Barrierefreier Frequenzbestandsschutz

Seit 28. März wirbt der Bayerische Musikrat, dem Thomas Goppel präsidiert,
für die Unterstützung einer Petition. Dort heißt es:

Dem Vernehmen nach gibt es konkrete Pläne des Bayerischen Rundfunks (BR), das ARD-weit einzige reine Klassik- und Jazzprogramm BR-Klassik schon Anfang 2016 von seiner angestammten UKW-Frequenz zu nehmen. Danach soll es nur noch digital über Internet und DAB verbreitet werden.

200px-BR-Klassik.svgSo so, „dem Vernehmen nach“. Wer hat’s denn vernommen? Wo? Und was eigentlich genau? – Man erfährt es nicht. Die Bezeichnung „angestammt“ soll wohl konservativ ausgerichtete potentielle Unterstützer ansprechen. Im Zusammenhang mit „Frequenz“ wirkt „angestammt“ aber unfreiwillig komisch. Die Zuweisung einer Sendefrequenz ist ein technischer Administrationsvorgang, da gibt’s keine „angestammten Rechte“. Es gibt nur Konventionen und Gewohnheiten – aber das ist etwas anderes.

Weiterhin – o Schreck, o Graus – soll das „einzige reine“ (man denkt unwillkürlich an das Reinheitsgebot beim Bierbrauen) ARD-weite Klassik- und Jazzprogamm „nur noch digital“ verbreitet werden.

Aha. „Nur noch“ digital. Und das ist dann ein Verlust – oder wie jetzt?

Die Unterzeichner haben die tiefe Sorge, dass damit einem Großteil der bisherigen Hörer und Fans dieser einzigartigen Kulturwelle die Möglichkeit genommen wird, ihr Lieblingsprogramm weiter regelmäßig und unkompliziert zu empfangen.

„Tiefe Sorge“ ist natürlich immer eine großartige Formulierung. Wie tief ist die Sorge denn genau? So tief wie, pardon, die Falten auf Herrn Goppels Stirn? – Der Absatz unterstellt weiterhin implizit, digitaler Radioempfang sei generell „unregelmäßig“ und „kompliziert“. Das ist sachlich falsch, wie jeder erfahrene Nutzer dieses Mediums weiß. Die Verfasser der Petition spekulieren also offensichtlich auf die Un-Informiertheit ihrer möglichen Unterstützer.

Zwar gehen wir davon aus, dass Internet und möglicherweise Digitalradio langfristig das analoge UKW-Radio ersetzen werden. Allerdings besitzen derzeit nur 8,8% der bayerischen Bevölkerung ein Digitalradio, während immerhin 97,3% über mindestens ein analoges UKW-Gerät verfügen.

Der erste Satz weist die PetentInnen als „im Grunde“ nicht zukunftsfeindlich aus. Logisch, da muss man sich ja dann doch irgendwie absichern. Der zweite Satz allerdings ist hinterfotzig: Es mag ja sein, dass 97,3% aller BayerInnen ein Radio haben – aber hören die auch BR-KLASSIK damit? Als ich in einer privaten E-Mail ankündigte, diese Petition nicht zu unterstützen, kam prompt die Antwort, ich würde mir ja wohl keinen Zacken aus der Krone brechen, wenn ich mich mal mit über 90% Prozent der bayerischen Bevölkerung solidarisch erklärte. Hä? Offenbar hatte die Verwirrungs-Rhetorik des Petitionstextes hier ganze Arbeit geleistet: Dort steht nämlich lediglich, dass 97,3% aller BayerInnen ein Analogradio besitzen. Bei meinem E-Mail-Partner war aber offenbar hängengeblieben, das 97,3% aller BayerInnen BR-KLASSIK hören. Diesbzgl. Untersuchungen des BR ergeben da aber ein etwas anderes Bild: BR-KLASSSIK, so die „Süddeutsche Zeitung“  auf S. 31 ihrer Ausgabe vom 3. April, habe ca. 260.000 Hörer, von denen aber ein Fünftel gar nicht in Bayern lebe, den Sender also ohnehin nicht über UKW empfange. Bleiben ca. 1,6% aller BayerInnen als BR-KLASSIK-HörerInnen übrig (zu denen ich übrigens seit Jahr und Tag ebenfalls zähle – allerdings, sorry, via Internet-Stream).

Vom generell Kulturerlebnis-geprägten und mehr inhaltlich als technisch interessierten Publikum von BR-Klassik ist nicht realistisch zu erwarten, dass es sich in naher Zukunft mit neuen digitalen Empfangsgeräten ausstatten wird.

Implizite Aussagen dieses Absatzes:

  1. Es gibt einen Gegensatz zwischen „Kulturerlebnis“ und „Technik“.
  2. Es gibt ein Publikum, das an „Inhalten“ interessiert ist, und ein anderes, welches an „Technik“ interessiert ist (was weiterhin impliziert, dass „Technik“ kein „Inhalt“ sein kann.).
  3. Die Anschaffung eines „neuen digitalen Empfangsgeräts“ (gemeint ist ein DAB-Radioempfänger, der derzeit ab ca. 40.- € zu haben ist) ist bei ersatzloser Abschaltung der UKW-Sender alternativlos und damit „unsozial“ – indem wir, die PetentInnen, uns gegen die Abschaltung aussprechen, sind wir also sozial.

Zu 1: Falsch – die Vermittlung eines Kulturerlebnisses (was immer das ist) durch ein analoges UKW-Radio ist  genauso „technisch“ wie das Empfangen eines digitalen Datenstroms. Es ist nur eine andere Technik.
Zu 2: Die Anzahl an Menschen, die die Übertragungstechnik mehr als die Sendeinhalte interessiert (Wird hier auf die Angst vor dem böhsen, asozialen nerd angespielt?), dürfte zu vernachlässigen sein.
Zu 3: Da schon heute jedes internetfähige Gerät mit Lautsprecher kostenlos alle öffentlich-rechtlichen Radiosender in brillanter Qualität empfangen kann (u. a. dafür zahlen wir GEZ-Gebühren), sind DAB-Radios schlicht optionale Nice-to-Haves. Natürlich gibt es Menschen, die weder ein digitales Radio, noch einen Computer, noch ein Smartphone besitzen. Die können BR-KLASSIK dann aber bsp.weise über Kabel oder Satellit empfangen (Süddeutsche, a.a.O.).

Wenn diese Qualität [gemeint ist die Programmqualität von BR-KLASSIK, S.H.] Bestandsschutz haben soll, brauchen wir einen barrierefreien Empfang dieses einzigartigen Programms, das Identifikationsfaktor, Lehrmittel und essentieller Bestandteil des bayerischen Musiklebens zugleich ist.

Der Begriff „Bestandsschutz“ hat einen musealen Beigeschmack und bedeutet in der realen Welt oft einfach nur, dass etwas bitte so bleiben soll, wie man es eben gewohnt ist, obwohl sich alles drumherum komplett verändert hat. Neu ist hier, dass jetzt ganz offenbar für eine UKW-Frequenz, also einen immateriellen sendetechnischen Administrationsvorgang, „Bestandsschutz“ eingefordert wird – was mir (nochmal pardon) einigermaßen bizarr vorkommt. – Und was soll bitte „barrierefrei“ in diesem Zusammenhang heißen? Wird hier die zu 50% über 70jährige Klientel (Quelle: Süddeutsche, a.a.O.) von BR-KLASSIK etwa eben mal kurz mit körperlich oder geistig Behinderten in einen Topf geworfen?

Nun, man kann das so lesen. Das wäre dann wohl ein klassisches Eigentor, Herr Goppel. So wie die Petition als Ganzes übrigens.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

Barrierefreier Frequenzbestandsschutz

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