Johannes Kreidler: „Stockhausen – 9/11 – Hypermodern Art“ (2014)

In dieser dichten und gelungenen Passage seines siebenstündigen Musiktheaters „Audioguide“ (welches übrigens – als Ganzes – hervorragend als sanfter, aber nachhaltiger Exorzismus des Dispositivs „Neue Musik“ funktioniert) verbindet Kreidler auf wohl erwogene Weise drei Monstrositäten:

  1. den Terroranschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001
  2. die Äußerung des „Neue Musik“-Komponisten Karlheinz Stockhausen, dieser Anschlag sei „das größte Kunstwerk, was es je gegeben hat“
  3. Bedingungen der Möglichkeit wahrhaft zeitgenössischer, also hypermoderner Kunst

Besonders interessant dabei die m. E. nur halbironisch vorgebrachte Behauptung, 9/11 sei deswegen – im Gegensatz etwa zum 2. Weltkrieg – kaum zur Inspirationsquelle für die zeitgenössische Kunst geworden (Steve Reich bildet hier eine löbliche Ausnahme), weil es eben, obwohl von Atta und seinen Spießgesellen nicht so konzipiert, selbst schon Kunst gewesen sei. Hatte Stockhausen also recht mit seiner monströsen Aussage? Hat ihn die Geschichte letztlich bestätigt?

Weiterhin heißt es ab ca. Minute 9, die interessanteste Kunst des 21. Jahrhunderts „doesn’t primarily operate in the art mode.“ Als Beispiele werden u. a. genannt:

  • „the totality of the David Letterman Show“
  • „Porn is the expressionism of 21st century“
  • „the lifework of Bach music imitation programmer David Cope including the controversy“

Bei aller performativen Vehemenz, mit der diese Ansichten vorgebracht werden, bleibt doch aber immer kunstvoll in der Schwebe, welche Meinung Kreidler selber vertritt – was ich aber nicht als Mangel, sondern gerade als genuin ästhetische Leistung wahrnehme.

Denn weder verurteilt dieses Musiktheater, noch verherrlicht es. Es erhebt keinen Zeigefinger oder spricht gar aus der Position moralischer Überlegenheit. Es ist nicht sarkastisch oder zynisch, oder gar Schlingensief’scher Neo-Fluxus, sondern eine auf äußerste Frivolität hin optimierte Komposition vorgefundenen und eigenen Materials, zu der sich der Zuschauer gezwungen sieht, eine Meinung zu haben.

Johannes Kreidler: „Stockhausen – 9/11 – Hypermodern Art“ (2014)

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