Wer Spannung sucht, sucht Entspannung. Ein Rant.

„Spannend“ ist wahrscheinlich eines der am häufigsten benutzten Passepartout-Worte der letzten 20 Jahre. Wer irgendetwas Positives über Irgendetwas sagen will, aber keine genaue Vorstellung von der Art und Weise dieses positiven Eindrucks hat, sagt oft, er finde dieses „spannend“.

Warum eigentlich gerade „spannend“? Warum nicht „anregend“, „aufschlussreich“, „erhellend“ – oder aber „reißerisch“, „oberflächlich“, „effekthascherisch“?

„Spannend“ sind traditionellerweise Filme (die von Dominik Graf z. B., weniger die von Terrence Malick), Romane (die von Jakob Arjouni z. B., weniger die von David Foster Wallace) oder Sportveranstaltungen (Fußball z. B., weniger Golf), also stets ein Ereignis, dem man passiv beiwohnt.

Aber eine Beerdigung, eine Operation, eine Geburt, ein Schwätzchen unter Freunden, Sex, ein geselliges Essen, die Erschütterung durch ein Kunstwerk? – Man merkt, worauf ich hinauswill: Existenzielle Dinge sind gerade nicht spannend. Sie geschehen einfach – oder eben nicht. Natürlich können sie voller spannender Momente sein, aber im Wesentlichen sind sie durch ihren mehr oder minder singulären Ereignischarakter gekennzeichnet, der ihnen denn auch ihre Nachhaltigkeit – also etwas komplett Un-Spannendes – verleiht. Spannende Dinge dagegen überbrücken oft lediglich die Leere des Moments, den, sorry for the pathos, Orkus des Jetzt.

Für wen also spannend/langweilig die „Leitdifferenz“ (N. Luhmann) des Lebens darstellt, mag zwar „die“ Popkultur (was immer das ist) tief verstanden haben – Andy Warhol soll, wie mir ja immer und immer wieder von den verschiedensten Leuten mitgeteilt wird, so einer gewesen sein -, er muss sich aber im Klaren darüber sein, damit einem nicht unwesentlichen Teil menschlicher Erfahrungsmöglichkeiten keinen Wert zu geben.

Es geht mir in dieser Tirade gegen das Spannende nicht um eine Verfluchung der Popkultur oder gar des „westlichen Lebensstils“ à la al-Qaida oder Boko Haram bzw. des „Egoismus“, wie das div. Päpste des 20. Jahrhunderts gerne getan haben, ich möchte lediglich so klar wie möglich machen, dass Spannung als Lebenskonzept – künftig: SaL – ein paar sehr unangenehme, weitreichende und – vor allem – zutiefst inhumane Konsequenzen für das Individuum und sein Kollektiv haben kann, die aber nicht besonders oft in den Fokus selbst sog. „kritischer“ Intellektueller geraten:

  1. SaL bewirkt eine schleichende, übergriffige und unzulässige Ästhetisierung des Politischen und leistet damit – ob bewusst oder nicht, bleibt unklar – rechtspopulistischen Kräften Vorschub.
  2. SaL ist in the long run geist- und damit intellektuellenfeindlich, da wirklich brillante Einsichten nicht „geilfähig“ (ja, das ist ein Neologismus) sind.
  3. SaL bewirkt zwar eine ausdifferenzierte Kultiviertheit ihrer Akteure, will sagen, diese bersten (im besten Fall) geradezu vor gutem Geschmack in allen Bereichen des Lebens (Musik, soziale Umgangsformen, Essen, Sexualpraktiken, Kleidung, Gadgets, Karrierestrategien etc.), kümmern sich aber einen Scheiß um die zivilisatorische Hardware, auf der diese Kultiviertheit läuft (Rechtssicherheit, Meinungsfreiheit, demokratische Herrschaftsstrukturen, Gewaltenteilung, Institutionen). Letztere gilt den JüngerInnen der SaL vielmehr als eine Art naturgegebener soziokultureller Hintergrundstrahlung. –  „werch ein illtum!“ (E. Jandl)

Objektiv ironisch daran ist, dass der durchschnittliche sensation seeker seinen Aktionismus ja immer mit der Vermeidung von Unlust begründet (bzw. mit dem Willen zur Maximierung der eigenen Lust), mir aber kaum ödere Menschen begegnet sind als jene, die es immer „spannend“ haben müssen, d. h. komplett von äußerlicher Stimulation abhängig sind, um so etwas wie Lebensfreude zu empfinden.

Wer etwas als „spannend“ charakterisiert, lehnt sich innerlich zurück. Er sitzt rhetorisch sozusagen immer schon im Fernsehsessel: „Ja, das ist spannend. Das unterhält mich. Da hat sich einer was gedacht. Das ist ja gut gemacht. Das ist professionell. Da hat sich einer richtig Mühe gemacht.“ usw.

Gequirlte K…e.

Die unangenehme Beliebtheit des Eigenschaftsworts „spannend“, d. h. seine Verwendung in Bereichen des Lebens, für die es keinerlei Relevanz besitzt,  zeigt vor allem eines: Die Allgegenwart des Gegenteils des Spannenden – der Gelangweiltheit nämlich. Das möchte ich anhand dreier recht unterschiedlicher Sätze, in denen existenzielle Ereignisse als „spannend“ bezeichnet werden, demonstrieren:

  1. „Die Geburt ihres zweiten Kindes war eine spannende Angelegenheit.“
  2. „Eigentlich finde ich ja die Videos von Killerdrohnen wahnsinnig spannend.“
  3. „Ehrlich gesagt war es ja auch irgendwie spannend, mit anzusehen, wie meine Nachbarin ganz langsam an ihrem Gehirntumor zugrunde ging.“

Satz (1) ist objektiv zwar Schwachsinn, da es der Geburt egal ist, wie wir sie „finden“ – dennoch würden ihn wohl nur wenige als moralisch irgendwie anrüchig empfinden. Es gibt ja auch kontemplativ gestimmte Menschen, die sagen: „Ich finde es spannend, wie das Wasser vom Himmel fällt, wenn es regnet.“ In beiden Fällen handelt es sich um die subjektive Bewertung eines Naturvorgangs.  Im Mittelalter begriffen die Menschen Geburt und Regen als Teil des göttlichen Heilsgeschehens, im Zeitalter der Aufklärung erklärte man sie wissenschaftlich, der medialisierte Mensch ist von dieser Nüchternheit angeödet und kann Geburt und Regen nur noch als Teil eines universalisierten medialen Unterhaltungsgeschehens (scripted reality) ertragen.

Satz (2) stellt zwar eine moralische Fragwürdigkeit ersten Ranges dar (man genießt es, dabei zuzusehen, wie Roboter Menschen töten), doch wird sein Sprecher evtl. auf ein gewisses Verständnis v. a. bei jüngeren, ballerspielsozialisierten Menschen, treffen, deren Verteidigungsargument dann i. d. R. so geht: „Ja, ich weiß schon, dass das böse ist, aber ich finde halt Ballerspiele leider geil, also ist es ja nur ehrlich, wenn ich zugebe, dass mich sowas auch in der Realität antörnt, also ein bisschen zumindest.  – Ich bin nämlich kein Heuchler, Spießer, Gutmensch oder sowas. Ich bin total ehrlich und authentisch. Aber dafür wird man ja im Zeitalter der Political Correctness bestraft.“

Den Sprecher von Satz (3) würden wohl die meisten Menschen spontan als Soziopathen charakterisieren, denn menschliches Siechtum ist sicherlich vieles, aber ganz sicher nicht „spannend“. Macht man sich jedoch auch hier „total ehrlich und authentisch“ wie der Ballerspielsozialisierte aus Satz (2), sieht die Sache schon ganz anders aus: Es ist tatsächlich „spannend“, zuzusehen, wie ein Mensch stirbt, vorausgesetzt, man empfindet nicht allzu viel Empathie – was sich trainieren lässt (bitte mal bei Hospizangestellten nachfragen).

Wer immer und überall Langeweile empfindet – auch und gerade während der o. g. existenziellen Ereignisse – fühlt demzufolge oft einfach nur „seine Rechte als Konsument infrage gestellt“ (D. F. Wallace, sinngemäß, siehe Video unten). Er empört sich über einen eklatanten Mangel an Unterhaltsamkeit, an Möglichkeiten, „Spaß zu haben“. Er vermisst die Option, sich zu amüsieren, sich abzulenken bzw. „was Spannendes zu machen“.

Auf folgende, sehr einfache Idee kommt der derartig zu Tode Gelangweilte allerdings niemals: Ich bin hier gar kein Konsument, sondern Akteur. Ich habe hier gar kein Recht, unterhalten zu werden, sondern ich bin als Handelnder und Gestaltender gefragt.

Au weh.

Neelassma, viel zu anstrengend. Und was da alles schiefgehen kann! Voll riskant. NeehabichjetztkeinZeitfür, da pfeif ich mir doch lieber noch 25 Folgen von der neuen HBO-Serie rein, die hat nämlich vollNiveauundso.

Wer „Spannung“ sucht, sucht eigentlich Ent-Spannung bzw. Zerstreuung. Die aber ist das Gegenteil von Konzentration.

Wohlgemerkt, ich rede hier keinerlei Verschwörungstheorie das Wort. Ich kann keine klar definierbaren Instanzen benennen, durch die viele an sich funktionstüchtige Gehirne ohne Not in die permanente Komfortzone gedrängt werden – außer, man macht, wie Johannes Paul II., diverse Rechtspopulisten sowie Botho Strauß und ein bisschen auch Christian Kracht den Stand der westlichen „Zuvielisation“ als Ganzes verantwortlich, was ich aber für ein Pseudo-Argument halte. Schließlich konnte bisher keiner dieser Fundamentalkritiker eine Zweit-Zivilisation aus der Hosentasche zaubern.

Was mich nervt, ist das kollektive, aber stets individuell begründete Primat des Spannendfindens, also den alltäglichen, unspektakulären, ebenso schleichenden wie langfristig zerstörerischen Sieg des Zerstreuungs- über den Konzentrationswillen.

Spannende These, oder?

 

Ich habe diesen Artikel (ohne den Video-Link) am 27. Mai in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

Wer Spannung sucht, sucht Entspannung. Ein Rant.

Ein Gedanke zu “Wer Spannung sucht, sucht Entspannung. Ein Rant.

  1. Gerhard schreibt:

    Gut geschrieben, aber was ich vor allem rauslese bzw. vermute, ist, daß die Benutzung des Wortes „spannend“ bei Dir nicht gut ankommt, weil es das Wort erster Wahl zu sein scheint, zumindest in Deinem Umfeld, mit dem Leute eine anregende Wirkung eines Erlebten umreissen. Wäre es für Dich angenehmer, wenn da häufiger und im Wechsel „Das ist aber anregend!“ Oder „Ein lebendiger Vortrag“ oder „interessant“ oder „das hat mich jetzt regelrecht aktiviert“ und ähnliches aufs Tapet käme?

    Als junger Mensch gab und gibt es für fast jeden eine Phase, in der ein angefüllter Tag das Optimum des Erlebbaren darstellte. Der Tag musste aus einer Unzahl unterschiedlicher Erfahrungen bestehen, dann war er wertvoll und „ein Gewinn“. Ich erinnere mich dabei immer wieder gerne an einen frühen Film mit Jean Paul Belmondo, in dem er einen Erlebnishungrigen darstellte, der im Sauseschritt von Event zu Event hüpfte, von anregendem Ereignis zum nächsten, immer im Wirbel, immer unter Dampf. Es gab dann erste Anzeichen, daß das nicht gut so weiter gehen konnte, doch unser Held wich von seiner Methode nicht ab…und mitten in einer Junkie-Erlebnis-Orgie, einer Besprechungsskizze in einem Hotel-Foyer über irgendein Projekt wurde plötzlich der Bildschirm dunkel…für vielleicht 30 Sekunden. Und danach sah man Sargtragende, die ihn, den Rastlosen, zur letzten Ruhe geleiteten.

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