Warum ich trotzdem Piraten wähle

Die deutsche Piratenpartei befindet sich in einer ähnlichen Lage wie Die Grünen kurz nach ihrer Gründung 1980. Denn was sprach der „Volksmund“ damals über Die Grünen?

  • „Die sind doch ein chaotischer Haufen! Man weiß ja gar nicht, was man wählt, wenn man die wählt.“ – Vgl. den Wikipedia-Artikel „Bündnis 90 / Die Grünen“ über die Vorgeschichte dieser Partei in den 1970er-Jahren: „Die politische Bandbreite reichte von den K-Gruppen im Gefolge der Studentenbewegung der 1960er Jahre bis zu konservativen Umweltschützern.“ Ohne Chaos ist aber noch keine Partei entstanden, die mir geheuer wäre. Die Alternative besteht natürlich auch immer: Eine autoritäre Führerpartei wie etwa das „Team Stronach“ in Österreich.
  • „Die haben so komische Themen, die nur sehr wenige wirklich interessieren.“ – „Umweltschutz“ hatte 1978 einen ähnlichen Status. Das Thema prangte zwar auf vielen Zeitungstiteln, an den Mainstream-Stammtischen der Republik wurde es aber bestenfalls als übertriebene Spinnerei belächelt (Ich bin Jahrgang 1966 und kann mich hervorragend daran erinnern). Wer kategorisch gegen Atomkraft war, überwinterte „bei Dunkelheit mit kaltem Hintern“, so ein damals populäres Mem. Demzufolge hätte sich die Atom-Abschafferin Angela Merkel jetzt ebenfalls warm anzuziehen. Muss sie aber offensichtlich nicht.
  • „Wenn ich die wähle, ist meine Stimme verschenkt, denn die kommen ja eh nie über 5 Prozent.“ – Dann hätten all die Wähler, die für grün stimmten, als diese noch bei ein bis drei Prozent herumdümpelten, ihre Stimme jahrelang „verschenkt“?
  • „Die haben kein professionelles Personal. Da gibt’s nur Freaks und weltfremde Idealisten.“ – Das Berufspolitikertum hat uns in punkto Politikverdrossenheit dahin gebracht, wo wir heute sind. Die PiratInnen kommen aus der Mitte der Gesellschaft, sie sind (noch) keine Berufspolitiker. Nimmt man das Konzept „Demokratie“ aber ernst, dann ist das auch gut so. Der Dilettant liebt, was er tut. Er tut es um der Sache willen, nicht, weil es eben sein Beruf ist. In diesem Sinne brauchen wir sogar noch mehr Dilettantismus in der Politik. Die Alternative lautet schlicht Postdemokratie, wo eine winzige Kaste hochprofessioneller Politik-Manager samt ihrer (nicht wählbaren!) Berater die Masse des-involvierter Politik-Konsumenten regiert.
  • „Die verstehen vielleicht was von ihren Spezialthemen, aber darüber hinaus haben sie nichts  zu sagen.“ – Eine Partei, die zu allem etwas zu sagen hat, empfände ich als größenwahnsinnig.  Was oft vergessen wird: Jede Partei hat als „Ein-Themen-Partei“ angefangen (SPD: Arbeiterbewegung, CDU: Christlicher Konservatismus, FDP: Liberalismus). Der Begriff „Partei“ hat mit lat. pars, Teil, zu tun. Jede Partei ist also per definitionem partikular, sie vertritt einen Teil, nicht das Ganze. In diesem Sinn ist der Begriff „Volkspartei“  (von Angela Merkel gerne verwendet, aber auch von SPDlern) undemokratisch. Ist es nicht demokratischer, echte Parteien als Vertreter zwar partikularer, aber klar definierter Interessen wählen zu können? Lobbyisten (auch Vertreter partikularer Interessen) kann man ja bekanntermaßen gerade nicht wählen.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

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