Kopfkino

Normalerweise gibt’s hier nix zu (fiktionalen) Kinofilmen, aber der Besuch von Ridley Scotts „The Counselor“ lässt mich nun doch nicht ruhen – ein paar Sätze sind genehmigt, oder?

Der Film spielt im immer wieder gruseligen, mittlerweile aber sattsam bekannten Milieu der pan-amerikanischen Betäubungsmittelindustrie (ich sage jetzt bewusst nicht „Drogenhandel“, das klingt zu sehr nach Tante Emmas Laden), d. h., alle Beteiligten verhalten sich wie Manager: rational, vorausschauend, berechnend – und immer gerade soweit auf den eigenen Vorteil bedacht, dass es nicht zu sehr auffällt. Systemisch begrenzten Egoismus könnte man das nennen.

Das Einzige, was Scotts Arbeit von einer Wall-Street-Schmonzette unterscheidet, ist etwas, was ich, jetzt mal nur halbironisch, „Tötungskolorit“ nennen möchte. In diesem Fall ist man auf Enthauptungen spezialisiert.

Ein Großteil des Mainstream-Kinos sowie ein Gutteil der TV-Krimis beschränkt seine kreativen Anstrengungen ja mittlerweile auf ebenjenes Tötungskolorit. Es ist scheinbar das, was einen Film heutzutage unverwechselbar macht, sein Fingerabdruck (merkwürdig, dass das so selten thematisiert wird). Es sind denn auch Bilder tatsächlich erfindungsreicher Tötungsmethoden, die mir von „The Counselor“ im Gedächtnis bleiben. Der Rest (Dramaturgie, Drehorte, Schauspielerführung) ist eher Routine, Handwerk etc.

Die Dialoge des hochgelobten Großschriftstellers Cormack McCarthy kommen recht dysfunktional daher: sie stauen die Handlung, ohne irgendeinen Erkenntnisgewinn zu liefern und lassen sich in den Sätzen „Dein Leben ist das, was du daraus machst.“ sowie „Eigentlich geht’s ja immer nur um’s Ficken.“ erschöpfend zusammenfassen.

„The Counselor“ kommt ohne Moral und Emotionen aus, stattdessen lässt das Drehbuch seine Pappkameraden  pausenlos darüber, äh, reflektieren (Cameron Diaz, die eine Soziopathin spielt, hat hier mein besonderes Mitgefühl!). Außer der Penelope-Cruz-Figur sind alle skrupellos und gefühlstot, ohne wirklich darunter zu leiden. Ein leichter, aber permanenter Phantomschmerz kommt aber durch (vor allem bei der Javier-Bardem-Figur), doch entspannenden Zynismus sucht man vergebens. Die Cruz-Figur wird als naives Opfer dargestellt, welches am Ende für einen Snuff-Film enthauptet und vergewaltigt wird (in dieser Reihenfolge). Natürlich werden uns Details nicht erspart: Der Auftraggeber des Snuffs, so erzählt uns die Brad-Pitt-Figur amüsiert, führe die Vergewaltigung des ausblutenden Torsos, selbstverständlich maskiert, höchstpersönlich vor der Kamera durch. Weiterhin erfahren wir, dass der, äh, Sex nur befriedigend für diesen sei, wenn er ihn unmittelbar nach der Enthauptung durchführe, solange eben noch Leben im Torso sei. Weiterhin spiele selbstverständlich die körperliche Attraktivität und der soziale Status des Opfers eine genussfördernde Rolle etc.

Ok. Is gut. Ich hab’s verstanden. – – Was hat die Kinokarte noch mal gekostet? – – – Unverschämtheit!

Jaja, ich weiß, Perversionen lassen sich natürlich immer auch „gesellschaftlich“ deuten.

Geschenkt.

Denn darum geht es in „The Counselor“ nicht. Ich vermute eher, Ridley Scott wollte Quentin Tarantino zeigen, was eine Harke ist. Er hat sich aber dabei aber mit dieser, wohl unbeabsichtigt, selbst verletzt und schließlich sogar, auf eine sehr spezielle Art, quasi selbst enthauptet.

Kopfkino

2 Gedanken zu “Kopfkino

  1. Hatte mir von Film & Autor auch wesentlich mehr erhofft, musste allerdings bereits im Kino etliche Male gähnen und habe mehrmals auf die Uhr geschaut, obwohl’s gar nicht spät war. Die Story war für mich undurchsichtig und das ganze Geschehen ab irgendwann dann auch sinnlos. Die erwähnten endlosen, pseudo-philosophischen Dialoge waren da leider nicht hilfreich. Es kam immer noch einer und noch einer und noch einer und dazwischen ein paar martialische Morde, naja.

    Bei der ähnlich gelagerten Thematik ist Steven Soderberghs „Traffic“ (2000) viel facettenreicher und meilenweit vorn dran.

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  2. Gerhard schreibt:

    Ich habe mir in letzter Zeit angewöhnt, mir ab und an vorher den Trailer anzusehen. Das gelingt mir zwar nicht immer, aber dadurch bin ich auch schon von so manchem verschont worden.
    Martialische Gewalt ist eh nicht meins, auch wenn sie dramaturgisch oder sonstwie Berechtigung haben könnte, wie etwa im Film „Ein kurzer Film über das Töten“ von Kieslowski.
    Ich bin der Meinung, Verrohtsein und emotionale Armut kann man wunderbar ganz ohne physische Gewalt darstellen. Dazu gibt es ja genügend Mittel.

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