The Idea of being a Citizen

Laut dem Hauptartikel des SPIEGELs vom vergangenen Montag ist Nichtwählen in Deutschland jetzt auch intellektuell salonfähig geworden. Als bekennende Nichtwähler werden unter anderem nicht ganz un-einflussreiche Kräfte wie die, äh, „Philosophen“ Richard David Precht, Peter Sloterdijk und, besonders skandalös (denn bisher mochte ich ihn ganz gerne), der Sozialpsychologe Harald Welzer genannt.

All diese mehr oder minder klugen Köpfe bieten jedoch, nach meinem Kenntnisstand, keinerlei praktikable Alternative zur Parteiendemokratie an (oder habe ich da was Grundsätzliches übersehen in ihrem nur schwer überschaubaren Werk, Herr Sloterdijk?). Sie stänkern einfach nur herum – und gar nicht mal auf sonderlich hohem Niveau. Die SPIEGEL-AutorInnen Abé, Amann und Feldenkirchen zitieren bsp.weise Sloterdijk mit dem Satz:

Bisher hieß, politisch vernünftig sein, das Geringere Übel zu wählen. Doch was tun, wenn ich nicht mehr weiß, wo das geringere Übel liegt?

DER SPIEGEL Nr. 38/16.9.13, S. 23

Precht haut in dieselbe Kerbe:

Zum Bekenntnis zu einer Partei fehlt mir nicht der Mut, sondern die Möglichkeit der Identifikation.

DER SPIEGEL Nr. 38/16.9.13, S. 23

Welzer macht es sich ein bisschen schwerer. In seinem bereits im Mai erschienenen Essay „Das Ende des kleineren Übels“ argumentiert er u. a. folgendermaßen gegen das Wählen als solches:

Die Wahl des kleineren Übels ist nicht nur unter den Bedingungen freier Gesellschaften eine verbreitete Praxis, die hilft, es sich nicht unnötig unbequem zu machen, sondern insbesondere in totalitären Staaten ein Herrschaftsmechanismus, der dafür sorgt, dass sich diejenigen nicht auflehnen, die zwar nicht gut finden, was geschieht, aber davon noch nicht in ihrer Existenz getroffen sind. Man kann bei [Sebastian; S.H.] Haffner und Hans Fallada genauso wie bei Michail Bulgakow und Piotr Lachmann nachlesen, wie es gerade die immer tiefer gelegte Toleranzschwelle gegenüber den Machtansprüchen des Regimes ist, die die vollständige Durchsetzung seiner Herrschaft ermöglicht.

Mein Gott, was biegt sich Welzer denn da zurecht? In welchem „totalitären Staat“ leben wir denn bitte? Im Dritten Reich Haffners und Falladas? In der UdSSR Bulgakows? Oder im kommunistischen Nachkriegspolen Lachmanns? Wo hatte man in diesen Staaten bitte eine „Wahl des kleineren Übels“? Und welches machthungrige „Regime“ will denn uns gegenüber seine Herrschaft dadurch vollständig durchsetzen, dass es in perfider Weise unsere Toleranzschwelle gegenüber seiner Willkür immer mehr herabsetzt? Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich – mehr fällt mir zu einer derart verdrehten Argumentation – auch weil Welzer hier tatsächlich Herbert Marcuses 1968er Begriff der Repressiven Toleranz angewendet wissen will – leider nicht ein.

Gemeinsam ist diesen, pardon, durchgehend ebenso kurzsichtig-populistischen wie pseudo-radikalen Äußerungen der drei Meisterdenker, dass sie die bundesdeutsche Parteiendemokratie komplett von außen betrachten – als wären sie denn gar keine deutschen, äh, Staatsbürger. Sind sie aber, soweit mir bekannt, alle drei. Es steht ihnen also durchaus frei, an der politischen Willensbildung mitzuwirken. Das wollen sie aber nicht. Lieber, äh, „analysieren“ sie (Welzer) – oder verachten gleich, wie Sloterdijk. Precht beklagt, dass er sich nicht „identifizieren“ könne und befindet sich damit intellektuell auf einem Niveau mit, halten zu Gnaden, Moritz Bleibtreu. Der wird im SPIEGEL-Artikel mit der denkwürden Äußerung

Ich bin einfach von keiner Partei zu hundert Prozent überzeugt.

zitiert (was ja dann wohl „Identifikation“ bedeuten würde).

Nun, wer im 21. Jahrhundert noch auf 100%ige Identifikation mit was auch immer wartet, dem ist das Konzept der Postmoderne wohl gänzlich unbekannt (was ich Bleibtreu nachsehe, Precht aber nicht!). Meine Herren, wie schlicht darf’s denn sein? Hat sich bsp.weise Helmut Schmidt jemals mit der SPD „identifiziert“? Herbert Wehner etwa?

SloterdijkPrechtWelzer nehmen gegenüber dem Staat, dessen Bürger sie sind, eine durch und durch passive Konsumentenrolle ein. Ihre Haltung erinnert mich eher an Beavis and Butt-Head als an die verantwortungsbewusster Erwachsener. Sie hocken auf dem Hochsitz, beobachten das Treiben unter sich, feuern ab und zu mal ein wenig mit Schrot – es wird schon die Richtigen treffen – und sind ansonsten permanent angenervt. Mehr passiert hier nicht.

Vergleichbare soziokulturelle Verwerfungen hat der Schriftsteller David Foster Wallace (1962 – 2008) schon vor 10 Jahren für sein Land, die USA, messerscharf erkannt und auch benannt, und zwar hier:

Eine Passage aus diesem Interview-Ausschnitt habe ich übrigens seit Jahr und Tag in die PUQs der „Weltsicht“ integriert:

The idea of being a citizen would be to understand your country’s history and the things about it that are good and not so good and how the system works and taking the trouble to learn about candidates for political office […]

P.S.: Das gesamte Wallace-Interview mit allen Ähs und Ohs gibt derzeit hier anzusehen.

Ich habe diesen Artikel am 20. September unter dem Titel „Beavis und Butt-Head vor der Urne“ in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

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6 Kommentare zu „The Idea of being a Citizen

  1. Sloterdijk hat schon mit seinen Steuerideen – Almosen der Reichen für die Armen/die Allgemeinheit nach Gutdünken statt gerechter, also die Reichen („Leistungsträger“) stärker belastender Steuern (in Cicero, irgendwann) – deutlich gemacht, dass feudales Denken auch heutzutage noch/wieder salonfähig ist. Klar, dass jemand, der sich politisch/intellektuell an der vorneuzeitlichen Ständegesellschaft orientiert, mit Demokratie wenig anzufangen weiss … vielleicht lässt er sich zur Wahl motivieren mit dem Hinweis, dass unsere Demokratie auch Diskurs-Zombies wie ihm eine Stimme gibt?
    Andererseits: Am Ende wählt er dann FDP, und die schafft es wieder in den Bundestag – das wäre ja schlimmer als das Gequatsche einiger Wirrköpfe in der Boulevard-Presse (zu der der Spiegel ja schon seit längerem gehört, Stefan: Was liest Du denn da für ein Zeug?).

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  2. @Jochen: Nachdem ich beim, äh, linken „Freitag“ schon zum (unbezahlten) Titelschlagzeilenlieferanten avancierte, dachte ich mir gelangweilt, „Jetzt lies doch mal was anderes.“ Ok ok – selber schuld, ich weiß…

    Sloterdijk hat sich tatsächlich öffentlich und, äh, „argumentativ“ von der Parteiendemokratie verabschiedet – das ist nur noch nicht überall angekommen, viele (nicht du jetzt) glauben scheinbar immer noch, er sei, äh, „links“.

    Ich denke allerdings, dass er besser zur „Alternative für Deutschland“ passen würde als zur FDP. Da kann er sich dann z. B. mit dem Vorsitzenden Herrn Prof. Lucke für eine bessere Besoldung von Universitätsprofessoren einsetzen – also jetzt nur zum Beispiel.

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  3. Was die Herren Sloterdijk/Precht/Welzer wählen oder nicht wählen ist mir herzlich egal. Aber wenn ich mich in meinem unmittelbaren Umfeld umschaue, muss ich feststellen, dass es jede Menge Leute gibt, die sich wenig oder gar nicht mit Politik oder politischen Themen befassen, viele lesen nicht einmal ein Tageszeitung, es werden keine Diskussionen mit politischem Inhalt geführt, keine Meinung mehr bekundet oder mit Argumenten untermauert. Da bin ich dann eigentlich froh, wenn diese Desinteressierten, Uninformierten und Ahnungslosen sich aus dem Wahlprozess raushalten indem sie nicht wählen gehen. Das ist nicht nur legitim, sondern auch respektvoll gegenüber denjenigen, die sich die Mühe machen sich zu informieren, sich eine Meinung zu bilden und dieser dann am Wahltag mittels eines Stimmzettels Ausdruck verleihen.

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  4. @Dennis Schütze: So kann man’s natürlich auch sehen 🙂 Das löst aber nicht das Problem der Demokratie (d. h., Legitimation der Macht durch Volksherrschaft). Letztlich ist dein Gedankengang elitär („Lass den dummen Plebs doch herumkonsumieren bzw. herumhartzen – wir Klugen, Gebildeten und Aktiven werden das Kind schon schaukeln!“), aber – zugegeben – tatsächlich einigermaßen verführerisch.

    Ich habe aber das dumpfe Gefühl, dass er in the long run zu einem Gemeinwesen führen würde, in dem ich dann vielleicht doch nicht leben möchte: Hier die winzige Macht-, bzw. Wissenselite, dort die Masse der unablässig konsumierenden bzw. „psycho-analysierenden“ (vgl. Wallace im Interview) infantilen bzw. sich freiwillig infantilisierenden Massen. Die Basis eines solchen Gebildes wäre ja die gegenseitige Verachtung beider Bevölkerungsteile.

    Ob sich auf Verachtung (ein Marxist würde es vielleicht „Klassengegensatz“ nennen) allerdings ein tragfähiges Staatswesen aufbauen lässt, erscheint mir fraglich.

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