierung der Frau) wird als „Gesetzestreue“ interpretiert. Es ist jedoch den (selbsternannten) Strauß’schen „Wenigen“ vorbehalten, dies positiv sehen zu können – und damit heroisch ihren durch fatalen „demokratischen Integralismus“ antrainierten anti-autoritären Würgereflex zu überwinden. Wie hieß es doch gleich in „1984“: „Freiheit ist Sklaverei“. Nur hat das Orwell damals irgendwie anders gemeint, da bin ich mir ganz sicher.

Aber genug des Spotts, Strauß‘ Essay enthält auch ein paar bedenkenswerte Beobachtungen.

Angesichts der massenhaften, man möchte fast sagen, hegemonialen Verbreitung einer Ästhetik der Apokalypse (mir fällt da vor allem die Metal-Kultur ein, aber auch populäre Ego-Shooter und weite Teile der Science-Fiction-Kultur) stellt er richtig fest: „Die immerzu simulierte Apokalypse löscht jede Tiefenahnung von ihr.“ (S. 111) Will sagen, wer den Weltuntergang permanent in fiktionaler, spielerischer Form vor sich hat, dessen Wahrnehmung realer ökologischer, politischer und sozialer Probleme mag tatsächlich leiden (man nennt das seit jeher „Eskapismus“).

Weiterhin prophezeit er eine „Resakralisierung des Buches“ gegen „den Markt des breitgetretenen Quarks, dessen Autoren in digitalen Massen sich vordrängen“. (S. 111) Herr Strauß, hier bin ich ganz bei Ihnen! Nur, dass diese „Re-Sakralisierung“ vermutlich eher eine neue, rein ökonomisch bedeutsame Welle der Bibliophilie werden dürfte, nicht die von ihnen ersehnte „rauschende Ballnacht des Geistes“. (S. 110) Abgesehen davon – wenn selbst die wesentlich profanere Schallplatte es geschafft hat, sich zu heiligen, dann wird das dem älteren Kultur“gut“träger Buch ja wohl keine größeren Probleme bereiten, oder?

Wie bei Kracht und Meese ist Strauß‘ (Entschuldigung: „Straußens“) Rhetorik eine des Zuvielisationsekels, des Überdrusses. Allein deswegen (und nicht wegen seines entfernt an die Konservative Revolution der Weimarer Zeit erinnernden Gedanken-, äh, „Gut“s) wird sie auch diesmal Erfolg haben. Vielleicht nicht so nachhaltigen und großen wie sein „Anschwellender Bocksgesang“ von 1993, aber es wird doch ein wenig in die Richtung gehen. Viele (und nicht etwa „wenige“!) werden beipflichten: Ja, alles zuviel. Zuviel Freizügigkeit, zuviel Freiheit, Freiheit überfordert, wir brauchen Grenzen, Regeln, vor allem in der Erziehung von Kindern, wir brauchen mehr Ehrfurcht (vor der Natur, dem Gesetz, dem Staat etc.), wir müssen die Entstehung von „Parallelgesellschaften“ verhindern, den Konsumismus geißeln, die organisierte Religiosität stärken etc. Hab‘ ich was vergessen?

Ach ja: Windräder. – Kein Scherz. Menschen, „die mit Windkraft moralische und unmoralische Geschäfte machten, Schänder der Landschaftsseele“, wünscht sich Strauß „einzeln auf ein Rotorblatt gefesselt und bis auf den Jüngsten Tag im Höllensturm sich drehen.“ (S. 111). Es würde den „Wenigen“ ersparen, sich „vor Schmerz [zu] krümmen, wenn sie sehen, wie mitten im Frieden eine vom Dichter besungene Landschaft verheert vor ihnen liegt, so gemein und hochmütig, so um sich greifend und im Unmaß aufragend, Horizonte sperrend, rücksichtsloser als Feuersbrunst, Rodung, Industrialisierung zusammen…“ (S. 111). Stimmt, 1978 gab’s noch keine Windräder. Aber Atomkraftwerke – deren Betreiber Strauß dann ja wohl, ich variiere jetzt mal frei, einzeln in ein Abklingbecken verwünschen müsste, wo sie bis auf den Jüngsten Tag Waterboarding mit hochradioaktivem Kühlwassser ertragen müssten.

Auf S. 112 schließlich meine Lieblingsstelle: Strauß kontrastiert die condition courtoise, die höfische Kultur des Mittelalters, mit einer (wohl von ihm selbst kreierten) condition salaud, dem „Programm der schweinischen Lebensführung, das konkurrenzlos den gewöhnlichen Alltag“ heute beherrsche. Er meint damit „explizite Untugenden wie Rücksichtslosigkeit, Feigheit und Verlogenheit“, gegen die man paradoxerweise „therapeutisch“ (gemeint ist wohl psychotherapeutisch) vorzugehen meinen könne – selbstverständlich ohne jeden Erfolg. Genau (und hiermit möchte ich schließen): Rücksichtslose, feige und verlogene Schweine sind sie, die meisten (plurimi) Menschen heutzutage!

Das wird man ja doch wohl noch mal sagen dürfen.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

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