„Sie wissen beispielsweise, ob Sie gerade Straßenbahn fahren oder Skat spielen.“

Eben auf YouTube entdeckt: Ein gut 12-minütiger Dokumentarfilm von Ulrich Boehm über den Philosophen Niklas Luhmann (1927 – 1998) aus dem Jahr 1973. Er ist Teil einer knapp einstündigen Kompilation von Luhmann-Dokus, die von YouTube-Nutzer TheSecondPeak bereits im November 2012 dankenswerterweise zusammengestellt wurde. Bemerkenswert, dass Luhmanns Gesellschaftstheorie im Ansagetext von 1973 als zumindest mögliche Nachfolgerin des Marxismus gewertet wurde – während meiner Kölner Studienzeit um 1990 galt sie schließlich als „konservativ“.

Klasse natürlich das Zeitkolorit des Streifens: Das komplett un-glamouröse Einfamilienhaus in Bielefeld-Oerlinghausen, das sorgfältig auf dem Balkon arrangierte fünfköpfige Familienidyll mit Schäferhund (der sich übrigens mehrmals während des Interviews bellend im Hintergrund bemerkbar macht), die Baustelle vor dem Haus – all das erinnert oberflächlich an Selbstdarstellungen etwa Helmut Kohls aus derselben Zeit. Jegliche Spießigkeit verschwindet jedoch rasch und rückstandsfrei, sobald Luhmann zu sprechen beginnt. Neben seiner erwartbaren intellektuellen Brillanz wirkt er eher schüchtern und immer ein wenig gehemmt (auffällig ein gelegentliches nervöses Schlucken) – aber auch voll verstecktem, schelmischem Witz und einer gewissen Zugewandtheit. Er scheint ein Familienmensch gewesen zu sein, jemand, der Wärme, Vertrautheit und Geborgenheit durchas zu schätzen wusste (Qualitäten, die man seiner Theorie gerne abspricht). Man kann sich Niklas Luhmann sehr gut als straßenbahnfahrend bzw. skatspielend vorstellen – so abstrakt und universell seine Gedanken, so bodenständig und, äh, normal scheint der Mensch gewesen zu sein.

Warum stelle ich dieses Zeitdokument ausgerechnet hier und heute ein? Nun, von Luhmann 2014 direkt oder indirekt beeinflusst sind bsp.weise der Philosoph Harry Lehmann, der Komponist Johannes Kreidler oder der Netztheoretiker Michael Seemann. Vielleicht können ja erst jetzt, nach dem ganz allmählichen Abflauen des soziokulturellen Neo-Konservatismus bzw. Neo-Liberalismus, Luhmanns ebenso auf- wie  abklärende Gedanken so richtig wirksam werden.

„Sie wissen beispielsweise, ob Sie gerade Straßenbahn fahren oder Skat spielen.“

3 Gedanken zu “„Sie wissen beispielsweise, ob Sie gerade Straßenbahn fahren oder Skat spielen.“

  1. Volker schreibt:

    Hm, also ich wusste, dass ich, wenn ich Stefans Blog lese, mir wieder eine neue Anregung holen kann. Dieses System ist mir eines der liebsten und apropos – seit einigen Jahren war ich auf der Suche nach Luhmanns „Liebe als Passion“ und hatte es ob ihrer Vergeblichkeit wieder aus den Augen verloren – bis heute, denn Suhrkamp hat 2012 eine Neuauflage herausgebracht. Ebenso erhältlich: „Liebe – eine Übung“. Wärmsten Dank mein Freund!

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  2. Volker schreibt:

    Diese – durchaus amüsante – Mehrdeutigkeit war mir gar nicht aufgefallen😉 Im Prinzip kann man es halten wie man will, aber in diesem Zusammenhang bezog ich es mehr auf den, mir schon mehrfach widerfahrenen Umstand, dass man in Fußnoten oder anderweitig auf schon lange vergriffene Bücher hingewiesen wird. So auch hier, als ich um 2009/10 durch R.D.Prechts „Liebe – ein unordentliches Gefühl“ auf diesen Aspekt Luhmanns stieß und hungrig auf das zu diesem Zeitpunkt nicht mehr erhältliche Original war. Diesen Hunger werde ich nun bald stillen, denn nochmal warte ich nicht, bis es wieder vergriffen ist, hab’s nämlich gleich bestellt :-)…hm…gut möglich, dass ich dann nach kritischer Lektüre die eine oder andere Liebe meines Lebens in ihrer Vergeblichkeit erkenne😉
    Grandios fand ich übrigens Luhmanns Antwort auf die letzte Frage: „Die Dummen“!

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