Karl F. Gerber: „Giesing Township“ für Pianola (2004)

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Karl F. Gerber: „Giesing Township“ für Pianola (2004)

5 Gedanken zu “Karl F. Gerber: „Giesing Township“ für Pianola (2004)

  1. Alles schön und gut, aber ich werde nicht schlau daraus. Der Komponist wird (zumindest teilweise) durch Algorithmen und vorgegebene Parameter ersetzt, es wird nicht am Instrument, sondern am Computer ‚komponiert’, es wird nicht in Notenschrift oder als Aufnahme, sondern in kryptischem MIDI festgehalten. Und daraus entstehen dann Musikstücke, die selbst für ausgebildete Musiker nicht mehr spielbar sind und deswegen ohne den bereichernden Umweg über einen Interpreten direkt vom Computer als MIDI-Datei von Playerpianos abgespult werden müssen. Und das dann auch noch ohne Zuhörer in einem menschenleeren Institut für Informatik mit bescheidener und unpassender Akustik.

    Das widerspricht ungefähr allem was Musik für mich ausmacht: Ein eigener, kreativer Gedanke, Ausarbeitung am Instrument, Festhalten der Komposition in einer irgendwie sinnlichen Form, Nachvollziehbarkeit/Interpretation durch einen Instrumentalisten, eine Aufführung in einem ansprechendem Raum mit passender Akustik, ein soziokulturelles Event außen herum mit Künstler(n) und Zuhörern, danach Auseinandersetzung mit dem Gehörten, Gespräche, Diskussionen zwischen allen Beteiligten, Kritik von Presse-, und Medienvertretern, Feedback im Netz etc., weitere Interpretationen, Aufnahmen, evtl. Notendruck, ein haptisches Produkt (Vinyl, CD, von mir aus auch Download), eine Verpackung, ein Begleittext, anderweitiger medialer Einsatz der Musik in Film, Video, Tanz, Theater, Werbung. Ich vermisse die Menschlichkeit, die Leidenschaft, die Fehlbarkeit, ich brauche einfach irgendetwas Humanoides.

    Kann mir mal bitte jemand erklären was es für einen Sinn hat von Menschen unspielbare Musik von gefühllosen Automaten in einer leeren Halle ohne Zuhörer spielen zu lassen? Die Frage stelle anscheinend nicht nur ich mir, die Klickzahlen sprechen für sich.

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  2. @Dennis: Ich kann hier natürlich nicht für Karl F. Gerber sprechen, aber da ich (unter anderem) selber Pianolamusik mache, z. B. hier, hier meine Motivation für dieses Tun:

    Es tut mir einfach gut, mich mitunter von all den soziokulturellen Faktoren des Musikmachens, die du vollkommen richtigerweise aufzählst, zu befreien und quasi im soziokulturellen Vakuum zu operieren. Ich verstehe mein Tun dann (im Rahmen meiner Möglichkeiten natürlich) als (unbezahlte, private, unsubventionierte) musikalische Forschung. Und die hat dann eben ganz andere Problemstellungen als „normale“, soziokulturell in den Alltag eingebettete Musik, wie du sie beschreibst (Ich käme übrigens niemals auf die Idee, dieser Musik vorzuwerfen, sie sei zu „kommerziell“, weil sie so viele Klicks hat).

    Es ist ein Segen unserer Zeit, dass der technologische Fortschritt eben jedermann erlaubt, ohne großen finanziellen (aber – Entschuldigung für die elitäre Entgleisung – sehr wohl mit erheblichem intellektuellem) Aufwand solche Forschungen zu betreiben, wie das Karl und ich (und Klarenz Barlow z. B.) tun. Niemandem ist damit geschadet. Es werden keine öffentlichen Gelder verschwendet (zumindest bei mir nicht). Niemand wird gezwungen, diese Musik zu hören. Vielleicht verschwindet sie, ohne Spuren zu hinterlassen. Vielleicht taucht sie nach Jahrzehnten wieder auf und bereichert das kulturelle Gedächtnis. Wer weiß das schon? Wer will das heute abschließend beurteilen? Du?

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  3. Gerhard schreibt:

    Dennis, Ich sehe das nicht so kritisch.
    Ich als reiner Musikkonsument finde, daß man da zwei oder mehr Dinge in einen Topf wirft. Man sollte ja auch m.E. Musik verschiedener Genres nicht unbedingt gegeneinander aufrechnen, etwa Techno gegen Songwriting. Man kann das tun, auch angesichts des Efforts, den man in Stücke seiner Gattung legt, aber die unzähligen Musikrichtungen sind wie Schuhe, die man sich anziehen kann oder nicht.Man kann ziemlich viele davon anziehen, als Konsument.
    So finde ich, daß diese Gattung von Musik, wie hier dargestellt, durchaus seine Berechtigung hat.
    Das hier keine Zuschauer anwesend sind (nur der Klick-Mensch vor seinem PC) gehört mit zum Geschäft.
    Ich erinnere mich, um mal auf eine andere Kunstgattung abzuschweifen, daß sich Heinz Berggruen, ein Kunstsammler und –händler,im westlichen Stülerbau in Berlin eine Wohnung einrichten lies, um seine Sammlung, die ja Berlin zur Verfügung gestellt war, auch frühmorgens und nachts alleine durchstreifen zu können.

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  4. Volker schreibt:

    Mich erinnert „Giesing Township“ an „16“ von Tim Seddon (hörst Du hier: http://www.youtube.com/watch?v=Ig71fGcYk2Q), auch wenn diese Komposition für sechs Klaviere (und damit sechs Pianisten…oder einen Pianisten mit sechs Aufnahmespuren – man könnte auch sechs Pianisten an einem Instrument spielen lassen, bei 88 Tasten hätte jeder mindestens 14 für sich ;-)) einen umgekehrt vielleicht nicht sofort an Pianola-Musik denken lässt. Insoweit aber will ich mich Gerhard anschließen, dass beides seine Berechtigung hat, denn ich höre zunächst zu und entscheide, ob es mir gefällt oder nicht. Und wenn es mir gefällt, beginne ich mich zu interessieren, wie dieses Hörerlebnis „hergestellt“ wird oder wurde und da ich seinerzeit auch mit der „Autobahn“ von Kraftwerk sozialisiert wurde (eine meiner gut gehüteten schwarzen Scheiben), übt beides auf mich Faszination aus, menschliche Fehlbarkeit und der „Klang“ der Maschine.

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  5. Hallo liebe Musikfreunde,
    als Urheber des Stücks möchte ich eine über die Jahre gewonnene Erfahrung mitteilen. Ich komponieren auch rein elektronische und traditionell notierte Musik. Meine musikalische Haltung (und Fähigkeit….) ist in allen drei Sparten die gleiche (soweit das geht).
    Platz 4: Die Publikumsreaktion ist am geringsten bei der „Lautsprechermusik“; selbst wenn sie (bei mir oft) IMPROVISIERT ist (echtes live coding ).
    Danach kommt Platz 3 Disklavier, gefolgt von Platz 2 selbstgebauten (Computergesteuerten) Klangskulpturen (da gibts halt was zu sehen….).
    Platz 1: Am besten wird traditionell notierte Musik aufgenommen: man fühlt MIT dem Interpreten -der Komplexes hervorbringt- und öffnet sich der Musik.

    Bei jungen Jazz-Pianostars höre ich seit einiger Zeit loops, die garantiert von DJ-ing und Computermusik/minimal stammen und nicht von den Plantagen; bei zeitgenössichen Orchesterwerken mutet manches an, wie der Nachvollzug von elektronischer Klangsynthese (und nicht von Mahler).

    Also: die Musik entwickelt sich auf verschiednen Pfaden und jeder darf etwas anderes heraushören [gerichtsfeste Rechtfertigung nicht verlangt].
    Euer Karl

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