Steve Reich, Junior Walker und MIDI Mockups

Ein ungewöhnlich offenes Reich-Interview, der Meister ist sehr, äh, aufgekratzt, pardon, man kann es nicht anders sagen, fast hysterisch gut gelaunt. Dafür gibt er auch mehr von sich preis, als in jedem anderen Interview, das ich kenne – und ich habe alle rezipiert, derer ich habhaft werden konnte. Allzu viele gibt’s sowieso nicht.

So erfahren wir, dass Motown für ihn zumindest genauso wichtig war wie die berühmt-berüchtigten ethnomusikologischen Studien in Ghana und Bali. Speziell Junior Walker hatte es Reich angetan – damals, in den 1960er Jahren.

Der junge Reich war besessen von John Coltrane. Wenn ich das richtig verstanden habe (er spricht, wie immer, sehr schnell und verschluckt einiges), besuchte er über 50 (!) Coltrane-Performances in jener Zeit.

Weiterhin berichtet Reich mit diebischer Freude, dass er als Taxifahrer mehr verdient hat als seine Künstler-Kumpels, die sich als assistant teachers an renommierten Universitäten abmühten (Unabhängig davon betrieb er damals mit, äh, Phil Glass zeitweise eine Möbelspedition. Keine Ahnung, wie die hieß, „Reich & Glass, Movers“ wäre aber cool gewesen ;-)).

Der „Post-Minimalismus“ begann für Reich 1976, als er mit „Music for 18 Musicians“ das erste Stück publizierte, dass sich haupsächlich an harmonischen (wenn auch nicht funktionsharmonischen) Fortschreitungen entlang entwickelte und somit Repetitivität als strukturbildendes Merkmal in den Hintergrund zu rücken begann.

Zu ästhetischen Fragen gibt’s auch ein paar aufschlussreiche Statements, die ich hier mal in eigenen Worten und, zugegeben, etwas abstrahiert, wiedergeben möchte:

  • Partituren sind wichtig für den eKomponisten, ebenso wichtig ist es aber, den ausführenden Instrumentalisten die Musik vorzuspielen. Entweder tut man das selbst, soweit möglich, oder man stellt ihnen ein MIDI Mockup (heute würde man ePlayer-Realisierung sagen) der Komposition zur Verfügung, um ihnen das neue Stück nahezubringen.
  • Die populärsten Instrumente heute sind der Sampler und der Synthesizer. In diesem Sinne macht man „Volksmusik“ (was Reich natürlich soziokulturell meint, nicht stilistisch), wenn man mit diesen Tools arbeitet.
  • Ästhetisch interessant wird’s immer dann, wenn „Erfindungen“ von Musikmaschinen ins herkömmliche Musikmachen rückübersetzt werden. Beispiel: Das Phänomen des phase shiftings zweier nicht synchronisierter Tonbandmaschinen, die identisches akustisches Material abspielen, inspirierte Reich zur gleichnamigen Kompositionstechnik, die er bsp.weise in „Piano Phase“ verwendete. Musikologisch, so Reich, lässt sich phase shifting dann einfach als Sonderform des Kanons beschreiben.
  • Hat man die Wahl zwischen Intuition und Konzept, sollte man sich für erstere entscheiden.

3 Kommentare zu „Steve Reich, Junior Walker und MIDI Mockups

  1. Mache gerade Familienurlaub im Mutterland des Energydrinks direkt in Fuschl am See, um die Ecke liegt das Headquarter von Red Bull, aber was ist die Red Bull Music Academy? Ist mir neu, verleiht die Firma jetzt neben Formel 1 und Action Sports auch Komponisten sog. „Ernster Musik“ Flügel (Wortspiel unbeabsichtigt)?

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    1. @Dennis Schütze: Ja, ich fand’s auch kurios und hab‘ erst mal gezögert, das Ganze überhaupt ernst zu nehmen – aber das Interview ist dann ja wirklich sehr gut – o.k., Steve Reich ist sehr gut. Es gibt auf Vimeo eine ganze Reihe ähnlicher Interview-Videos unter dem Tag Red Bull Music Academy, u. a. mit Brian Eno, Philip Glass, Van Dyke Parks, Giorgio Moroder, Richie Hawtin, John Cale, Bootsy Collins, Trevor Horn, Nile Rodgers, Morton Subotnick, Carsten Nicolai, Frankie Knuckles…). Auf der Homepage der Academy findet sich folgende Selbstdarstellung:

      „The people who have been running the Academy for the last 15 years are committed music lovers just like you. They’re journalists whose love for music led them to feature writing instead of navel gazing. Label heads who started putting out music to further their home town scenes. […] The Red Bull Music Academy is not a sponsored event, but a long-term music initiative, committed to fostering creative exchange amongst those who have made and continue to make a difference in the world of sound.“

      Daraus wird man nun natürlich auch nicht viel schlauer, aber ich nehme jetzt einfach mal an, das Ganze war mal als Marketing-Aktion geplant und hat sich jetzt ein bisschen verselbständigt.

      Es wäre witzig, das ganze Konzept mal ins Deutsche zu übersetzen, also so ungefähr „Die Bionade-Musikakademie präsentiert Peter Michael Hamel„. Ginge das? Vermutlich nicht. Warum eigentlich nicht? Liegt’s daran, dass das Bionade-Management Peter Michael Hamel (bzw. Hans-Joachim Hespos bzw. Wolfgang Rihm bzw. Claus-Steffen Mahnkopf etc.) nicht kennt? Dass HamelHesposRihmMahnkopf keine Bionade mögen (o.k., ich bezweifle, das Steve Reich auf Red Bull steht – aber wer weiß das schon?)?

      Der einzige (mir bekannte) deutschsprachige eKomponist, den ich mir in einem solchen Setting vorstellen könnte, wäre Moritz Eggert, o.k., evtl. auch noch Johannes Kreidler – aber der würde das Ganze vermutlich performativ irgendwie „aufsprengen“ wollen oder so.

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  2. Die Redbull music academy ist mir ein Begriff: Sie laden meist aufstrebende Produzenten elektronischer Musik ein. Wenn ich mich recht erinnere, war Henrik Schwarz zum Gespräch da und zu einem kleinen Set, auch Nicolas Jaar. Den Background zu dieser Initiative kenne ich nicht.

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