Pigliucci verabschiedet den Turing-Test

turingAnfang dieses Montas erschütterte diese Nachricht die Welt: Erstmals habe eine Künstliche Intelligenz den Turing-Test bestanden, was einen „Durchbruch“ darstelle. Mit der Allgegenwart intelligenter Maschinen sei nun in kürzester Zeit zu rechnen, deren Weltherrschaft stehe unmittelbar bevor, der Untergang des Abendlandes … – den Rest kennen wir.

„Alles Blödsinn“, antwortet darauf einige Tage später der New Yorker Philosophie-Prof Massimo Pigliucci in seinem hiermit einmal mehr heiß empfohlenen Blog „Scientia Salon“. Dass Vladimir Veselovs KI-Entität „Eugene Goostman“ (zugegeben ein nur mäßig origineller Name) den Turing-Test, nun ja, so irgendwie / halbwegs / zeitweise bestanden habe, sei eher der Antiquiertheit von Turings Test-Design als den Fähigkeiten von Veselovs Elaborat zuzuschreiben.

Warum ist das so? Nun, so Pigliucci, weil der Turing-Test keine der fünf Kern-Eigenschaften wirklich messen kann, die eine „denkende Maschine“ haben müsste, um als solche gelten zu können:

  1. Einsicht (intelligence)
  2. Rechenleistung (computing power)
  3. Ich-Bewusstsein (self-awareness)
  4. Empfindungsvermögen (sentience)
  5. Gedächtnis (memory)

Der Erfolg „Eugene Goostmans“, so Pigliucci, zeige darüber hinaus vor allem eines: Das behavioristische Zeitalter neigt sich seinem Ende zu.

Turing was interested in the question of whether machines can think, and he was likely influenced by the then cutting edge research approach in psychology, behaviorism, whose rejection of the idea of internal mental states as either fictional or not accessible scientifically led psychologists for a while to study human behavior from a strictly externalist standpoint. Since the question of machine thought seemed to be even more daunting than the issue of how to study human thought, Turing’s choice made perfect sense at the time. This, of course, was well before many of the modern developments in computer science, philosophy of mind, neurobiology and cognitive science.

All diese post-Turing’schen Entwicklungen deuteten nämlich darauf hin, dass der introspektionsfeindliche Reduktionismus des Behavorismus zwar zunehmend brillantere Simulationen des menschlichen Geistes, aber kaum Einsichten in dessen tatsächliches Funktionieren hervorgebracht habe.

Vor ziemlich genau 2 Jahren (die „Weltsicht“ berichtete) gab es schon mal einen ähnlichen „Durchbruch“: Dem Komponisten Gustavo Díaz-Jerez war es gelungen, seine partitursynthetischen Verfahren in Form der KI-Entität IAMUS zu externalisieren: Fertig war der „kreative“ Kompositionsrobotoer, dessen Output (hier kann man was hören) tatsächlich für meine Ohren nicht von Benjamin-Britten-Kompositionen zu unterscheiden ist (nichts gegen Britten, er steht hier lediglich stellvertretend für den Mainstream moderner klassischer Musik der Mitte des 20. Jahrhunderts).

Nun, die handwerkliche Qualität des Outputs von IAMUS  – die Arbeiten von David Cope gehen in eine ähnliche Richtung – mag so anerkennenswert sein, wie sie will. Sie wird sich in den nächsten Jahren sicherlich sogar noch verbessern. Es ist auch abzusehen, dass immer mehr KI-Entitäten (also Soft- oder Hardware) den Turing-Test bestehen werden. Dennoch wird nirgendwo etwas am Horizont auftauchen,  das jemand mit gesundem Menschenverstand als „Künstliche Intelligenz“ beschreiben würde.

And that’s why we need to retire the Turing test once and for all. It doesn’t tell us anything we actually want to know about machine thinking.

P.S. In meinem Essay „Komponieren heute“ aus dem vergangenen Jahr setze ich mich ebenfalls mit dem Thema „Künstliche Intelligenz und musikalische Komposition“ auseinander. Diesen Essay gibt es auch als Video.

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Am besten von meinem öffentlichen Wunschzettel.
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