Post-digitale Apartheid: Elois und Morlocks

Der Berliner Netztheoretiker Michael Seemann aka mspr0, dessen Treiben ich seit etlichen Monaten mit Gewinn verfolge, möchte ein Papierbuch publizieren, dessen Inhalte aber im Großen und Ganzen seit Jahr und Tag auf seinem Blog ctrl+verlust zu finden sind. Er propagiert das unter dem Slogan „Ausbruch aus der Filterbubble“, will sagen, er hofft, mit einem Print-Erzeugnis mehr und vor allem andere Leser zu erreichen als mit seinem Weblog. Damit gesteht er indirekt ein, dass das Medium Weblog weiterhin eine beschränktere Reichweite hat als das Medium Papierbuch, obwohl die Nutzung des ersteren 1. weniger kostet (nämlich nichts) und obwohl es 2. schneller verfügbar ist (via Internet nämlich).

Warum ist das eigentlich so? Ist es nicht hochgradig irrational, für die selbe Information lieber zu bezahlen, um sie als „Inhalt“ eines haptisch erfahrbaren Objekts zu „besitzen“, als sie – sofort, kostenlos – online einzuholen? Es gibt für dieses Phänomen  noch keinen Begriff („anthropische Haptik-Präferenz“? … urgh), aber ich möchte es – hier und jetzt – mal als ein wichtiges und immer wichtiger werdenderes in den Raum und zur Diskussion stellen. Es ist nämlich keineswegs nur ein medientechnisches, sondern scheint mir tief in psycho-, ja anthropologische Bereiche hineinzulappen.

Letztlich geht es um den mehr als dubiosen Begriff der „Wertigkeit“. – Das Internet (künftig: W2) ist eine immaterielle Welt, eine Welt der Ideen und ihrer teil-autonomen Operationalisierung durch Programme (vulgo Software). Die reale Welt (künftig: W1) ist eine Welt träger Materie, eine Welt individuellen Besitzes in allen Varianten (Reichtum, Armut) und der damit verbundenen archetypischen menschlichen Verhaltensweisen: Neid, Sparsamkeit, Habgier, Geiz, Protzsucht etc.

W2 unterwandert W1 nun dahingehend, dass sie, zumindest tendenziell, den Zugang zu Bildung, Wissen und Ideen von materiellem Besitz entkoppelt. Dies greift den Besitzstand der durch und in der W1 reich Gewordenen rabiat an – allerdings auf listige Art und Weise: W2 etabliert sich, im Gegensatz etwa zu den Subkulturen des 20. Jahrhunderts, ja nicht als Alternative, sondern als Fortschreibung, als Update und legitime Erneuerung und Erweiterung von W1.

Das ist sie aber ganz und gar nicht, sie entpuppt sich als etwas völlig Anderes, etwas, das niemand so richtig „auf dem Schirm hatte“: Eine lebensweltliche Alternative zur W1 unter der Prämisse einer Entkopplung von Wissen und materiellem Besitz scheint nun plötzlich möglich zu sein. Moderne und postmoderne Gesellschaften basieren aber auf dem (freilich meist unausgesprochenen bzw. uneingestandenen) Glauben, dass der Zugang zu Besitz meritokratisch (o.k., manchmal auch kleptokratisch) organisiert ist: Wer sich ein Haus bauen will, muss sich dies „verdienen“. Wer befördert wird, hat sich dies „erarbeitet“ etc. Und so existieren schlicht auch noch keine gesellschaftlichen Mechanismen bzw. Institutionen, die mit der graduellen Aushebelung dieses meritokratischen Grundprinzips der W1 durch den digital getriggerten Egalitarismus der W2 umzugehen wissen.

Die W1 versucht stattdessen alles, um das egalisierende Potential der W2 wieder einzufangen, aber es wird ihr vermutlich nie so ganz gelingen (zumindest hoffe ich das). Seemann parodiert das geradezu, wenn er seine Blog-Inhalte als Papierbuch publiziert.

Möchte man es pessimistisch sehen, wird die Digitale Revolution zu einer gesellschaftlichen Segregation führen, einer post-digitalen Apartheid: Auf der einen Seite stehen die Morlocks, also Menschen, die die Entkopplung von Wissen und materiellem Besitz verinnerlicht haben und ihr Leben entsprechend post-materialistisch führen (was freilich nicht mit Askese oder Computermönchstum zu verwechseln ist). Auf der anderen, vermutlich zahlenmäßig ungleich mächtigeren Seite, stehen die Elois, die sich dieser Entkopplung aus den verschiedensten, allerdings gut nachvollziehbaren Gründen verweigern. To name a few:

  • „Ich will was anfassen können, ich bin ein sinnliches, fühlendes Wesen.“
  • „Ich zeige meinen materiellen Besitz gerne anderen Menschen.“
  • „Vergnügen ist mir weitaus wichtiger als Wissen.“
  • „Ich hasse die virtuelle Welt, früher war alles besser, dahin will ich zurück.“

Oder auch, in der anspruchvolleren, aber auch perfideren Variante:

  • „Die Liebe zur virtuellen Welt ist einfach nur Zeichen einer Persönlichkeitsstörung / eines uneingestandenen frühkindlichen Traumas / mangelnden Realitätssinns / … . Individuen, die die virtuelle der realen Welt vorziehen, bedürfen demzufolge der Psychotherapie / der Psychoanalyse / der Resozialisierung / … . Wir naturnahen, technik-skeptischen Elois sind die Gesunden, weil wir eins mit unserem Körper sind, dem wir ja sowieso nicht entfliehen können, die Morlocks dagegen sind die ihrem Körper und damit sich selbst Entfremdeten, die Zivilisationskranken.“
morlockeloi
Die Beziehung zwischen Eloi (links) und Morlock (rechts) als „problematisch“ zu bezeichnen, wäre noch stark untertrieben: Die eine dient dem anderen als Nahrungsquelle – wenigstens im Roman „Die Zeitmaschine“ von H. G. Wells aus dem Jahr 1895, der diese Figuren etablierte. Das Foto entstammt George Pals empfehlenswerter Verfilmung des Stoffs aus dem Jahr 1960. Vergleichen sie selbst: Mit wem würden sie sich eher identifizieren?

Es wird zu immer absurderen Szenarien kommen: Artefakte und Dienstleistungen, die in der W2 eigentlich kostenlos zu haben sind, werden von Elois nur dann geschätzt bzw. überhaupt erst wahrgenommen, wenn sie a) haptisch, d. h. berührbar und b) käuflich geworden sind. Dieses Verhalten ist deshalb irritierend, weil es gegen das ökonomische Prinzip der Kosten-Nutzen-Maximierung verstößt. Für den Eloi ist ein Text in Buchform ganz ernsthaft „mehr wert“ als derselbe Text als Blogeintrag. Eine kostenlose Open-Source-Software, die funktional identisch ist mit einer sündhaft teuren Kauf-Software, ist für den Eloi „wertlos“, weil man sich die Kauf-Software leisten können muss, die Open-Source-Software aber stünde ja ganz einfach so zur Verfügung – und das geht schon mal gar nicht, das ist komplett unsexy. Oder auch: Dasselbe Musikstück ist für den Eloi auf einem haptisch erfahrbaren Tonträger ungleich „mehr wert“ als in Form einer ebenso hoch aufgelösten Audiodatei, die er kostenlos aus dem Netz saugen könnte.

Entschuldigung, aber das finde ich merkwürdig.

Noch merkwürdiger finde ich allerdings, dass ich mit diesem Empfinden bemerkenswert einsam in der Gegend herumzustehen scheine. Digital getriggerter Egalitarismus, eines der prägnantesten soziokulturellen Phänomene dieses jungen Jahrtausends, kommt – wenn überhaupt – nur komplett verkrüppelt in die massenmediale Diskussion: als „Urheberrechts-“  oder „Leistungsschutzrechtsdebatte“.

Eine leicht gekürzte Fassung dieses Artikels habe ich am 4. Januar 2014 in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

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