Klarenz Barlow als Konzeptualist

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass der in die USA exilierte ex-Kölner und B.-A.-Zimmermann-Schüler Klarenz Barlow schon konzeptuelle Strategien verfolgte, als Johannes Kreidler noch gar nicht geboren war, dann liefert ihn folgendes Video einer Lecture, die Barlow vor 2 Jahren im portugiesischen Porto auf Englisch hielt:

Die schroffe Ablehnung, auf die Barlows „unmusikalische“ Kompositionsverfahren bei den Darmstädter Ferienkursen 1972 stießen (vgl. seinen launigen Bericht über jene Zeit von 10:50 bis etwa 13:40), erinnert verblüffend an die Vorbehalte, die noch heute, über 40 (!) Jahre später, von etablierten Akteuren der Neue-Musik-Szene gegen die Verwendung konzeptueller Kompositionsverfahren vorgebracht werden. Doch obwohl Barlow dann 1980 schließlich trotzdem den Kranichsteiner Musikpreis erhielt, werden seine seitdem pausenlos durch ihn propagierten Verfahren „Music from Language“, „Music from Other Musics“, „Music from Algorithms“, „Music from the Visual“ und „Music from Recordings“ erst seit Johannes Kreidlers Buch Musik mit Musik breiter diskutiert.

Eigentlich ist der letzte Satz falsch, hat Kreidler seine Ideen doch komplett unabhängig von Barlow entwickelt, obwohl ihm dessen Arbeiten (nach eigener Aussage) bekannt waren, wenn wohl auch nur flüchtig. Auch ist wiederum Kreidler Barlow unbekannt (bei 1:17:00 wird Barlow aus dem Publikum heraus gefragt, ob er Johannes Kreidler kenne, was dieser verneint). Was aber beide Komponisten sicherlich eint und antreibt,  ist ihr großer Ennui an der immergleichen, betongrauen „Nachkriegshaftigkeit“ der Neuen Musik in Deutschland. Barlow wurde durch diese bis heute nicht enden wollende Malaise zum Anti-Serialisten (Anti-Boulez), Kreidler zum Anti-Neue-Musik-Establishment-Aktivisten (Anti-Rihm).

So ähnlich sich beide Komponisten also in ihrer Infragestellung des Dispositivs „Neue Musik“ auch sein mögen, so unterschiedlich sind ihre Ziele und entsprechend unterschiedlich klingt auch ihre Musik: Wo bei Barlow das mit wissenschaftlicher Gründlichkeit verfolgte Interesse an der Verfertigung kompositorischer Systeme und Programme (die eher zeitlosen Charakter haben bzw. sich auch als „kompositorische Forschung“ bezeichnen ließen) überwiegt, zielen Kreidlers Arbeiten stärker auf direkte politische Einflussnahme im Sinne einer situationistischen (?) Kapitalismuskritik.

Ganz unabhängig von solchen Differenzierungen aber ringt mir  Barlows Beharrungsvermögen, dieses sein Projekt gegen alle Widerstände und ohne sonderlich große Anerkennung in der Welt der Neuen Musik über nun 5 Dekaden (!) unbeirrt weiterzuverfolgen, schiere Bewunderung ab:

Voilà un artiste (maudit)!

(Gruß an Moritz Eggert an dieser Stelle)

P.S.: An den folgenden 6 Samstagen werde ich hier unter dem Titel „Klarenz Barload der Woche“ jeweils eine Player-Piano-Komposition Barlows präsentieren. Wer es nicht erwarten kann: Hier ist die Quelle.

Ergänzung 2014-06-22: Die Originalpartitur von Barlows Komposition „TEXT-MUSIC“ aus dem Jahr 1971 steht jetzt hier online.

Hat Ihnen dieser Text gefallen? Dann schicken Sie mir doch auch etwas zu lesen 🙂
Am besten von meinem öffentlichen Wunschzettel.
Advertisements
Klarenz Barlow als Konzeptualist

Kommentieren:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s