Der Geschmack der Anderen

Der 28-jährige us-amerikanische Komponist Marek Poliks publizierte von einigen Tagen den bemerkenswerten Artikel „New Music’s Quality Problem“ im Weblog NewMusicBox. Im Gegensatz zu Klarenz Barlow 1998 meint er, die eMusik habe kein Publikums-, sondern hauptsächlich ein Qualitätsproblem (welches Barlow freilich auch konstatiert).

Im unübersichtlichen soziokulturellen Geschiebe der letzten Jahrzehnte sei vielen AkteurInnen der Neuen Musik, die es sich leisten zu können glaubten, Petitessen wie die Postmoderne, den Neo-Konservatismus, den Neo-Liberalimus, die Globalisierung und die Digitalisierung zu ignorieren, ganz allmählich, also quasi schleichend, die Fähigkeit abhanden gekommen, die eigene ästhetische Position noch allgemeinverständlich zu kommunizieren.

Nun – und das sind jetzt meine Gedanken – hat sie keiner mehr lieb und möchte ihnen Steuergelder anvertrauen, ganz einfach, weil kaum noch jemand (von exklusivsten Zirkeln einmal abgesehen) wirklich versteht, was sie eigentlich tun. In der Soziologie nennt man sowas recht treffend „Legitimationsproblem“. Poliks:

As I see it now, the greater community I cherish [gemeint ist die „New Music Community“, S.H.] lacks any mechanism of accountability—it proliferates discourse, tirelessly circulating around the unfalsifiable idea that subjectivity somehow means incommunicability.

Ich verstehe Poliks‘ Artikel als eindringlichen, konstruktiven Weckruf an die AkteurInnen der Neue-Musik-Szene, sich ihrer soziokulturellen Verantwortlichkeit doch nun vielleicht einfach mal zu stellen – und zwar nicht in Form von Artefakten, die einmal mehr Heideggers „Sein“, Adornos „Nicht-Identisches“ oder auch Derridas „Differenz“  bzw. Luhmanns „Autopoiesis“ zum, äh: – „Thema“ haben, sondern ganz diesseitig und – vor allem – öffentlich als Bürger, Blogger, Buchautor, Journalist, Kritiker etc. Damit will ich freilich nicht sagen, das nur noch möglichst prosaisches Alltagsgeschehen den Gehalt Neuer Musik inspirieren sollte und jeder eKomponist ein mindestens sechsmonatiges Praktikum als streetworker in Berlin-Marzahn absolvieren müsste – aber eine „Nomadologie des Nicht-Identischen“, eine „Diktatur der Dekonstruktion“ und Ähnliches führen ganz sicher nicht heraus aus der unfreiwilligen (?) Selbsteinmauerung.

KomponistInnen Neuer Musik sollten eigentlich „von Haus aus“ Intellektuelle sein (Hätten sie sonst dieses anspruchsvolle Tätigkeitsfeld gewählt?): Warum nutzen sie dann diese Fähigkeit so selten, um so verständlich wie möglich zu kommunizieren, was sie eigentlich tun? Ich kenne, neben den Akteuren des Bad Blog of Musick, im Moment nur eine Handvoll deutschsprachiger KomponistInnen, die via Weblog regelmäßig ihre „Weltsicht“ (denn darum geht es hier, nicht um inzestuösen Szeneklatsch oder breitbeinige Selbstvermarktung) kommunizieren:  Johannes Kreidler und Erich S. Hermann etwa.

Doch zurück zu Poliks. Nüchtern stellt er fest, viele eKomponistInnen (und da schließe ich mich nicht aus!) seien geradezu Sklaven ihres ach so kultivierten Geschmacks. „Geschmack“ sei jedoch zugunsten von „Qualität“ zu überwinden.

Warum das denn nun um Gottes Willen, Mr. Poliks? Nun, sein Argument geht so:

Taste brings into the room all those alliances one makes with the world, the ways one forms an identity. […] I can, however, establish some critical distance between myself and my taste. […] Quality means something different, something exactly about the agency one exercises between oneself and one’s identity.

Letztlich sei die Überwindung (was nicht heißt: Leugnung!) der eigenen Geschmackspräferenzen also nichts anderes als ein emanzipatorischer Akt der Befreiung von Kontingenz, denn…

Of course, I don’t really have control over my taste—I inherit it generationally, …, culturally, from role models and archetypes, and from social and political modes of control.

Poliks weiß sehr gut, dass es keine objektivierbaren Qualitätsnormen gibt bzw. geben kann (Gruß an John Borstlap an dieser Stelle), weswegen er dankenswerterweise auch keine Regelpoetik formuliert.  Stattdessen nähert er sich dem Problem ethisch: Der qualitätsorientierte Komponist beschränkt sich eben gerade nicht darauf, sich ausschließlich am eigenen Schaffen zu berauschen, er zeichnet sich ganz im Gegensatz dazu dadurch aus, dass er sich tatsächlich ernsthaft für das interessiert, was die anderen, geschmacklich evtl. völlig andersartig ausgerichteten, KollegInnen tun.

If I tell myself, constantly, that my musical work is incredibly and unquestionably socially important, why is its content inconsequential?

… weil der Komponist hier genau das Verständnis für seine Arbeit einfordert, das er selbst für die Arbeit der anderen (oder gar die Ansprüche des Publikums) nicht aufbringen mag. Wer Subjektivität für letztlich nicht mitteilbar hält (auch nicht mit den Mitteln der Kunst), darf sich dann aber bitte auch nicht beschweren, wenn seine Elaborate niemanden wirklich interessieren.

Kurz gesagt (und das sind jetzt wieder meine, an Poliks anschließende, Gedanken), „qualitätsorientiert“ komponiert der, der in der Lage ist, die Beschränktheiten des eigenen Geschmacks zumindest zeitweise zu überwinden (nochmal: Es geht hier nicht um ein Sein-Fähnlein-nach-dem-Winde-drehen, sondern um Selbstreflexion), der wirklichen Kontakt zum Kollegen und zum Publikum aufnimmt (d. h., der sich auch mal von „Unbefugten“ was sagen lässt und das dann auch ernsthaft in seine Arbeit mit einbezieht) und, vor allem, dem klar wird, das gerade „schwierige“ Musik eine Menge Vermittlungsanstrengungen braucht, um sich nachhaltig mitteilen zu können.

Und wer wäre prädestinierter für eine solche Vermittlungsarbeit als die KomponistInnen selber? Denn dass professionelle Vermittler, also Festivalmacher, Kuratoren und Musikwissenschaftler, oft ganz ganz andere (nämlich kommerzielle, institutionelle oder publizistische) Interessen haben, dürfte klar sein.

Wehe dem, so Poliks, der dem Geschmack der Anderen jeglichen Respekt verweigert, denn…

… if I am unable to separate myself at least a little bit from the things I identify with, then I must live in some kind of agenciless misread-Foucauldian nightmare.

Die Urfassung dieses Artikels erschien am 4. Mai 2014 im Bad Blog of Musick – vielen Dank an Moritz Eggert.

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Der Geschmack der Anderen

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