Statements zur Improvisierten Musik (2009)

Sehr dichter Interviewfilm, den man sich vielleicht nicht gerade am Stück ansehen sollte – zu gehaltvoll sind die diversen Statements der diversen Improv-PraktikerInnen. Zu Wort kommen britische Urväter der 1970er Jahre (Keith Rowe, Eddie Prévost, Evan Parker, John Tilbury, John Butcher) sowie deren weitaus jüngere österreichische (Christian Fennesz, Werner Dafeldecker, Michael Moser) sowie japanische (Otomo Yoshihide, Toshimaru Nakamura, Sachiko M) Adepten.

Rowe sagt, ganz bündig und gar nicht arrogant, bisher (2009) habe er noch keinen Text gelesen, der der Erfahrung des improvisierenden Musikers auch nur ansatzweise Ausdruck verliehen hätte. Dem kann ich – als Musiker wie als Publizist – nur zustimmen. Bemerkenswert erscheint mir, dass keiner der Interviewten auch nur ansatzweise Erklärungen für den flow der (meist kollektiven) musikalischen Improvisation hat. Nur der Begriff „mysterious“ taucht  gelegentlich auf, wird aber eher achselzuckend verwendet.

Eine „Theorie der Improvisierten Musik“ scheint also auch 6 Jahrzehnte nach ihrer Entstehung nicht in Sicht. Es kann aber auch sein, dass es sie schon gibt und ich sie nur nicht kenne. In diesem Fall, liebes Internet, benachrichtige mich bitte.

Ad-hoc-Hypothese: Vielleicht ist musikalische Improvisation so eng mit der menschlichen Kognition verbunden, dass (noch) keine allgemeingültige nicht-esoterische Beschreibungssprache dafür existiert. Schließlich gibt es ja auch noch keine allgemeingültige nicht-esoterische Beschreibungssprache für die menschliche Kognition. Am Weitesten in diese Richtung ist Oswald Wiener in seinen Bemerkungen zur Künstlichen Intelligenz vorgestoßen, und auch Dirk Baecker sagt gelegentlich, Free Jazz sei ja für ihn ein „Paradigma“ für angewandte Systemtheorie. Beide Ansätze kranken jedoch an ihrer, äh, „Mathematizität“, d. h., letztlich werden formale Sprachen (Algorithmen, Kalküle etc.) aufgeboten, um Phänomene dingfest zu machen, die für ein menschliches Subjekt weder besonders kompliziert noch besonders selten sind. In gewisser Weise ist das wohl unvermeidlich, wenn man präzise bleiben und Grundlagen für ein Modell liefern möchte. Denn Modelle bestehen nun mal nicht aus Alltagssprache, sondern aus Materie (in diesem Fall evtl. eher aus Software – aber da kommen wir gleich wieder in die Bredouille, denn mir konnte noch niemand erklären, ob Software denn nun Materie oder Geist ist.)

Ein weiteres Faszinosum ist die – zeitlich parallele – Entwicklung der Komponierten Musik aka „Neue Musik“ aka „Avantgarde“ (Ich spreche hier von der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts). Wenn man mal alle Fünfe grade sein lässt, kommt man nicht umhin, zuzugestehen, dass deren Output dem der Improvisierten Musik zumindest nicht so ganz unähnlich ist. Sie klingt nur – wie gesagt, ich versuche mich hier an einer so allgemein wie möglich gehaltenen Charakterisierung – meist, äh, steifer, „gesetzter“, ausgedachter, künstlicher, aber oft eben auch dichter, durchdachter, „fertiger“, „gültiger“. Auf den Punkt gebracht: Schwache Improvisierte Musik neigt zur (angestrengt-uninspirierten, irgendwie immer ein bisschen infantil-dilettantischen) Zusammenhanglosigkeit, schlechte Komponierte Musik zur (leicht durchschaubaren und deshalb schnell langweilenden) Ausgedachtheit. Starke Beispiele beider, äh, Genres – oder sagt man besser „Methoden“? – dagegen sind weniger gut zu unterscheiden bzw. haben ganz ähnliche Qualitäten: Sie klingen „logisch“, „inspiriert“, „zwingend“, „schlüssig“ etc. – was immer diese Begriffe in diesem Zusammenhang bezeichnen mögen – Wittgenstein, übernehmen Sie!

Was heißt das aber nun für die Kunstmusik als solche, wenn derart diametrale Methoden ihrer Generierung – hier ein nonchalantes, rein (?) intuitives  ad hoc, dort akribische, rein (?) intellektuelle Anstrengung – in der Spitze so ähnliche, wenn auch freilich nicht austauschbare, Texturen hervorbringen?

Wer mir das schlüssig erklären kann, bekommt eine Tafel Ritter Sport, versprochen. Die Geschmacksrichtung kann sie/er sich natürlich aussuchen.

Statements zur Improvisierten Musik (2009)

17 Gedanken zu “Statements zur Improvisierten Musik (2009)

  1. Erich Hermann schreibt:

    Ich finde ja eigentlich, dass es genau umgekehrt ist: Schlechte Stücke beider Genres unterscheiden sich nicht so sehr wie gute. Aber vielleicht denken wir an vollkommen unterschiedliche Stücke? Beispiele?

    Gefällt mir

  2. Ach, Beispiele führen hier nicht weiter, denke ich, denn im Detail kann man sich geschmacklich ja immer verfransen. Worauf ich hinweisen möchte, ist eher die Tatsache, dass es wohl ein Qualitätsempfinden gibt, welches ganz unabhängig von der Methode ist, mit der die Klänge, äh, „gemacht“ wurden. Ab einem bestimmten Niveau des Mitgerissenseins tritt die Machart in den Hintergrund, nicht? Bleibt das Faszinosum, dass, jetzt mal ganz leger und evtl. auch ein wenig missverständlich formuliert, theorieloses Vor-Sich-Hindengeln brillanter Improv-Musiker im Idealfall ad hoc ähnliche ästhetische Qualität zu erzeugen vermag wie die z. T. jahrelange konzentrierte Schreibtischarbeit eines brillanten Komponisten. Ein doch recht kontraintuitives Phänomen, das mir noch niemand schlüssig erklären konnte. Warum das (bis jetzt) so ist, dafür habe ich in meinem obenstehenden Artikel nach einer Erklärung gesucht. Ich bin davon überzeugt, dass man Kreativität als solche ein Stück besser verstünde, könnte man diese Erklärung, bzw. ein halbwegs nachvollziehbares Theoriemodell (das sich auch irgendwie in Alltagssprache übersetzen lassen können sollte bitteschön!) formulieren.

    Gefällt mir

  3. Gerhard schreibt:

    Im Schach gibt es ein ähnliches Phänomen. Capablanca galt als ein Spieler, der rein intutiv seine Entscheidungen traf, zumindest weitgehend. Er hatte das Spiel Schach so tief verstanden, er war Schach sozusagen,,daß er nur selten rechnen musste. Dagegen gab es und gibt es Spieler, die zwar ein gerütteltes Maß an Intuition besitzen (ohne das geht es nicht), die aber stetig verifizieren müssen, was sie durch Anschauung finden – oder die grundsätzlich rechnen,also Varianten abklappern und deren Ergebnisse gegeneinanderhalten.
    Auf Musik bezogen ist es wohl so, daß der gute Improvisateur „Musik ist“, d.h. er wird ad hoc etwas Vorzeigbares produzieren können. Kommen mehrere zusammen,die die Klaviatur beherrschen, dann wird etwas Stimmiges herauskommen. Der Produzent, der sich vielleicht ein, zwei Jahre an einem Album abquält (so etwas gibt es ja), der begibt sich durch sein Komponieren in eine Zwiesprache nur mit sich selbst und kann sich leicht in den Elementen seiner Musik versteigen. Arbeiten mehrere Leute an einem Album, dann sehe ich das so,daß der Kompositionsakt.sozusagen im Schneckentempo abläuft und dadurch womöglich an Frische verliert.
    Beim Zeichnen sind 3-Minuten-Zeichnungen manchmal frischer, stärker, kraftvoller und anhaltend wirkungsvoll, dagegen ausgearbeitete, „kontrollierte“ Zeichnungen des öfterenl öde und steril.Zwar technisch perfekt, aber es fehlt der Funke.

    Vielleicht war das alles nicht zweckvoll oder „abführend“, dann bitte löschen.
    Falls irgendwie doch brauchbar, dann bitte eine Ritter Sport mit Senf-Geschmack!

    Gefällt mir

  4. @Gerhard: Herzlichen Dank für deine Ausführungen, aber ich denke, die Ritter Sport bleibt doch vorerst hier. Warum? Nun, du beschreibst zwar sehr treffend zwei „kognitive Stile“ bei Schachspielern, aber das war ja gar nicht meine Frage. In deinem Beispiel geht es um heterogene Lösungen desselben Problems: Schach ist komplett durch sein Regelwerk definiert, alle Schach-Fragen sind „Wie?“-Fragen – beim Musikmachen geht es aber primär um das „Was?“ (aus dem sich dann die „Wie?“-Fragen abzuleiten haben). Das heißt nicht, dass Schachspieler keine Kreativität benötigen, um Erfolg zu haben – und für menschliche Computer halte ich sie auch nicht – doch dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben, dass die stärksten Schachspieler seit einigen Jahren keine Menschen mehr sind, sondern Software (die – verblüffenderweise – von Menschen programmiert wurde, die selber ganz sicher nicht besser Schach spielen können als die Großmeister, die sich ihrer Software schließlich geschlagen geben mussten). Die „Schach-Kreativität“ scheint also bereits heute in einer Weise formalisierbar (und damit „externalisierbar“) zu sein, dass Maschinen gebaut werden können, deren Leistung ins Trans-, bzw. Post-Humane weist. Oder, schlicht, gesagt: Kein Mensch kann sie mehr schlagen.

    Mich interessiert folgende Fragestellung (die ich im Wesentlichen der Lektüre von Texten Oswald Wieners verdanke): Angenommen, der Mensch wäre ein finiter Automat, dessen Regeln aber von einer Komplexität sind, die wir noch nicht verstanden haben (wir können ihn also noch nicht „nachbauen“), welches sind dann die ergiebigsten Methoden, um Einsicht in dieses „mysteriöse“ (siehe Artikel oben) Regelwerk zu gewinnen?

    Ich möchte eben gerade nicht „intuitive“ und „kalkulierende“ kognitive Stile gegeneinander abwägen bzw. ausspielen, wie du es in deinem Kommentar ansatzweise (und völlig korrekt) tust – das scheint mir eine Diskussion des vergangenen Jahrhunderts zu sein, in der sich zwei Fraktionen ebenso rechthaberisch wie unversöhnlich gegenüberstanden. Es geht aber auch nicht darum, diese Parteien zu, äh, „versöhnen“. Vielmehr sollte man – jetzt wieder zurück zur Musik – sich die jeweils ästhetisch gelungensten Beispiele Improvisierter und Komponierter Musik ansehen und – das wäre übrigens eine Aufgabe für eine Musikwissenschaft, die meinen Respekt verdiente! – dann aus ihren Texturen allgemeinverbindliche (und am besten auch -verständliche) Regeln extrapolieren. Der Nutzen dieser Regeln wäre ein mehrfacher:

    1. Es gäbe einen neuen, objektivierbaren Kriterienkatalog für die Musikkritik (jenseits von „Geschmack“ – der aber trotzdem unverzichtbar bleibt, wohlgemerkt!).

    2. Es ließen sich (bessere) finite Automaten konstruieren, die Teilaspekte dessen, was man bisher als „menschliche Kreativität“ bezeichnet, simulieren könnte (was viele Menschen kaum als „Nutzen“, sondern – seufz – als „Untergang der Menschheit“ empfinden würden, ich aber schon.).

    @Erich Hermann: Ok, jetzt doch ein paar Musikbeispiele: Komponierte Musik: „Le Sacre du Printemps“ von Igor Strawinski, Improvisierte Musik: „Silent Tongues“ von Cecil Taylor – aber, wie bereits angedeutet, auf eine Detail-Debatte, welches Stück dem anderen „objektiv“ über-, bzw. unterlegen sei, werde ich mich nicht einlassen, denn das Interessante scheint mir hier nicht im Detail zu liegen (über das sich unendlich lange ergebnislos diskutieren lässt), sondern im kognitiven Stil der Musiker Strawinski bzw. Taylor.

    Gefällt mir

  5. Dennis Schütze schreibt:

    @Gerhard: Danke für den Vergleich mit dem Schachspiel. Finde ich sehr interessant, nur hat man beim Ersinnen von Musik keinen Gegner und es geht auch nicht darum zu gewinnen. Trotzdem finde ich bemerkenswert, dass im Spiel zwischen zwei Menschen neben logischen und kombinatorischen Fähigkeiten eben auch Intuition, Erfahrung, subjektives Gefühl anscheinend eine große Rolle spielen. Ich spiele gerne Schach, aber nie mit einem Computer, ist mir zu seelenlos.

    @Stefan: Dass du die Theorie, die du suchst, noch nicht gefunden hast, könnte ein deutlicher Hinweis darauf sein, dass es sie nicht gibt und das erschiene mir auch folgerichtig. Wie sollten auch objektive und allgemeingültige Regeln für das Erschaffen von Musik oder anderer Kunst gefunden werden und vor allem auch wieso? Selbst wenn man den Geltungsbereich solcher Regeln auf eine bestimmte Zeit, eine Region, einen Stil begrenzen würde, wäre es schwierig bis unmöglich, meist bleibt es bei der Beobachtung von sog. Stilmerkmalen. Selbst einzelne Künstler arbeiten in verschieden unter Umständen nahe beieinander liegenden oder sogar sich überscheidenden Phasen mit unterschiedlichen Regeln, Mitteln, Ansätzen, Konzepten etc. Und genau das ist es doch was interessierte Beobachter von Musik und Kunst erwarten nämlich den individuellen Ausdruck. Sie wollen subjektiv angesprochen werden, die Musik/ das Kunstwerk muss für sie eine Bedeutung haben, sollte sie am besten auf der Gefühlsebene erreichen. Und weil es soviel verschiedene Geschmäcker und Vorlieben wie Menschen gibt, ist es doch wunderbar, wenn es ganz, ganz viele Ansätze gibt, da braucht es doch kein allgemeingültiges Regelwerk, was dabei rauskommt kann man bei Interesse in der Musikgeschichte problemlos recherchieren, war meistens nicht so dolle. Gerade in unserer durchkommerzialisierten Welt brauchen wir bestimmt keine weitere Kon- oder Uniformität. Als Musikwissenschaftler meine ich: Musik ist keine Wissenschaft. Das ist ja das Schöne daran.

    Ich lese zwischen deinen Zeilen die Sehnsucht danach als Komponist mit klaren Regeln die Reaktionen und Gefühle der Hörer bewusst steuern und kontrollieren zu können. Ich halte das überhaupt nicht für erstrebenswert. Und Gott sei Dank funktioniert es ja auch weitestgehend nicht, weil Menschen eben doch immer zum großen Teil noch unvorhersehbare Gefühlswesen sind und zwar im Guten wie im Schlechten.

    Gefällt mir

  6. Gerhard schreibt:

    Es liessen sich bestimmt Programme schreiben, die Musikstücke, ob improvisiert oder komponiert, auf ihre Qualität hin untersuchen können, wenn von Menschen vorher Bewertungen der Stücke nach bestimmten Kriterien abgegeben werden. Sukzessive könnten solche Programme verfeinert werden, bis sie ein vernünftiges und tragfähiges Ergebnis auswerfen. Das würde sich beitragen zum Verständnis, was die gemeinsamen Faktoren sind.
    Vermutlich gibt es ja schon solche Programme?!

    Gefällt mir

  7. Erich Hermann schreibt:

    @Stefan:
    Ah ja, wir meinen also doch eigentlich das Gleiche (ich bin nach der desaströsen „Diskussion“ im Bad Blog die letzten Tage ein gebranntes Kind, was Missverstehen angeht).
    Der Schachvergleich ist vielleicht doch insofern erhellend, als er (wie du ja auch schon ausgeführt hast) auf den grundsätzlichen Unterschied zwischen einer zweckgerichteten und einer zwecklosen Tätigkeit hinweist. Regeln oder ihre Ableitung machen nach meiner Auffassung nur Sinn im Zusammenhang mit einem gerichteten Zweck. Natürlich kann man musikalische Regeln aus Stücken ableiten, zum Beispiel, um eine Bachfuge imititeren zu können. Oder ein Stück im Sacre-Stil. Aber, und deshalb finde ich Analysen von Musikwissenschaftlern häufig so uninteressant, weil sie diesen Aspekt meist unterschlagen, wirklich wichtig wird es immer da, wo eine gewisse Regellosigkeit herrscht. Nicht zu verwechseln mit Beliebigkeit oder Willkürlichkeit. Sondern eher das gezielte Ansteuern eines Grenzbereiches, an dem das ganze Gefüge unheimlich wackelig wird (das hört sich jetzt unheimlich groß an, kann aber schon im Kleinen geschehen, im Sacre zum Beispiel durch diese hohe Fagottmelodie gleich zu Beginn, die sofort und ohne Umschweife den ganzen archaischen und dabei doch synthetischen (positiv gemeinten) Charakter des Sacre grundiert). Das soll keine Remystifizierung der „Inspiration“ sein, sondern zielt eigentlich auf etwas ganz anderes ab: Zunächstmal ist das Entstehen eines kognitiven Bewusstseins und mithin die Entstehung eines Selbst eng, also untrennbar, mit der Tatsache verbunden, dass wir einen Körper haben und diesen kognitiv repräsentieren (alien-hand-Phänomen u.ä.). Im Umkehrschluss hieße das, dass es wenig Sinn hat, ein nackiges Gehirn nachzubauen, das keinen Körper hat. Baute man aber ein Gehirn samt Körper nach, hätte man ja auch bloß wieder einen Menschen, der erstmal lernen müßte, sich selbst zu repräsentieren. Wieder wäre man aus dem Aufbau des Bewußtseinssystems ausgeschlossen, wieder würde er in einer Black Box stattfinden, über das der Betroffene, auch wenn er jetzt auf Silizium-Basis statt auf Kohlenstoffbasis denken würde, keine wissenschaftlich nutzbare Auskunft geben könnte. Da wir (oder du) aber Regeln für kreative Prozesse ableiten wollen und diese Prozesse nach allem, was derzeit die Forschung so hergibt, ziemlich ganzheitlich sind (sowohl, was die Verwertung der Sinnesdaten, als auch die Einbeziehung von unterbewußten, also dem Fokus unserer Aufmerksamkeit (=unseres Bewußtseins) entzogenen, Vorgängen, angeht), müßten wir schon einen kompletten Menschen nachbauen und könnten nicht irgendwelche „Teilbereiche“ der Kreativität extrahieren.
    Das heißt also, dass eigentlich nicht die Komplexität der „Maschine Mensch“ einem solchen Vorhaben im Wege steht, sondern vielmehr der unumkehrbare zeitliche Verlauf der Bewußtseinsbildung. Selbst wenn es gelänge, das Bewußtsein von Strawinsky zum Zeitpunkt des Beginns der Komposition des Sacre bis in die kleinste Verästelung des Unterbewußtseins genau nachzubauen, würde dieser Strawinsky 2 ab dem Zeitpunkt seiner „Geburt“ vollkommen andere Erfahrungen machen als der erste Strawinsky und wahrscheinlich auch vollkommen andere Gedanken haben und damit auch ein total anderes Stück Musik machen. Vielleicht würde er in einem Moment der Mutlosigkeit denken, dass der Fagottist die Melodie bei der Uraufführung ja doch nur versaut und würde sie für Oboe instrumentieren. Und schon würde die Kette der Entscheidungen ihren Lauf nehmen, bis am Ende vielleicht ein Stück herauskäme, das strukturell dem Sacre ähnlich wäre, aber nichts von seiner Durchschlagskraft hätte. Nochmal zurück zu deiner Frage: Ich glaube, dass die Stücke beider Genres, die das Etikett Kunstwerk verdienen, letztendlich Produkte des Kairos sind, und damit in der ästhetischen Erfahrung, die sie hervorrufen, nicht so weit auseinanderliegen. Beim Komponieren kann man den Glücklichen Moment leicht verpassen, wenn man sich mit Ideologien umgibt, beim Improvisieren ebenso leicht, wenn man sich vollkommen entgrenzt. Regelhaftigkeit mit einem Schuss Irregularität. Leider ist das kein Rezept, weil bei letzterem völlig unklar ist, wieviel davon und vor allem wann man es reinschütten soll.
    Watt is‘ nu‘ mit der Schokolade?

    Gefällt mir

  8. @Dennis: Nee, es geht mir nicht um eine „Regelpoetik“ bzw. „Affektenlehre“ für’s Musikmachen, umgekehrt wird ein Schuh draus: Was kann man durch die analytische Beobachtung von Musik über die menschliche Kognition lernen, das ist meine Frage. Es geht um Musik (bzw. Kunst im Allgemeinen) als Erkenntnisinstrument.

    Gefällt mir

  9. Gerhard schreibt:

    @Stefan, nochmal zu Deinem Passus:
    „Angenommen, der Mensch wäre ein finiter Automat, dessen Regeln aber von einer Komplexität sind, die wir noch nicht verstanden haben (wir können ihn also noch nicht “nachbauen”), welches sind dann die ergiebigsten Methoden, um Einsicht in dieses “mysteriöse” (siehe Artikel oben) Regelwerk zu gewinnen?“

    Die Frage ist, ob jede „Regung“ Ausdruck einer Schaltung aufgrund eines irrsinnig komplizierten Regelwerks sein muß oder auch weitgehend zufälliger Natur sein kann? Wenn eine Reaktion letztlich „quantentheorietypisch“ erfolgen kann, dann wäre es natürlich interessant, wann und wo das Zufallsprinzip greift.
    Weißt Du hierzu was?

    Gefällt mir

  10. Gerhard schreibt:

    Manchmal ist es auch schon viel wert, seine Fragen ausbreiten zu können, auch wenn man keinen Antworten erwarten kann und darf.

    Gefällt mir

  11. @Erich Hermann: Ganz lieben Dank für deine ausführlichen Einlassungen! Also, wenn du „Kairos“ weggelassen hättest, hätte ich mir das mit der Schokolade wirklich überlegt. Aber so…😉 „Kairos“ ist exakt einer dieser esoterischen Begriffe, den ich aus meinen Gedanken raushalten will. Wohlgemerkt: Im Alltag bin ich oft selber „esoterisch“, d. h., ich verwende unscharf definierte Begriffe, um zu schnellen, „schmutzigen“ Lösungen zu kommen. Beim Theoretisieren versuche ich, dieser Neigung nicht nachzugeben, ganz einfach, weil Esoterik bzw. Religion früher oder später das Denken zwangsläufig „zur Ruhe bringt“. Dafür ist sie da und das ist auch völlig in Ordnung so, sonst würden wir alle einen frühen Erschöpfungstod sterben.

    Die historische Künstlerpersönlichkeit steht nicht im Zentrum meines Interesses (sie mag faszinierend sein oder auch enttäuschend langweilig). Es geht mir ausschließlich um objektivierbare Kriterien heuristischer Qualität von Kunst (hier: Kunstmusik). Diese Kriterien haben weder den Zweck, „künstliche Künstler“ zu züchten, noch komponierende Expertensysteme zu programmieren. Es geht lediglich darum, sie so allgemeinverständlich wie möglich zu formulieren und dann der geneigten Allgemeinheit kostenlos zur Verfügung zu stellen. KünstlerInnen könnten diese Kriterien (die selber eben gerade nicht Kunst sein dürfen, sondern „nur“ schnöde, nüchterne, falsifizierbare Theorie) dann rezipieren, verinnerlichen (oder ablehnen) – und, so meine idealistische Vorstellung, ihr Schaffen damit bereichern und auf ein höheres Niveau heben.

    Dahinter steckt der Gedanke, dass alles, was sich formalisieren lässt (vgl. „Regelpoetik“, Tonsatz, Harmonielehre, Algorithmen etc.), früher oder später nur noch Kunsthandwerk hervorbringen kann – wenn es denn konventionell angewandt wird. Der tiefere Grund, warum das ästhetische Schaffen der Gegenwart oft nicht „auf der Höhe der Zeit“ ist, scheint mir exakt das Fehlen einer Kunsttheorie zu sein, die, frei nach Wittgenstein, „alles, was sich sagen lässt, klar und deutlich sagt“. „Kunst“ definierte sich dann ex negativo als das ästhetische Phänomen, welches sich anhand dieser Theorie eben gerade (noch) nicht verstehen lässt.

    Nun – nur, damit das klar ist und du mich jetzt nicht für größenwahnsinnig hältst – ich denke nicht, dass ich das intellektuelle Format habe, selber ganz alleine eine solche Theorie zu formulieren. Aber das Bedürfnis nach einer solchen darf ich doch bitte artikulieren, oder?

    Gefällt mir

  12. @Gerhard: Ich habe in den 1990er Jahren einige Jahre lang algorithmisch „komponiert“ – auf einer sehr basalen Ebene: Ich habe den Quelltext selber in der Programmiersprache BASIC geschrieben, Zeichen für Zeichen (Nerd-Info: Omikron-BASIC auf einem Atari ST). Die, äh, „Musik“ wurde dann über MIDI-Befehl an einen Sampler ausgegeben. Die Zufallsfunktion RND stand dabei stets im Mittelpunkt meiner Anstrengungen. Meine „kompositorische“ Tätigkeit bestand damals im Wesentlichen darin, diesen Zufalls-Output einzuschränken, zu formen, zu beschneiden, zu kanalisieren oder ihm eine sich in der Zeit entwickelnde Tendenz zu geben.

    Ich habe mich damals ein bisschen geschämt für die ganz offenbar „primitive“ Natur dieser Experimente. Aber, denke ich heute, vielleicht war das alles doch gar nicht so dumm. Gelernt habe ich daraus (nach längerer Zeit) Folgendes: Ab einer (gar nicht mal so hohen) Komplexität des Programms lassen sich zufällige und intentionale Tonfolgen nicht mehr eindeutig zuordnen. Das liegt, soweit mir bekannt, am Design der menschlichen Wahrnehmung, die, aus welchen Gründen auch immer, überall „Sinn“ erkennen will, auch da, wo eigentlich Zufall ist. Das hat bei mir zu einer tiefen ästhetisch-intellektuellen Verwirrung geführt, die bis heute anhält.

    Ist „Zufall“ lediglich eine Metapher für „Gott“? John Cage hätte diese Frage (vermutlich) mit „Ja“ beantwortet, Arnold Schönberg (vermutlich) mit „Nein“. Aber über diese Zeiten sind wir ja hinaus. Ich denke, weder bringt es was, cage-mäßig den Zufall anzubeten, noch, ihn als „Entropie“ bzw. Kulturverfall zu verteufeln.

    Mein ästhetisch-ethisches Kernproblem ist, dass mir die „Welt“ immer zufälliger erscheint – und das ich immer mehr „Kunst“ begegne, die, wie virtuos auch immer, diese progressive Randomisierung lediglich abzubilden scheint. Was mir anhaltendes Unbehagen bereitet. Gut, ich möchte natürlich auch keine Kunst, die mir „sagt, wo’s lang geht“, damit das mal klar ist (Gruß an Jonathan „Adolf“ Meese an dieser Stelle!). Aber bloße Parameter-Anhäufungen, angewandt auf objets trouvés, das kann es dann doch wohl auch nicht sein, oder?

    Gefällt mir

  13. Gerhard schreibt:

    Hallo Stefan, das mit der bloßen Abbildung von Randomisierung ist mir in der bildenden Kunst, in der ich doch einige Kenntnisse habe, eigentlich unbekannt. Jackson Pollock mit seinem tropfenden Farbeimer oder nach ihm abstrakte Expressionisten hatten durchaus ihren Willen „ins Geschäft“ gesteckt. Auch bei Wols als einem der wichtigsten „Informel“-Künstler findet man in seinen Bündeln einen klaren Formungswillen und nicht irgendwelche Autonomismen. Zufällige Kunst gibt es vielleicht bei dem amerikanischen Fotografen, der vor etwa 20 Jahren aus der Hüfte hunderte vollkommen unkontrollierte Aufnahmen auf der Straße machte und durchaus auf eine kleine Ansammlung beeindruckender, zufälliger Findungen dabei kam.

    Leider bin ich etwas unter Druck, deshalb diese kurze Replik aus der Hüfte.
    Gruß

    Gefällt mir

  14. Erich Hermann schreibt:

    @ Stefan:
    Mannmannmann, ist ja nicht gerade einfach, sich ein bißchen Schokolade zu verdienen …
    Aber du hast recht, mit dem Kairos habe ich mir selbst ein Bein gestellt. Ich ziehe diesen Absatz hiermit zurück. Beziehungsweise schneide ich ihn oben heraus, um ihn eventuell in einem anderen Zusammenhang nochmal reinzupasten.
    Beim Lesen deiner Antwort dachte ich zuerst, dass du eigentlich doch (trotz deiner gegenteiligen Beteuerungen) wieder nur nichts anderes willst als eine Art normative Poetik, die aber gleichzeitig geopfert werden soll, um sie zu überwinden. Ein Bauernopfer, so gesehen. Dann dachte ich aber, dass dieser erste Gedanke vielleicht etwas vorschnell war. Dann bin ich einen Schritt zurückgegangen und habe mir überlegt, dass ich vielleicht deine Frage noch nicht richtig verstanden habe (die Formulierung einer Antwort hängt ja eigentlich immer daran, die Frage erstmal richtig zu verstehen und nicht daran, die Fakten irgendwie so zurechtzukleistern, dass sie irgendeinen Sinn ergeben).
    Ich rekapituliere: Du willst dir gelungene Kunstwerke anschauen. Aus diesen gelungenen Kunstwerken willst du Regeln extrahieren. Im Übrigen ist nicht ganz klar, welcher Art diese Regeln eigentlich sein sollen. Da es ja nicht darum geht, eine „Regelpoetik“ zu entwerfen, kann es nicht um die inhärenten Regeln des Zustandekommens eines Kunstwerks gehen. Irgendwie sollen es objektivierbare Regeln der „heuristischen Qualität“ von Kunst sein. Also, ich übersetze mal: Regeln darüber, wie ein Kunstwerk Erkenntnis erzeugt (erzeugen kann). Wenn man diese objektiv nachprüfbaren, also naturwissenschaftlich handfesten Regeln in der Hand hat, kann man sie zur Grundlage einer Kunstkritik machen, das heißt, Kunstkritik wäre (endlich?) objektiv. Und man kann diese Regeln sozusagen selbst wieder in das Kunstsystem einspeisen und durch Kunstwerke verhandeln bzw. würde die Formulierung dieser Regeln neue Kunstwerke hervorbringen, die selbst nicht diese Regeln als Grundlage hätten (sonst wären sie ja durch die Regeln beschreibbar). Selbstverständlich würden diese Regeln uns etwas über das Funktionieren des menschlichen Geistes verraten, weil wir ja anhand dieser Regeln wüßten (wissen müßten), wie und wo genau Erkenntnis erzeugt wird, bzw. was Erkenntnis eigentlich ist.
    1. Deinem Gedankengang (oder vielmehr meiner Nacherzählung deines Gedankengangens, korrigiere mich) liegt eine äußerst wackelige Voraussetzung zugrunde, indem du „ästhetisch gelungene“ Kunstwerke zum Ausgangspunkt deiner Untersuchung machst. Wenn ich aber ein subjektives oder zumindest nicht im streng wissenschaftlichen Sinne objektives Urteil als Axiom hernehme, dann kann der Rest so wissenschaftlich valide sein, wie er will, er hält keiner Betrachtung stand. Dieses Manko ließe sich aber leicht beheben, indem man das „ästhetisch gelungen“ rausläßt. Man nimmt einfach die Gesamtheit der Kunstwerke, unabhängig von ihrer ästhetischen Qualität, und stellt die verschiedenen Grade der Erkenntniserzeugung fest (0-10). Und macht von da an weiter.
    2. (Zukünftige) Kunst wäre nach deiner Aussage jenes, was in dieser Theorie sich nicht erfassen lasse. Da wir aber diese Theorie aus Kunst entwickelt haben, hieße das, dass die Formulierung dieser Theorie einen Einschnitt in der Kunstgeschichte erzeugen würde. Wir hätten (Prä-)Kunst, die in dieser Theorie formulierbar wäre, da wir die Theorie ja aus dieser Kunst entwickelt haben. Und wir hätten (Post-)Kunst, die sich per definitionem nicht in dieser Theorie darstellen ließe. Es gibt aber keinen einleuchtenden Grund, warum aus dieser Neuen Kunst nicht eine ebensolche Theorie wie die vorherige entwickelt werden können sollte. Schließlich müßte die Neue Kunst ja auch irgendeine Erkenntnis generieren, sonst wäre sie keine Kunst oder blosse Dekoration und damit aber keine Kunst im echten Sinne. Da ich davon ausgehe, dass wir hier nicht von Jahrmillionen-Zeitspannen sprechen sondern bestenfalls von Dekaden, ist davon auszugehen, dass das menschliche Gehirn und damit das Funktionieren des menschlichen Geistes sich in diesem Zeitraum nicht wesentlich verändern dürfte. Das wiederum hieße, dass eigentlich die Neue Kunst bzw. ihre Theorie nicht zu grundlegend anderen Ergebnissen kommen kann als die alte Theorie. Das hieße aber, dass die Neuen Kunstwerke eigentlich denselben Regeln gehorchen müßten wie die alten. Was sie ja aber eigentlich nicht dürfen.
    Aber selbst zugegeben, es wäre eine völlig andere Theorie als die alte Theorie. Dann wiederum hätten wir zwei unterschiedliche Theorien, deren Geltungsbereich streng getrennt werden müßte. Denn die neue Theorie kann, da sie aus der Neuen Kunst entwickelt wurde, die alte Kunst nicht beschreiben. Mit dem Zeitpunkt der Formulierung der neuen Theorie hätten wir, wieder per definitionem, einen erneuten Bruch in der Kunstgeschichte und wieder den gleichen Salat mit einer Neueren Neuen Kunst usw. Wir hätten also eine ununterbrochene Folge von Theorien, die einander aber nicht ablösen könnten, sondern alle bestehen bleiben müßten, weil sie der zugrundeliegenden Kunst verhaftet blieben. Irgendwie kein wissenschaftlich befriedigendes Ergebnis.
    Ich mache mir deshalb die Mühe, deine Frage richtig zu verstehen, weil ich irgendwie spüre, dass dahinter ein wichtiger Gedanke steckt (stecken könnte?). Ich bin mir nur noch nicht ganz sicher, welcher.
    Übrigens habe ich mir jetzt schon selber ein Stück Schokolade beim Penny nebenan gekauft.

    Gefällt mir

  15. @Erich Hermann: Guten Appetit! Erneut danke für deine Auseinandersetzung, langsam kommen wir der Sache schon näher🙂

    Zu deinen Kritikpunkten:

    ad 1. Geschenkt. Natürlich ist die Gesamtheit der Kunstwerke relevant, nur, denke ich, lässt sich, äh, objektivierbare ästhetische Qualität eben an einem Van Gogh besser dingfest machen als an einer Schwarzwälder Kuckucksuhr (außer, man will partout ex negativo arbeiten).

    ad 2. „Wir hätten (Prä-)Kunst, die in dieser Theorie formulierbar wäre, da wir die Theorie ja aus dieser Kunst entwickelt haben.“ Nein, hätten wir eben nicht, denn dann wäre es ja doch wieder nur eine Regelpoetik bzw. eine Rezeptur. Die Kriterien, die ich suche und dingfest machen will, sollen eher allgemeine strukturelle (nicht stilistische) Beschreibungsmerkmale sein, mit deren Hilfe sich die bestehende Kunst im wortwörtlichen Sinn analysieren lässt (nicht, wie das ein nörgelnder Kritiker tut, sondern wie ein Wissenschaftler eine unbekannte Substanz behandelt). Gut, schwache Werke ließen sich mit dieser Methode dann vermutlich irgendwann wirklich „erschöpfend“ beschreiben, starke aber vermutlich niemals (weil mit zu vielen „Anschlüssen“ versehen). Letztlich will ich eigentlich nur sagen: Alle Artefakte, die simulierbar sind (d. h. in Abwesenheit kreativer Subjektivität formal beschreibbar), verlieren zwangsläufig ihren Status als Kunst (dies ist kein frommer Wunsch, sondern eine triste Tatsache). Der Anteil in diesem Sinn „simulierbarer“ Artefakte scheint mir seit einigen Jahrzehnten exponentiell zuzunehmen (was natürlich auch daran liegt, dass, seufz, „jeder Mensch ein Künstler ist“.). Gleichzeitig hat sich im selben Zeitraum natürlich die Simulationstechnologie (also alles, was wir „Medien“ nennen, inkl. frei verfügbarer Software) ebenso stark entwickelt. Also scheint es mir so, als ob in dieser Zeit die „hehre“ Kunst Stück für Stück ins Hintertreffen geraten ist (wäre ich ein Konservativer, würde ich von „Degeneration“ sprechen). Und das ist nun wirklich trist. – „Es gibt aber keinen einleuchtenden Grund, warum aus dieser Neuen Kunst nicht eine ebensolche Theorie wie die vorherige entwickelt werden können sollte.“ Natürlich wird das geschehen – aber eben erst dann (nach wie viel Jahren auch immer), wenn auch die formalisierbaren Anteile dieser Neuen Kunst Gemeingut geworden sind. Als die Dadaisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts „einfach mal“ Unsinn formal als Sinn aufzufassen begannen, um daraus „Kunst zu machen“, wurde dies vermutlich zunächst nur von ihnen selbst und ganz wenigen anderen formal verstanden (es gibt natürlich auch schlechten, langweiligen Dadaismus etc.). Heute basiert jedes 2. YouTube-Video auf dieser Methode, und doch kommt niemand auf die Idee, jedes 2. YouTube-Video stehe ja wohl mit der Ursonate von Kurt Schwitters ästhetisch auf einer Stufe. – „Da ich davon ausgehe, dass wir hier nicht von Jahrmillionen-Zeitspannen sprechen sondern bestenfalls von Dekaden, ist davon auszugehen, dass das menschliche Gehirn und damit das Funktionieren des menschlichen Geistes sich in diesem Zeitraum nicht wesentlich verändern dürfte.“ Was sich aber verändert, und zwar rasch, gravierend und nachhaltig, ist die Soziokultur (siehe das Dada-Beispiel oben). – „Wir hätten also eine ununterbrochene Folge von Theorien, die einander aber nicht ablösen könnten, sondern alle bestehen bleiben müßten, weil sie der zugrundeliegenden Kunst verhaftet blieben.“ Da gebe ich dir im Grunde recht. Natürlich bringt jede Epoche – wenn sie zu Ende geht – „ihre“ Theorie hervor. Diese Theorie kommt aber, will sie universell sein, nicht umhin, sich zu basalen menschlichen Gegegenheiten wie der Freude an einem attraktiven Körper, dem Ekel vor Exkrementen oder dem Bedürfnis nach Sinn zu verhalten. Nehmen wir mal die Bilder, die bei C. Gurlitt so rumlagen (Expressionismus und so): da wird bsp.weise das „Hässliche“ ästhetisch umcodiert und dadurch zum „neuen“ Schönen. So wird aber indirekt dem basalen menschlichen Schönheitsempfinden auch wieder Respekt gezollt – denn der expressionistische Künstler, wie „entartet“ er auch immer sein mag, weiß eben doch genau, was Otto Normalverbraucher als „schön“ emfpfindet, nicht?

    Gefällt mir

  16. Gerhard schreibt:

    Hallo Stefan, Du fragst nach „allgemeinen strukturellen (nicht stilistischen) Beschreibungsmerkmalen, mit deren Hilfe sich die bestehende Kunst im wortwörtlichen Sinn analysieren lässt“.

    Bevor man darangehen kann, Kunst und Merkmal zusammenzubringen, müsste man erstmal definieren, was in den Bereich „Kunst“ zu fallen hat!

    Kunst kann ja heutzutage vieles sein. Das Spektrum dessen, was unter „Kunst“ firmiert, ist weiter denn je gefasst. Das ist ja gerade das Besondere an unserer Zeit, daß Dinge „ranrücken“ und den Geschmack von „Kunst“ erwerben, den sie vorher nicht hatten.
    Die Erstbesteigung des Mont Everest z.B., würde sie heute stattfinden, könnte durchaus als Kunst „verkauft“ werden. Denn es ist eine Grenzüberschreitung. Es ist ein Statement. Es sorgt für eine Veränderung des Menschenbilds. Die Mittel der Kunsterzeugung wären auch neu: Statt der Pinsel käme der Akt an sich, das kunstgerechte und handwerklich vollkommene Tun der Ersteigung ect.
    Damals gab es kein Interesse, dies als Kunst einzuordnen. Heutzutage wäre das vermutlich ein Kanditat.
    Die Kunst hat sich sukzessive von ihren ehemaligen Merkmalen gelöst, ohne zugleich ehemalige Formen als Nichtkunst zu diffamieren. Heutzutage kann sogar ein bloßer Gedanke Kunst sein kann, wenn man ihn entspr. präsentiert.

    Was macht also Kunst heutzutage aus? Handwerklichkeit und Geschick? Ist in vielen Formen von Bedeutung, muß es aber nicht.
    Neuartigkeit? Ja, aber wie definiert man „Neues“? Abgesehen davon: Bestechen kann Kunst manchmal gerade deswegen, wenn sie etwa penetrant bestimmte Muster un-ver-ändert wiederholt und so vor Augen führt, wie ausgetreten diese Formen sind. Kunst als Eye-Opener sozusagen.
    Irritation: Das war vermutlich auch schon immer Teil der Wirkung von Kunstwerken: Wenn anstelle bestimmter vorgegebener Sujets andere (malerische) Themen aufs Tapet gebracht werden. Wenn andere gestalterische Mittel als Pinsel und Farbe zum Einsatz kommen. U.s.f.

    Ich denke, eine „Kunsttheorie“ und nach der suchst Du doch (oder?), tut sich heutzutage recht schwer.

    Gefällt mir

  17. Erich Hermann schreibt:

    @Stefan:

    Ich gebe noch nicht auf! Leider habe ich die nächsten Tage wenig Zeit. Ich werde aber darauf zurückkommen. Ich glaube ja inzwischen, dass es hier eigentlich nur noch darum gehen kann, die Frage möglichst präzise zu formulieren (womit möglicherweise schon viel gewonnen wäre). Aber wie gesagt, bis demnächst.

    Gefällt mir

Kommentieren:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s